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Adam Bernd — oder vom frühen und notgedrungenen Selbstdenken

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Zusammenfassung

Mit Adam Bernd beginnt die Geschichte der anthropologischen Autobiographie in Deutschland. Der bis vor wenigen Jahren so gut wie vergessene Adam Bernd ist noch am Ende des 18. Jahrhunderts berühmt und berüchtigt gewesen. Seine Eigene Lebens-Beschreibung von 1738 [1] zählte man zu den großen Exempeln autobiographisch-anthropologischer Literatur — deren Fortsetzung von 1742 [2] und die selbstbiographische Begründung Bernds von 1745, warum er sie darüber hinaus »nicht fortzusetzen gesonnen« [3], fand hingegen, wie heute, kaum aufmerksame Leser. Den ersten und wichtigsten Teil der Lebensbeschreibung aber nannte Herder, wie schon zu hören war, ineins mit den Schriften von Augustin, Petrarka, »Montagne« und »Cardan«. [4]. Dies war 1778, vier Jahre vor der Veröffentlichung der Konfessionen jenes Kronzeugen literarischer Anthropologie, Rousseau. Nach deren Publikation ist man schnell mit dem Vergleich von Adam Bernd und eben Rousseau zur Hand. Beide teilen sich im Urteil der Nachkommenden in die partielle Bewunderung und in die Ablehnung, die solcher Literatur der Selbstentblößung zuteil wird. Carl Friedrich Pockels, der während des Moritzschen Aufenthaltes in Italien dessen Magazin zur Erfahrungsseelenkunde herausgibt, spricht [5], in Anlehnung an Wezels Anthropologie, von Bernd als von einem der »sonderbarsten Hypochondristen der Weltgeschichte«, bescheinigt ihm aber auch »Rousseauische Genauigkeit« in der Selbstanalyse. [6] Halb fasziniert, halb distanziert rekapituliert Pockels in langen Zitaten und eigenen Stellungnahmen die Äußerungen Bernds zu den Zwangsvorstellungen und zum Gedanken an Selbstmord wider Willen.

