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Das religiös-pädagogische Kindheitsmilieu Nietzsches

Eine biographisch-philosophische Interpretation frühester Aufzeichnungen
Chapter

Zusammenfassung

Wenn wir uns den frühesten Aufzeichnungen Nietzsches zuwenden, so werden wir unmittelbar mit der Frage konfrontiert, wann Nietzsche überhaupt schreiben gelernt hat. Der erste überlieferte Brief Nietzsches stammt vom Juni 1850; er ist also einige Monate nach der Übersiedlung von Röcken nach Naumburg verfaßt, die im April desselben Jahres stattgefunden hatte.1 Der Brief zeigt eine relativ ausgeprägte handschriftliche Fertigkeit, und es ist nicht anzunehmen, daß Nietzsche in den zwei bis drei Monaten, in denen er — vermutlich seit Ostern 1850 — die Bürgerschule in Naumburg besuchte, eine solche Übung erreicht hatte. Vielmehr ist zu vermuten, daß er schon vor der Übersiedlung lesen und schreiben gelernt hatte, sich also die grundlegenden Kenntnisse schon in Röcken, und somit vor dem sechsten Lebensjahr, aneignen konnte. In diese Richtung geht auch das Urteil der Mitglieder der Familie Nietzsches, insbesondere was seine Schwester und die Ausführungen seiner Mutter betrifft, wenn auch ein Gegensatz darüber herrscht, von wem zuerst Nietzsche unterrichtet wurde — vom Vater oder von der Mutter. In der 1895 erschienenen Biographie sagt Elisabeth Förster-Nietzsche über ihren Bruder: »Mit vier Jahren fing er schon zu lesen und zu schreiben an.«2 Und in dem 1912 veröffentlichten Werk »Der junge Nietzsche« schreibt sie, daß ihm der Vater den ersten Unterricht gegeben hatte; dieser war zwar 1848 erkrankt, doch in Zeiten der Besserung, d.h. an schmerzensfreien Tagen, habe er Predigten niedergeschrieben oder Konfirmanden unterrichtet, und — so fügt die Schwester hinzu — »im Frühling 1849 fing er auch an, seinen Fritz ein wenig zu unterrichten, der ein ungewöhnliches Interesse für Bücher, Lesen und Schreiben zeigte«.3

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Elisabeth Förster-Nietzsche, Der junge Nietzsche, Leipzig 1912, S. 21; vgl. dieselbe, Das Leben Friedrich Nietzsches, Bd. 1–2, Leipzig 1895–1904, S. 14 (künftig: Leben Nietzsches).Google Scholar
  2. 5.
    Adalbert Oehler, Nietzsches Mutter, München 1940, S. 57, Anm. 2.Google Scholar
  3. 30.
    Walter Krug, Friedrich Nietzsche als Freund; in: Atlantis 20/1948, S. 78.Google Scholar
  4. 31.
    Reiner Bohley, Nietzsches Taufe; in: Nietzsche-Studien 9/1980, S. 394.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1999

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