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Distanzierungen vom Expressionismus innerhalb der Avantgarde

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Zusammenfassung

Gegen den Begriff »Expressionismus« und die von ihm bezeichneten Tendenzen in der jüngsten Literatur opponierten unter den Zeitgenossen nicht nur die traditionsorientierten Kritiker, die älteren und schon »etablierten« Autoren und die politisch nationalkonservative Intelligenz (s. dazu S. 78 ff.); Skepsis und Widerstand äußerten vielfach auch einige, die ihrem eigenen Verständnis und dem der literaturkritischen Öffentlichkeit nach selbst zur jüngsten Literaturszene dazugehörten. Daß ausgerechnet Hermann Bahr, der sich jedem neuen Trend allzu rasch aufgeschlossen zeigte, zu den ersten gehörte, die den »Expressionismus« auch als literarisches Phänomen in einer Monographie zu beschreiben versuchten [1], hat sicher mit dazu beigetragen, den Begriff und die Sache der literarischen Avantgarde schon früh verdächtig zu machen. Friedrich Koffka, der ein Mitglied des »Neuen Club« (s. o. S. 29) war und dessen Drama Kain 1918 in einer Veranstaltung der den Dramen-Expressionismus fördernden Gesellschaft »Das junge Deutschland« (vgl. Dok. 23) uraufgeführt wurde, nahm Bahrs Schrift zum Anlaß eines heftigen Angriffs gegen den »Expressionismus« und seine Programmatiker:

Hermann Bahr veröffentlicht eine Schrift über den Expressionismus. (Die Schaubühne brachte eine Probe und eine Kritik.) Es macht diesem Schriftsteller anscheinend Freude, jeder neuen Parole seine Genehmigung zu erteilen und durch entsprechende Nachworte allemal sicherzustellen, daß er auf dem laufenden sei. Unter den Programmen der letzten Jahrfünfte ward kaum eines ohne die gütige Mitwirkung Hermann Bahrs vom Stapel gelassen. Immer wieder erstaunt man, was so ein Wiener Magen alles verdaut.

Es geht hier nicht um den geistreichen, sehr gebildeten Schriftsteller Bahr. Man hat sich vielmehr zu fragen, ob ein Anlaß besteht, auf jede Torheit hereinzufallen; ein bündiger Grund, jeden Mist, von heutigen Maler- und Dichterschulen bedeutungsvoll vor die Tür geschaufelt, mit dem geduldigen I-A des nikkenden Esels zu grüßen. Haben wir, weil wir jung sind, kein Recht darauf, eine Banalität, die jung ist, beim Namen zu nennen? Müssen wir Kategorien für Brot nehmen? Einfältige Benennungen für Speise? Und soll das immer so weitergehen, daß man Prinzipien für Geschöpfe in die Welt setzt und Bewegungen für Bewegtes?

Es hört sich gut an: die Kunst sei in Frage, nicht das einzelne Kunstwerk. Aber man kann den Satz auch umgekehrt lesen, und ich stimme mit einiger Entschiedenheit für die Umkehrung. Es ist das Verhängnis dieser Zeitläufe, daß immerfort neue »Strömungen« sichtbar werden, nirgends ein Strom. Wenn nichts noch, aber auch gar nichts vorhanden ist: der Name liegt immer schon vor; die Kategorie ist parat. Man mag diesen Herren manches nachsagen: aber ihre Begriffe haben sie fest am Schnürchen, und mit der Luft verstehen sie wie nur einer zu hantieren. [2]

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