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Anmerkungen

  1. 9.
    Brief an den Bruder vom 24. 10. 1759, in: Johann Georg Hamann, Briefwechsel, hg. von W. Ziesemer und A. Henckel, Bd. I, Wiesbaden 1955, S. 433f.Google Scholar
  2. 10.
    Erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts entdeckte — von gelegentlichen Erwähnungen in Kirchengeschichten abgesehen — der Psychologiehistoriker Max Dessoir Adam Bernd neu (vgl. Geschichte der neueren deutschen Psychologie, 2. Aufl., Bd. I, Berlin 1897ff., S. 305ff., 535ff. und passim). Aber es dauerte noch einmal ein dreiviertel Jahrhundert, bis durch die verdienstvolle Neuedition der ›Eigenen Lebens-Beschreibung‹ das Buch und sein Autor wieder allgemeiner bekannt wurden (Adam Bernd, Eigene Lebens-Beschreibung, hg. von Volker Hoffmann, München 1973). Nach dieser Ausgabe, die den Text vorsichtig normalisiert (vgl. S. 428f.), wird der erste Teil der Lebensbeschreibung im folgenden zitiert.Google Scholar
  3. 17.
    Anfang und Fortgang der Bekehrung A. H. Francke’s von ihm selbst beschrieben; hier zitiert nach der Ausgabe von G. Kramer, Beiträge zur Geschichte August Hermann Francke’s, Halle 1861, S. 28ff.Google Scholar
  4. 24.
    Vgl. Manfred Fuhrmann, Rechtfertigung durch Identität — über eine Wurzel des Autobiographischen, in: Identität. Poetik und Hermeneutik, Bd. VIII, hg. von Odo Marquard und Karlheinz Stierle, München 1979, S. 685ff.Google Scholar
  5. 29.
    Zur historischen Genese dieses bei schlesischen Theologen aufgrund der besonderen bikonfessionellen Situation häufigen Indifferentismus vgl. Herbert Schöffler, Der Osten im deutschen Geist. Von Martin Opitz zu Christian Wolf (!), Frankfurt a. M. 1940, S. 186ff.Google Scholar
  6. 31.
    Vgl. zum Prozeß Martin Schmidt, Valentin Ernst Löschers Einspruch gegen Christian Melodius. Ein Beitrag zur Charakteristik des sächsischen Luthertums, in: M. Sch., Wiedergeburt und neuer Mensch, Gesammelte Studien zur Geschichte des Pietismus, Witten 1969, S. 357ff.Google Scholar
  7. 43.
    Bernd bezieht sich auf die damals geläufige Sentenz »partus sequitur ventrum« und insbesondere auf Malebranches Theorie der imaginatio contagiosa; er sieht seinen Fall parallel zu dem in Malebranches Buch »De la recherche de la vérité« zitierten Beispiel, daß nämlich eine Schwangere, die bei einer Hinrichtung durch Rädern zugesehen, ihre dadurch erhitzte Phantasie weitergegeben und ein Kind mit gebrochenen Armen und Beinen auf die Welt gebracht habe (Nicolas Malebranche, De la recherche de la vérité. Ou l’on traitte de la nature de l’esprit de l’homme, et de l’usage qu’il endoit faire pour éviter l’erreur dans les sciences, Paris 1674ff., hier zitiert nach der Ausgabe Malebranche, Œuvres complètes, Bd. I, hg. von Geneviève Rodis-Lewis, Paris 1962; 2. Buch, 1. Teil, Kap. 7, S. 238ff.). Bernd verwendet die von Malebranche selbst besorgte Übersetzung ins Lateinische; deren erste Aufl. ist in Genf 1685 erschienen: P. Malebranche, De inquierenda veritate libri sex. In quibus mentis humanae natura disquiritur, & quomodo varijs illius facultatibus, ut in Scientijs error vitetur, utendum sit, demonstratur.Google Scholar
  8. 47.
    Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl, Saturn and Melancholy. Studies in the History of Natural Philosophy, Religion and Art, London 1964.Google Scholar
  9. 54.
    Zu dem für diese Auffassung besonders wichtigen Marsilio Ficino und auch sonst vgl. Erwin Panofsky und Fritz Saxl, Dürers Melencolia I. Eine quellen- und typengeschichtliche Untersuchung, Leipzig, Berlin 1923.Google Scholar
  10. 59.
    Noch einmal sei hingewiesen auf die Darstellungen von Max Dessoir (Geschichte der neueren deutschen Psychologie, 2. Aufl., 1902, S. 41ff.) und Max Wundt (Die deutsche Schulphilosophie im Zeitalter der Aufklärung, hier insbes. zu Bernds Breslauer Stipendiatskollegen Wolff, S. 125ff.).Google Scholar
  11. 67.
    Georg Wilhelm Leibniz, Nouveaux Essais sur l’entendement humain, entstanden 1700–04, ersch. 1765, hier zitiert nach G. W. Leibniz, Sämtliche Schriften und Briefe, hg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Nouveaux Essais, Berlin 1962: Préface, S. 53ff. und passim.Google Scholar
  12. 68.
    Wichtig für diesen Zusammenhang eine weitere, noch längst nicht überholte ältere Arbeit: Alfred Baeumler, Das Irrationalitätsproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur Kritik der Urteilskraft, Halle 1923, 2. Aufl., Tübingen 1967, hier bes. S. 39f.Google Scholar
  13. 78.
    Zu Descartes siehe besonders »Les passions de l’âme« (Amsterdam, Paris 1649), ein Traktat, der aus der oben zitierten Korrespondenz mit Prinzessin Elisabeth von der Pfalz über das Problem des commercium mentis et corporis hervorgegangen ist. Wichtig dazu auch die deutsche Ausgabe der anderen anthropologischen Schriften Descartes’ von Karl E. Rothschuh: Über den Menschen (Traité de l’homme, 1632) und Beschreibung des menschlichen Körpers (La description du corps humain, 1648), erschienen Heidelberg 1969.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1987

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