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Grabgeschichten. Zur Besichtigung einer Ortschaft im »Romanzero«

  • Jutta Nickel
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Part of the Heine-Jahrbuch book series (HEIJA)

Zusammenfassung

Die Besichtigung ausgewählter Grabstellen im nachmärzlichen »Romanzero« beginnt bereits kurz nach 1830 mit dem Blick auf Heines Arbeit an Hegels »List der Vernunft«1, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte der Gesundheit auch ihres vielleicht stärksten Gegenspielers bemächtigt. Der sterbenskranke Poet schreibt dagegen weiter: An der Idee eines verschiedenartigen »Recht[s] zu leben« (DHA X, 302), die das Lazarus-Grab im »Weltlauf« als Tresor des einst lebendigen Gotteswortes entwirft und die Befreiung des gefesselten Gotteswortes in der Relektüre des alttestamentarischen Sündenfalls in den letzten Versen des »Jehuda ben Halevy« in Szene setzt.2

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Anmerkungen

  1. 1.
    Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Einleitung. — In: Werke in zwanzig Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe hrsg. v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. 4. Aufl. Frankfurt/Main 1995, Bd. XII, S. 49. Hervorhebung dort. Der Terminus der »List der Vernunft« wird im Folgenden ohne Nachweis zitiert.Google Scholar
  2. 2.
    Im September 2002 hat Bodo Morawe eine überaus anregende und erhellende Lektüre des »Weltlauf«-Gedichts vorgelegt, in der er die Formel vom »Recht zu leben« ebenfalls mit den gleichlautenden Worten in Heines Fragment »Verschiedenartige Geschichtsauffassung« in Verbindung bringt. Obwohl meine Lektüre vor allem aufgrund der anders gelagerten Akzentuierung in der Deutung des »Recht[s] zu leben« zu anderen Ergebnissen kommt, sind die Ähnlichkeiten insbesondere in der Analyse des Gedichts so zahlreich, dass im Folgenden nur insgesamt, nicht aber in jedem Detail auf Bodo Morawes Überlegungen verwiesen werden kann. — Vgl. Bodo Morawe: Der Lazarus-Prolog. Kontrafaktur und Kollektivwerk. — In: DVjs 76, 2002. H. 3, S. 446–463.Google Scholar
  3. 3.
    Gesinnungswechsel sind selbstverständlich kein Spezifikum des Nachmärz; zahlreich sind sie im Kontext der Zensurempfehlung vom Dezember 1835 zu verzeichnen. Zum nachmärzlichen Seitenwechsel beispielsweise Heinrich Laubes vgl. Heines Brief an den ehemaligen Freund vom 12.10.1850. (HSA XXIII, S. 53ff.) — Zur Verschränkung von Nachmärz und Vormärz vgl. Klaus Briegleb: »Das bessere Lied« — Nachmärz im Vormärz. Zu Heinrich Heines Weg der Kunst Dezember 1841–Januar 1844. — In: Nachmärz. Der Ursprung der ästhetischen Moderne in einer nachrevolutionären Konstellation. Hrsg. v. Thomas Koebner und Sigrid Weigel. Opladen 1996, S. 20–42, und außerdem: Peter Stein/Florian Vaßen: Dialog über eine Revolution. 1848 zwischen Vormärz und Nachmärz. — In: Forum Vormärz Forschung 3 (1997), S. 9–26.Google Scholar
  4. 4.
    Hegel [Anm. 1], Bd. XII, S. 49. Hervorhebung dort.Google Scholar
  5. 5.
  6. 6.
    Nicht erst nach der Julirevolution von 1830, sondern schon in der Auseinandersetzung mit dem »Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden« um 1822 gewinnt Heine die grundlegenden Koordinaten seiner späteren Hegel-Kritik.Google Scholar
  7. 7.
    Ludwig Börne: Briefe aus Paris. — In: Sämtliche Schriften. 5 Bde. Hrsg. v. Inge und Peter Rippmann. Dreieich 1977, Bd. III, S. 156.Google Scholar
  8. 8.
    Hegel [Anm. 1], Bd. XII, S. 32.Google Scholar
  9. 9.
