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»Indezent und degoutant zugleich« Intertextuelles in Heines »Romanzero« — am Beispiel August von Platen

  • Robert Steegers
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Part of the Heine-Jahrbuch book series (HEIJA)

Zusammenfassung

»Das ist indezent und degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben Augenblicke, wo wir frühstücken wollen.«2 Mit diesen Worten verweist Effi Briest ihrem Begleiter, dem Major von Crampas, weitere Ausführungen zu einem Gedicht seines Lieblingsdichters Heine. Am Wendepunkt von Fontanes Roman, den Ehebruch Effis mit Crampas vorbereitend, zitiert dieser den »Vitzliputzli« aus dem »Historien«-Zyklus des »Romanzero«: »Vitzliputzli ist nämlich«, erzählt er beim gemeinsamen Ausritt, »ein mexikanischer Gott, und als die Mexikaner zwanzig oder dreißig Spanier gefangengenommen hatten, mussten diese zwanzig oder dreißig dem Vitzliputzli geopfert werden. Das war da nicht anders, Landessitte, Kultus, und ging auch alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz raus …«3 Wie das Menschenopfer in Heines Romanze spielt auch das erotisch aufgeladene Frühstück von Effi und Crampas mit dem Bildvorrat der Eucharistie, bei Teebrötchen, Aufschnitt und Wein bereitet der Ehebruch sich vor. Am Ende nimmt Crampas, zu deren Verwirrung und Verlegenheit, Effis Weinglas als Liebespfand an sich, als Vorzeichen eines anderen Kelches, aus dem er noch zu schlürfen gedenkt. Dass Fontane an dieser zentralen Stelle seines Romans ausgerechnet Heines »Vitzliputzli« aufruft, zeugt von seinem Gespür für das subversive sinnliche Potential der Romanze, die geeignet scheint, eine auf Triebverzicht gestellte Gesellschaftsordnung zu unterminieren: Im lustvollen Schauder über die blutigen Menschenopferszenen beginnen die Verhältnisse zu tanzen, Macht und Autorität werden infrage gestellt — bei Heine die von Thron und Altar und ihrem moralischen Überbau, bei Fontane die Selbstverständlichkeit der Institution Ehe und die lebensfernen Ehr- und Moralvorstellungen der wilhelminischen Gesellschaft. Im ganzen »Romanzero« werden immer wieder die Grenzen des dem zeitgenössischen Publikum Zumutbaren erreicht oder gar überschritten; zu Elementen von Sinnlichkeit und Destruktivität treten bis dahin zumindest in der Gattung Lyrik selten gehörte Formen von Komik und Exotik.

