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Küsse — Dichter — Helden — Schüsse: Über Motivketten und Chiffren in Heines »Romanzero«

  • Ortwin Lämke
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Zusammenfassung

Aus Heines Sicht sollte der »Romanzero« (Erstausgabe im Oktober 1851) die »dritte Säule« seines »lyrischen Ruhmes« werden (HSA XXIII, 52), im Anschluss an das »Buch der Lieder« (1827) und die »Neuen Gedichte« (1844). Dabei war allerdings die Entstehungszeit des größten Teils der Gedichte sehr viel knapper bemessen als bei den anderen, ebenfalls zyklisch angelegten Gedichtbänden: »Insgesamt läßt sich festhalten, daß die Hauptmasse in dem recht kurzen Zeitraum von drei Jahren entstanden ist.« (DHA III/2, 441) Dies lässt eine größere Homogenität als bei den früheren Büchern erwarten. Das Gegenteil aber ist der Fall. Zwar entstand tatsächlich »ein Werk von großer kompositorischer Geschlossenheit«, wie Gerhard Höhn feststellt, das allerdings »formal, stofflich und inhaltlich sehr Disproportionales« integrieren muss.1 Wie aber entsteht aus Disproportionalem formaler, stofflicher und inhaltlicher Art der Eindruck eines Werkes von kompositorischer Geschlossenheit? Kompositorisch ist da die sehr deutliche Einheitlichkeit der einzelnen »Bücher«. Und etwas Wesentliches kommt hinzu. Heine verbindet alle drei Zyklen eben doch inhaltlich miteinander, schafft sozusagen zahlreiche unterirdische Verbindungen zwischen den Abteilungen: Es sind dies die motivischen Entsprechungen, die geradezu zu Ketten ausgearbeitet sind, und die Chiffren, die immer wieder an entscheidenden Textstellen auftauchen — quer zur strengen formalen Gliederung der Sammlung. Um diese Tiefenhermeneutik soll es hier gehen.2

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Anmerkungen

  1. 1.
    Gerhard Höhn: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. Stuttgart und Weimar 21997, S. 139.CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Vgl. Norbert Altenhofer: Chiffre, Hieroglyphe, Palimpsest. Vorformen tiefenhermeneuti-scher Interpretation im Werk Heines. — In: ders.: Die verlorene Augensprache. Über Heinrich Heine. Hrsg. v. Volker Bohn. Frankfurt a. M., Leipzig 1993, S. 104–153. Ein Blick in das verdienstvolle Chiffren- und Figurenregister der Ausgabe Klaus Brieglebs (vgl. B VI/2, 828 ff.) verdeutlicht, dass Heines Tiefenhermeneutik innerhalb des Gesamtwerks kommunizierende Röhren schafft. So könnte eine Untersuchung der Bezüge zwischen dem »Buch der Lieder«, den »Neuen Gedichten« und dem »Romanzero« sich als ausgesprochen fruchtbar erweisen.Google Scholar
  3. 7.
    Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999, S. 121. Das im Motto der »Historien« genannte »Heldenlied« bezieht sich im Grunde auf sämtliche »Historien«, es geht in ihnen um die historische, mythische, literarische, biblische Überlieferung, explizit aber wird es in »Der Mohrenkönig« und »Vitzliputzli« genannt. In den »Lamentazionen« taucht es in zwölf Gedichten auf, ebenso in allen vier Teilen des »Jehuda ben Halevy«.Google Scholar
  4. 8.
    Hartmut Steinecke: »Wir stammen vom Schlemihl«. Jüdische Dichter-Bilder in Heines Spätwerk von Jehuda ben Halevy bis Rabbi Faibisch. In: Aufklärung und Skepsis. Internationaler Heine-Kongreß 1997 zum 200. Geburtstag. Hrsg. v. Joseph A. Kruse, Bernd Witte, Karin Füllner. Stuttgart, Weimar 1999, S. 303–321, hier S. 319.Google Scholar
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    »Wir stammen / Von Schlemihl ben Zuri Schadday«; der wird als Unschuldiger vom Speer des Pinhas getroffen, hat einen »Stammbaum« von dreitausend Jahren mit Früchten unterschiedlicher Qualität begründet und ist dem Text nach nicht als Dichter hervorgetreten (DHAIII, 155 f.). Bluma Goldstein geht ebenfalls von dieser doppelten Genealogie aus: »Schlemihl […] figures here as the forefather of both Jew and poet […].« (Bluma Goldstein: Heine’s Hebrew Melodies: A Politics and Poetics of Diaspora. — In: Heinrich Heine’s Contested Identities. Politics, Religion, and Nationalism in Nineteenth-Century Germany. Ed. by i and Robert C. Holub. New York (u. a.) 1999, S. 49–68, hier S. 58).Google Scholar
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    Der dichten, anders perspektivierten Interpretation Jutta Nickels zufolge trägt das »Gewächs aus Gabirols Grab« Thora-Rollen als Früchte und verkündet das Ende des Exils (Jutta Nickel: Grabgeschichten. Zur Besichtigung einer Ortschaft im »Romanzero«. — In: HJb 2003, S. 37–58, hier S. 52, zu Gabirols Grab S. 50–53).Google Scholar
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    Vgl. Ortwin Lämke: Heine, »Lutèce« et le communisme. Une nouvelle conception de l’histoire après 1848? — In: Revue Germanique Internationale 9 (1998), S. 89–102, hier S. 99 ff.CrossRefGoogle Scholar
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    Vgl. Sachs-Villatte: Enzyklopädisches Französisch-Deutsches und Deutsch-Französisches Wörterbuch. Berlin 1911. Bd. I, S. 317. Der Gebrauch für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist belegt in: Trésor de la Langue Française. Dictionnaire de la langue du XIXe et XXe siècle (1789–1960) publié sous la direction de Paul Imbs. Tome Septième (Désobstrueur — Epicurisme) Paris 1979, S. 1085.Google Scholar
  15. 41.
    Vgl. Michael Werner: Enfant perdu. Heines poetisch-politisches Vermächtnis. — In: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine. Hrsg. v. Bernd Kortländer. Stuttgart 1995, S. 180–194, hier S. 188. Landwehr denkt an die Marseillaise (»Enfants de la patrie«) als Quelle für »Enfant perdü« (vgl. Helmut Landwehr [Anm. 30], S. 14).Google Scholar
  16. 45.
    Vgl. Ortwin Lämke: Heines Begriff der Geschichte. Der Journalist Heinrich Heine und die Julimonarchie. Stuttgart 1997, S. 136–139.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Ortwin Lämke
    • 1
  1. 1.MünsterDeutschland

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