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Von der Rolle. Zur Theorie und Praxis des Kinderschauspiels im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert

  • Ute Dettmar
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Zusammenfassung

„Mein liebes Rieckchen, weißt du was neues? Ganz was neues? Heute Abend wird in unserm Hause Comödie gespielt. […] Mama, Tante, der Regierungsassessor […] spielen mit, und ich auch. Willst du kommen? Wenn dir’s gefällt, sollst du auch mal mitspielen“ (Benzler 1783, 95). — Diese Einladung sendet Lottchen ihrer Brieffreundin und Rieckchen antwortet begeistert: Sie „sähe die Comödie für [ihr] Leben gern mit an“ (ebd., 97), doch die Großmutter erhebt Einwände: Sie hält es „für Sünde“ (ebd., 98). Im Falle des hier zitierten fiktiven Briefwechsels, der sich im dritten Jahrgang des Niedersächsische(n) Wochenblatt(s) für Kinder findet, kann der aufgeklärte Vater die Vorurteile der älteren Generation mit dem ironischen Hinweis auf die theologisch-moralische Autorität übergehen: „Er sagte sogar, Doctor Luther selbst sollt’ es wohl für keine Sünde halten, wenn er uns heute Abend zusähe […]“ (ebd.). Doch dieser zum Auftakt zitierte exemplarische Streitfall zeigt es an: Die Theaterfeindschaft, die sich auch im aufgeklärt-bürgerlichen Zeitalter als langlebiges Phänomen erweist, trifft nicht nur die öffentliche Schaubühne. Jene Diskussion um den Nutzen und Nachteil des Schauspiels, die im 18. Jahrhundert mit einiger Heftigkeit geführt wird1, erreicht auch die Familienbühne, auf der das Kinderschauspiel zur Aufführung gebracht werden soll. Zwar zählt die spezifische Kinderdramatik2 seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts als anschauliches Medium der Moralvermittlung zu den beliebtesten Gattungen der aufgeklärten Kinder- und Jugendliteratur; das Kinderschauspielen wird zugleich als Form familialer Geselligkeit geschätzt — die historisch junge Figuration der bürgerlichen Familie erfährt sich hier selbst als zusammengehöriges Ensemble.

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Primärliteratur

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Authors and Affiliations

  • Ute Dettmar
    • 1
  1. 1.Frankfurt am MainDeutschland

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