    Friedhelm Schumacher: Der Stillstand der Zeit. Heine nach 1848. (Diss.) Hamburg 1989, S. 77. Zur Rezeption des »Romanzero« vgl. neben den einschlägigen Ausführungen von Alberto Destro in der DHA ders: Öffentlich und privat. Die Beurteilung des »Romanzero« bei den Behörden, in gedruckten Rezensionen und in privaten Briefmitteilungen. — In: Der späte Heine. 1848–1856. Literatur — Politik — Religion. Hrsg. v. Wilhelm Gössmann und Joseph A. Kruse. Hamburg 1982, S. 58–68.Google Scholar
  10. 10.
    Hegel [Anm. 1], Bd. XII, S. 33. Vgl. auch ebd., S. 53: »Dieses Gute, diese Vernunft in ihrer konkretesten Vorstellung ist Gott. Gott regiert die Welt, der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans ist die Weltgeschichte.«Google Scholar
  11. 11.
    Hegel [Anm. 1], Bd. XII, S. 33.Google Scholar
  12. 12.
    Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. 21. Aufl. Darmstadt und Neuwied 1987, S. 92. Zu Heines Polemik gegen die kultur- und religionsgeschichtlichen Mechanismen der Kontrolle der Lust im vormärzlichen Debattenkontext vgl. auch Robert Steegers: Eucharistie und Eros. Zu Heinrich Heines Reisebild »Die Stadt Lukka« (1831). — In: Forum Vormärz Forschung 5 (1999), S. 369–402.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Hegel [Anm. 1], Bd. VIII, S. 182. Hervorhebung dort.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. dazu Sigrid Weigels Ausführungen in: »Das Wort wird Fleisch, und das Fleisch blutet«. Heines Reflexion der Menschenrechte im Buch Gottes und in der Weltgeschichte. — In: Heinrich Heine. Neue Wege der Forschung. Hrsg. v. Christian Liedtke, Darmstadt 2000, S. 257. — Zur Debatte um das »Recht zu Leben« als politische Kategorie während und nach der Französischen Revolution vgl. Morawe [Anm. 2], S. 456ff.Google Scholar
  15. 15.
    Hier und vorangehend: Weigel [Anm. 14], S. 257. Hervorhebung dort.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. Isabelle Kalinowski: L’histoire, les fantômes et la poésie dans le »Romancero«. — In: Henri Heine. Poésie et Histoire. Revue Germaniques Internationale 9 (1998), S. 129–142, hier S. 131.Google Scholar
  17. 17.
    Hegel [Anm. 1], Bd. XII, S. 33.Google Scholar
  18. 18.
    Irene Guy: Sexualität im Gedicht. Heinrich Heines Spätlyrik. Bonn 1984, S. 18.Google Scholar
  19. 19.
    Dolf Oehler: Letzte Worte — Die Lektion aus der Matratzengruft. — In: Heinrich Heine. Neue Wege der Forschung [Anm. 14], S. 120.Google Scholar
  20. 20.
    Joseph A. Kruse: Heinrich Heine — Der Lazarus. — In: Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile. Hrsg. v. Gerhard Höhn. Frankfurt/Main 1991, S. 258.Google Scholar
  21. 21.
    Hegel [Anm. 1], Bd. XII, S. 35.Google Scholar
  22. 22.
    Gerhard Höhn: »Blutrosen« der Freiheit. Heinrich Heines Geschichtsdenken. In: Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile [Anm. 20], S. 178.Google Scholar
  23. 23.
    Hegel [Anm. 1], Bd. XII, S. 35.Google Scholar
  24. 24.
    Karl Marx: Das Kapital. — In: Karl Marx. Friedrich Engels. Gesamtausgabe. Zweite Abteilung. Bd. VI. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. [MEGA]. Berlin (DDR) 1988, S. 69.Google Scholar
  25. 25.
  26. 26.
    Ebd., S. 544.Google Scholar
  27. 27.
    Christina Neuss: Heines Verhältnis zum Tod als Schlüssel zur Interpretation der »Lazarus«-Gedichte. Sein Weg von Lazarus zu Hiob. — In: Berliner Theologische Zeitschrift 13. 1996, H. 1, S. 111–132. Hier S. 119.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. Anm. 19.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. hierzu insbesondere Kalinowski [Anm. 16], S. 129–142.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. auch Werner Noethlich: Heines letzte Gedichte. Vorarbeiten zu einer historisch-kritischen Ausgabe. Köln u. a. 1964 (Diss), S. 63.Google Scholar
  31. 31.
