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Exil auf Erden. Facetten einer Zumutung in Heines Spätwerk

  • Olaf Briese
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Part of the Heine-Jahrbuch book series (HEIJA)

Zusammenfassung

Kurzum: Mit dem späten Heine stand es nicht zum Besten. Die demokratische politische Entwicklung in Frankreich stieß ihn ab, die machiavellistische Diktatur des Louis Bonaparte erfüllte seine Erwartungen nicht. Die gesundheitliche Malaise zehrte ihn auf, in wiederentdeckter jüdischer Perspektive erschien die Weltgeschichte als die unablässigen Leidens. Ein religiöses Palliativ blieb zu oft aus. Zu oft blieb es bei dem, was Heine in seiner letzten Gedichtsammlung von 1854 beklagte:
  • Also fragen wir beständig,

  • Bis man uns mit einer Handvoll

  • Erde endlich stopft die Mäuler -

  • Aber ist das eine Antwort?1

Hier geht es um den »Romanzero«. Seiner tetralogischen Struktur entsprechend kristallisieren sich darin vier inhaltliche Schwerpunkte heraus: Exilierter Deutscher, exilierter Heide, exilierter Jude, exilierter Mensch. Und weiterhin kristallisiert sich heraus, wie Heine, dessen Poesien perlten und perlten, in dieser bedrückenden Lebens- und Schaffensphase dennoch und erst recht eine poetisch-religiöse Sinndimension fand: einen Dichterhimmel, eine ätherische Textwelt, für die und in der es sich zu leben lohnte.

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Anmerkungen

  1. 1.
    »Zum Lazarus«, DHA III,198. — Zur Lazarus-Thematik beim späten Heine vgl. eine neue beeindruckende Arbeit aus theologischer Sicht: Karl-Josef Kuschel: Gottes grausamer Spaß? Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe. Düsseldorf 2002, S. 167ff., 260ff.Google Scholar
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  3. 3.
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  5. 5.
    Auf diesen Zusammenhang weist hin: Bernd Füllner: Richard Julius Reinhardt. — In: Karl Marx. Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte (=Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Sonderband, im Druck). Ich danke Herrn Füllner herzlich für die wichtigen Informationen, die er mir vorab gab.Google Scholar
  6. 6.
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Authors and Affiliations

  • Olaf Briese
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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