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Anmerkungen

  1. 2.
    Theodor Fontane: Effi Briest. Berlin 1963, S. 148.Google Scholar
  2. 3.
  3. 4.
    Vgl. Richard Aczel: Art. »Intertextualitätstheorien und Intertextualität«. — In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hrsg. von Ansgar Nünning. Stuttgart, Weimar 1998, S. 241–243.Google Scholar
  4. 5.
    Grundlegend dazu: Susanne M. Zantop: Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland (1770–1870). Berlin 1999 (=Philologische Studien und Quellen Bd. 158).Google Scholar
  5. 6.
    Ferdinand Cortez, oder: Die Eroberung von Mexico. Nach dem Französischen von I. F. Castelli. Zweyte Auflage. Wien 1819, S. 12.Google Scholar
  6. 7.
    Vgl. das Platen und Heine betreffende Kapitel in Hans Mayers gleichnamigem Werk (Frankfurt 1975), S. 207–223. — Da sich die Literatur zum Verhältnis von Heine und Platen bislang auf die »Bäder von Lukka« und deren Vor- und Nachgeschichte konzentriert, braucht sie hier nicht im einzelnen herangezogen zu werden. Hingewiesen sei auf den jüngst vorgelegten, sehr anregenden Versuch, der Kontroverse aus der Perspektive der Gay Studies neue Aspekte abzugewinnen: Stuart Ferguson: Heinrich Heines »Die Bäder von Lukka« als perverse Ethopoetik: Die Ästhetik der Sexualabweichung und/oder die Rhetorik homophobischer Verunglimpfung. — In: HJb 41 (2002), S 37–53.Google Scholar
  7. 8.
    Vgl. DHA VII, 1141–1148.Google Scholar
  8. 9.
    Darauf weist Wolfram Groddeck hin (»Der Asra«. Intertextualität und Poetologie in einem Gedicht aus Heinrich Heines Romanzero. — In: HJb 31 [1992], S. 79–91, hier: S. 86). Dort auch wichtige grundsätzliche Überlegungen zum Phänomen der Intertextualität in Heines Werk.Google Scholar
  9. 10.
    Vgl. DHA VII, 128.Google Scholar
  10. 11.
    Richard Georg Spiller von Hauenschild in den »Blättern für literarische Unterhaltung«. Vgl. DHA III, 560–562.Google Scholar
  11. 12.
    Vgl. Der Schatz des Rhampsinit. Ein Lustspiel in fünf Akten. — In: August Graf von Platens sämtliche Werke in zwölf Bänden. Historisch-kritische Ausgabe mit Einschluss des handschriftlichen Nachlasses. Hrsg. v. Max Koch und Erich Petzet. Leipzig o. J. [1909], Bd. IX, S. 198–264, hier: S. 236.Google Scholar
  12. 13.
    Auch Karl Gutzkow kolportiert den Vorfall in seiner Börne-Biographie. Börne selbst berichtet in einem Brief an Jeanette Wohl (28. Mai 1832), die Uhr sei ihm nächtens aus dem Zimmer gestohlen worden. Vgl. DHA XI, 539f.Google Scholar
  13. 14.
    Die Komik dieser Passage fokussiert im Grammatikalischen: ihn, den Dieb, erwartet der Leser im Akkusativ, dafür die Polizei im Dativ — und nicht umgekehrt.Google Scholar
  14. 15.
    Die phallische Qualität dieses »Zauberschlüssels« macht es pikant, dass Helmut Landwehr in seiner gleichnamigen Dissertation, S. 27, in ihm den »Schlüssel zu Heines ›Romanzero«‹ (Hamburg 2000) versinnbildlicht sieht.Google Scholar
  15. 16.
    Vgl. DHA VII, 107f. und 122–125.Google Scholar
  16. 17.
    Vgl. Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. IX, S. 167–174.Google Scholar
  17. 18.
    Brief Knebels an Platen, 10. Dezember 1823. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. IX, S. 169–171, Anm., hier: S. 170.Google Scholar
  18. 19.
    Ebd., S. 169f. — Dass Knebel in Anwendung des Sprichworts »Quod licet Iovi non licet bovi« Platen Recht und Fähigkeit absprach, seinem »edlen poetischen Landsmann[]« (ebd., S. 169) Goethe und dessen »West-östlichen Divan« nachzufolgen, machte den Angriff für Platen so verletzend — und für die hier unternommene Lektüre der »Plateniden« so interessant. Zu der Kontroverse Knebel-Platen vgl. auch Peter Bumm: August Graf von Platen. Eine Biographie. Paderborn u. a. 1990, S. 325 f., und J. C. Bürgel: Platen und Hafis. — In: August Graf von Platen. Leben, Werk, Wirkung. Hrsg. v. Hartmut Bobzin und Gunnar Och. Paderborn u. a. 1997, S. 85–102, hier: S. 87.Google Scholar
  19. 20.
    An den Ramlerianer. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. IX, S. 173.Google Scholar
  20. 21.
    Ebd., S. 172f.Google Scholar
  21. 22.
    Adolf Stahr: Zwei Monate in Paris. Oldenburg 1851. — Zitiert nach: Werner II, 206f.Google Scholar
  22. 23.
    Poeten der Jetztzeit, in Briefen an eine Frau. Von Dr. J. Scherr. Stuttgart 1844, S. 65.Google Scholar
  23. 24.
    Ebd., S. 42–65.Google Scholar
  24. 25.
    Ebd., S. 51. — Nach der Erwähnung Immermanns zitiert eine Fußnote das bekannte Ghaselen-Xenion aus dem »Nordsee«-Reisebild.Google Scholar
  25. 26.
    Dass der späte Heine sich mit dem Problem der gegenseitigen Spiegelung von Westen und Osten beschäftigt hat, belegt ein Passus aus den »Geständnissen«. Dort spricht er, wieder mit Goethes Vokabular, von der »Wahlverwandtschaft« zwischen jüdischem und germanischem Volk: »Judäa erscheint mir immer wie ein Stück Occident, das sich mitten in den Orient verloren.« (DHA XV, 46) Als Reflex auf die Juli-Revolution spielt bereits das Schlusswort der »Englischen Fragmente« mit einer Ost-West-Ersetzung: »Nein, mein Kaiser, es ist die Sonne, obgleich sie im Westen hervorsteigt — seit sechstausend Jahren sah man sie immer aufgehen im Osten, da wird es wohl Zeit, daß sie mahl eine Verändrung vornehme in ihrem Lauf.« (DHA VII, 272)Google Scholar