    Vgl. zusammenfassend: Arnold Pistiak: »… die selbstbewußte Freyheit des Geistes.« — In: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine. Hrsg. v. Bernd Kortländer. Stuttgart 1995, S. 226–236. Es ist allerdings fraglich, ob tatsächlich das ›Altheidnisch-Göttliche‹ das »geistige Fundament« (ebd., S. 231) des Gedichts bildet oder ob der geisterhafte Tanz der altheidnischen Spukgestalten nicht vielmehr der Zerstörung des Tempels in Jerusalem geschuldet ist und insofern für das weltgeschichtliche, gleichsam ›nordische‹ Bedrohungspotenzial steht.Google Scholar
  32. 32.
    Hegel [Anm. 1], Bd. III, S. 591.Google Scholar
  33. 33.
    Oehler [Anm. 19], S. 124.Google Scholar
  34. 34.
    Benjamin: Passagen-Werk. — In: Gesammelte Schriften. 7 Bde. Unter Mitwirkung von Th. W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäusen Frankfurt/M. 1972ff, Bd. V, 1, S. 577. N 3,1.Google Scholar
  35. 35.
    Ebd., Bd. V, 1, S. 580. N 4, 4.Google Scholar
  36. 36.
    Ebd., Bd. V, 1, S. 578. N 3, 1.Google Scholar
  37. 37.
    Zahlreiche »Berichte der Zeitgenossen« zeigen, dass der bettlägerige Heine die weiße, blasse Hand als wichtiges Requisit seiner Selbstdarstellung eingesetzt hat. Vgl. beispielsweise Werner II, S. 109, 121, 152 u. ö.Google Scholar
  38. 38.
    Zur opiat- und halluzinationsbedingten Beschränkung des gesunden poetischen Vermögens bei Heine vgl. z. B. Guy [Anm. 18], S. 188.Google Scholar
  39. 39.
    Zur Funktion der Blasphemie vgl. auch Olaf Hildebrand: Emanzipation und Versöhnung. Aspekte des Sensualismus im Werk Heinrich Heines unter besonderer Berücksichtigung der Reisebilder. Tübingen 2001, S. 326. — Zahlreiche Rezensenten des »Romanzero« beweisen mit ihrem Unverständnis zugleich ihre Unwilligkeit gegenüber jedweder Bemühung, dem chiffrierten Gottesverhältnis der späten Texte Heines auf die Spur zu kommen. Dahinter steckt offensichtlich das Bedürfnis nach rückblickender Entschuldung und das zukunftsorientierte Interesse an der Abrechnung mit einem pauschal dem Vormärz zudiktierten Revolutionsverständnis, das in Betracht der konservativ repatriierten Fortschrittserwartungen des Nachmärz nur noch als Ruhestörung begriffen werden kann und im unterschiedslosen Urteil über die jüngst vergangene (Literatur)Geschichte unbedingt vernichtet werden muss.Google Scholar
  40. 40.
    Klaus Briegleb: Opfer Heine? Versuche über Schriftzüge der Revolution. Frankfurt/M. 1986, S. 414.Google Scholar
  41. 41.
    Morawe [Anm. 2], S. 454.Google Scholar
  42. 42.
    Ebd., S. 447.Google Scholar
  43. 43.
    Zum »absoluten Bereicherungstrieb« des Kapitalisten als »Personifikation des Kapitals« und zum Zwang zur Kapitalakkumulation allein um ihrer selbst willen vgl. Marx [Anm. 24], S. 542ff.Google Scholar
  44. 44.
    Hegel [Anm. 1], Bd. VII, S. 107. Hervorhebung dort.Google Scholar
  45. 45.
    Ebd., S. 83. Hervorhebung dort.Google Scholar
  46. 46.
    Ebd., S. 91.Google Scholar
  47. 47.
    Ebd., S. 241f. Hervorhebung dort. Zur Unveräußerlichkeit des »Recht[s] zu leben« gegenüber despotischer Herrschaft vgl. auch a. a. O., § 66, S. 144.Google Scholar
  48. 48.
