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Massenunterhaltung und Jugendliteratur. Zur Auflösung des narrativ-auktorialen Schreibkonzepts in der Jugendliteratur der Jahrhundertwende

  • Gisela Wilkending
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Zusammenfassung

Im Folgenden geht es nicht, wie dies der Obertitel des Aufsatzes nahelegen könnte, um das ‘Elend der Jugendliteratur’ in der Einschätzung von Heinrich Wolgast, der — zunächst jedenfalls — bekanntlich die gesamte fiktionale Jugendliteratur als ‘Afterliteratur’ kennzeichnete und gegen die ‘Kunstliteratur’ abgrenzte. Insofern liegt allerdings ein Bezug zu Wolgast vor, als auch für ihn (als Volksschullehrer in einer Großstadt war das seinerzeit naheliegend) die Entwicklung des Verhältnisses zwischen der Lektüre der neualphabetisierten ‘Massen’ und der Lektüre des ‘Bildungsbürgertums’ von grundsätzlichem Interesse gewesen ist. Wolgast untersuchte diese Verhältnisse v.a. mit Blick auf die der Jugend des ‘literaten’ Bürgertum zugedachte Literatur, wie sie bspw. in einer „hochangesehenen Verlagsfirma“ (Wolgast 1890, 33) wie dem Verlag Velhagen & Klasing erschien und zu einem sehr hohen Preis verkauft wurde,1 und mit Blick auf die an das breite Publikum adressierte Literatur, die in Heftchenform seit ca. 1860 bei Preisen von 10 oder 25 Pfg. und in Buchform seit ca. 1870 auf dem Markt erschien.2 Die Marktentwicklungen im Jugendbuchsektor, das sah Wolgast scharf, zeigen nicht nur die Herausbildung oder Ausdifferenzierung von Leserschichten Neualphabetisierter an, sondern sie sind gleichzeitig auch ein Indikator für den Prozeß der Auflösung des ‘klassisch bürgerlichen’ Lesepublikums bzw. für dessen Verschmelzung mit anderen Leserschichten, ein Prozeß, der um 1900 offenkundig eine neue Qualität erreicht hat.

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2002

Authors and Affiliations

  • Gisela Wilkending
    • 1
  1. 1.KölnDeutschland

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