  26. 27.
    Zu den Quellen und der Entstehung der »Abbassiden« vgl. Erich Petzets Einleitung in: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. VIII, S. 32–38.Google Scholar
  27. 28.
    Colombos Geist. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. II, S. 24.Google Scholar
  28. 29.
  29. 30.
    Zählt man die Motto-Gedichte mit sowie die Abschnitte mehrteiliger Gedichte einzeln, so umfasst der »Romanzero« 78 Gedichte, mit Noten und Nachwort 80 Texte.Google Scholar
  30. 31.
    Zum Verhältnis von »Oberon« und »Abbassiden« vgl. Horst Thomé: Platen und das Epos. — In: August Graf von Platen. Leben, Werk, Wirkung [Anm. 19], S. 63–83, hier: S. 69f. und S. 78.Google Scholar
  31. 32.
    Vgl. Die Abbassiden. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. VIII, S. 179–266, hier: S. 179, und DHA III, 60f. Auch das Text-Ich in »Jehuda ben Halevy« lässt sich von seinem »Flügelrößlein« (DHA III, 136) ins maurische Spanien tragen.Google Scholar
  32. 33.
    Die Abbassiden. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. VIII, S. 259.Google Scholar
  33. 34.
    Vgl. ebd., S. 243 und 260, und DHA III, 66–71.Google Scholar
  34. 35.
    August Klingemann: Ferdinand Cortez, oder: Die Eroberung von Mexiko. Historisches Drama in fünf Acten. — In: Dramatische Werke von August Klingemann. Zweiter Band. Braunschweig 1817, S. 177–350, hier: S. 183.Google Scholar
  35. 36.
    Denkwürdigkeiten des Hauptmanns Bernal Diaz del Castillo, oder wahrhafte Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Neu-Spanien, von einem der Entdecker und Eroberer selbst geschrieben, aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt, und mit dem Leben des Verfassers, mit Anmerkungen und andern Zugaben versehen von Ph. J. von Rehfues. 4 Bde. Bonn 1838, Bd. I, S. 245.Google Scholar
  36. 37.
    August Klingemann: Columbus. Ein dramatisches Gedicht. In: Theater von August Klingemann. Zweiter Band. Tübingen 1811, S. 209–413, hier: S. 261.Google Scholar
  37. 38.
    Vgl. Die Abbassiden. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. VIII, S. 190–192.Google Scholar
  38. 39.
    Vgl. Georg Friedrich Daumer: Die Geheimnisse des christlichen Alterthums. 2 Bde. Hamburg 1847, Bd. I, S. 33–56. — Ebd., S. 41, heißt es: »Das Christenthum tilgt keineswegs das Opfer überhaupt; es beseitigt nur das Thieropfer, indem es ein höheres, größeres Opfer an die Stelle setzt und zur Haupt- und Grundidee der ganzen Religion, des ganzen Cultus macht, und dieses Opfer ist ein sogar mit Anthropophagie, wenn auch nur mit angeblicher und eingebildeter, verbundenes, und so den innigsten Zusammenhang mit uralt molochitischen Opfergräueln auf keine Weise verläugnendes Menschenopfer.« — Daumer, der gemeinsam mit Heine und einem Bruder Campes die Patenschaft von Julius Campes Sohn übernahm (vgl. HSA XXVI, 221) und mit Platen wiederum aus gemeinsamer Erlanger Studienzeit bekannt war (vgl. Neue Deutsche Biographie, Bd. IX, S. 527), hat 1846 und 1848 bei Hoffmann und Campe seinerseits zwei Bände orientalisierender Gedichte veröffentlicht: »Hafis. Eine Sammlung persischer Gedichte. Nebst Zugaben aus verschiedenen Völkern und Ländern« (Hamburg 1846) und »Mahomed und sein Werk. Eine Sammlung orientalischer Gedichte« (Hamburg 1848). Den »Hafis« nennt Arnold Rüge (Zwei Jahre in Paris, Leipzig 1846) lobend einen »persische[n] Heine« (zitiert nach HSA XXVI K, 175). Campes Bitte, zu Daumers »Hafis« ein Vorwort zu schreiben (vgl. HSA XXVI, 161), kommt Heine nicht nach.Google Scholar
  39. 40.
    Die Abbassiden. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. VIII, S. 231.Google Scholar
  40. 41.
    Ebd., S. 242.Google Scholar
  41. 42.
    Vgl. z. B. William H. Prescott: Geschichte der Eroberung von Mexico, mit einer einleitenden Uebersicht des frühern mexicanischen Bildungszustandes und dem Leben des Eroberers Hernando Cortez. 2 Bde. Leipzig 1845, Bd. I, S. 53: »Aber obgleich die aztekische Götterlehre nichts von den schönen Erfindungen des Dichtens oder von den Verfeinerungen der Weltweisheit in sich aufgenommen hat, so verdankt sie doch Vieles, wie ich schon erwähnt habe, den Priestern, welche bestrebt waren, die Einbildungskraft des Volkes durch die höchst äußerlichen und prunkenden Religionsgebräuche zu blenden. Der Einfluß des Priesterthums muß bei einem unvollkommenen Zustande der Sittigung am größten sein, wo es alle die spärliche Wissenschaft des Zeitalters ganz für seinen eigenen Stand in Anspruch nimmt.«Google Scholar
  42. 43.
    Die Abbassiden. — In: Platens sämtliche Werke [Anm. 12], Bd. VIII, S. 264.Google Scholar
  43. 44.
    In der Pose des Aristophanes-Sohnes droht das Text-Ich in »Deutschland. Ein Wintermährchen« dem preußischen König diese ewige Haft im Höllengefängnis der Verse an: »Kennst du die Hölle des Dante nicht, / Die schrecklichen Terzetten? / Wen da der Dichter hineingesperrt, / Den kann kein Gott mehr retten« (DHA VI, 157).Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Robert Steegers
    • 1
  1. 1.BonnDeutschland

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