    Kruse [Anm. 20], S. 267 und Roland Berbig: »Ich hab mit keiner Symbolik gespielt«. Zu Heines Lazarus-Gedichten. — In: ZfG N. F. II, 1992. H. 1, S. 63–74, hier S. 68.Google Scholar
  49. 49.
    Joh 11, 1–44.Google Scholar
  50. 50.
    Berbig bemerkt: »Lazarus wird kein Verkünder der neuen Lehre — er bleibt ohne Stimme.« — In: ders.: [Anm. 48], S. 68.Google Scholar
  51. 51.
    Zu Heines Mose-Lektüre vgl. den Überblick von Wolf-Daniel Hartwich: Die Sendung Moses. Von der Aufklärung bis Thomas Mann. München 1997, S. 109–139 und Siegbert S. Prawer: Heine’s Jewish Comedy. A Study of his Portraits of Jews and Judaism. Oxford 1983, S. 604ff.Google Scholar
  52. 52.
    Dolf Oehler: Ein Höllensturz der Alten Welt. Zur Selbsterforschung der Moderne nach dem Juli 1848. Frankfurt/Main 1988, S. 248. — Vgl. auch Morawe [Anm. 2], S. 455.Google Scholar
  53. 53.
    Ebd., S. 248.Google Scholar
  54. 54.
    Auf diesen Aspekt weist Bodo Morawe ausdrücklich hin und bezieht den Rechtsbegriff vor allem auf die politischen Debatten des europäischen Vormärz. Vgl. ders. [Anm. 2], S. 450 u. ö.Google Scholar
  55. 55.
    Vgl. Prawer [Anm. 51], S. 563. — »Fons Vitae« oder »Fountain of Life« ist der Titel einer Schrift von Salomo Ibn Gabirol, die 1962 in der Übersetzung von H. E. Wedeck erschienen ist. Vgl. auch Frederick Bargebuhr: Salomo Ibn Gabirol. Ostwestliches Dichtertum. Wiesbaden 1976.Google Scholar
  56. 56.
    Alle Bibelzitate nach folgender Ausgabe: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers. Revidierter Text 1975. Deutsche Bibelstiftung Stuttgart 1978.Google Scholar
  57. 57.
    Heine verwendet das Buch »Die religiöse Poesie der Juden in Spanien« als Quelle für den »Jehuda ben Halevy«. Vgl. DHA III, 896ff. Zur Legende um den Tod Gabirols vgl. ebd., S. 899.Google Scholar
  58. 58.
  59. 59.
    Mt 21, 18–22; Mk 11, 12–25.Google Scholar
  60. 60.
    Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg. v. Kurt Galling. 6 Bde. Tübingen 1960, Bd. IV, S. 250.Google Scholar
  61. 61.
  62. 62.
    Gen 3, 1–7. Zur »anekdotischen Präfiguration der Hegeischen Philosophie« durch den Sündenfall vgl. Markus Küppers: Heinrich Heines Arbeit am Mythos. Münster, New York 1994, S. 113.Google Scholar
  63. 63.
    Hegel [Anm. 1], S. 33.Google Scholar
  64. 64.
    Vgl. Gen 3, 1ff.Google Scholar
  65. 65.
    »Es träumte mir von einer Sommernacht.« (DHA III,391ff). Vgl. zu diesem Gedicht Wolfram Groddeck: »Es träumte mir von einer Sommernacht …«. Heines (letztes) Gedicht. — In: Das Jerusalemer Heine-Symposium. Gedächtnis, Mythos, Modernität. Hrsg. v. Klaus Briegleb und Itta Shedletzky. Hamburg 2001, S. 148–160 und Luciano Zagari: »Das ausgesprochne Wort ist ohne Scham«. Der späte Heine und die Auflösung der dichterischen Sprache. — In: Zu Heinrich Heine. Hrsg. von Luciano Zagari und Paolo Chiarini. Stuttgart 1981, 124–140.Google Scholar
  66. 66.
    In der theoretischen Begründung weist Heines Konzeption über die von Olaf Hildebrand kürzlich zu Recht konstatierte Absicht einer »leibliche[n] Stärkung«, einer »fleischlichen Erbauung« der so genannten ›theologischen Revision‹ hinaus. Vgl. ders. [Anm. 39], S. 327. Hervorhebung dort.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Jutta Nickel
    • 1
  1. 1.HamburgDeutschland

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