Advertisement

„auf eine wirklich ganz alte Manier“? Händel-Anlehnung und Eigenständigkeit in Beethovens Klavier-Variationen c-Moll WoO 80

Chapter

Zusammenfassung

Ludwig van Beethoven hat im Herbst des Jahres 1802 in einem Brief an den Verleger Breitkopf von seinen damals eben abgeschlossenen Klavier-Variationen op. 34 und 35 erklärt, sie seien „auf eine wircklich ganz neue Manier komponiert‟1. Wir wissen heute, daß diese Formulierung eine Reaktion aufKompositionen darstellte, die Beethovens Altersgenosse und Bonner Jugendfreund Anton Reicha geschaffen und als „composees d’apres un nouveau systeme‟ bezeichnet hatte. Offenbar war Beethoven mit dieser Charakterisierung von Reichas Schöpfungen nicht einverstanden, und er hielt es für berechtigt, nun vielmehr von seinen Variationen op. 34 und 35 ausdrücklich zu erklären, sie seien „auf eine wirklich ganz neue Manier‟ komponiert2. In der Tat treten diese beiden Variationszyklen, also die sogenannten F-Dur— und die Eroica-Variationen, als überaus unkonventionelle und modeme Schöpfungen aus den insgesamt zwanzig Variationsreihen für Klavier hervor, die Beethoven hinterlassen hat3: So setzt op. 34 bekanntlich jede Variation in eine andere Ton- und Taktart, und op. 35 macht nicht nur eine Ober-, sondern auch eine zugehörige Baßstimme zum Modell der Variationen, läßt eine kontrapunktische Introduktion vorangehen und eine gewichtige Fuge samt Coda-Variationen folgen, auch dies insgesamt eine Gestaltung, die für die Zeit um 1800 durchaus ungewöhnlich ist. So wird leicht erklärlich, warum diese beiden Zyklen, vielleicht neben den originellen Righini-Variationen WoO 65 aus der Bonner Frühzeit und natürlich neben dem berühmten Spätwerk der Diabelli-Variationen op. 120, in Musikpraxis und -literatur immer wieder als besonders kühn und in die Zukunft weisend hervorgehoben worden sind.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Notizen

  1. 1.
    Vgl. Ludwig van Beethoven, Briefwechsel Gesamtausgabe, hrsg. v. Sieghard Brandenburg, Bd. 1, München 1996, S. 126, Nr. 108.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Hans-Werner Küthen, Beethovens „wirklich ganz neue Manier‟ — eine Persiflage, in: Beiträge zu Beethovens Kammermusik. Symposion Bonn 1984, hrsg. v. Sieghard Brandenburg und Helmut Loos, München 1987, S. 216–224.Google Scholar
  3. 3.
    Zu Beethovens Klaviervariationen, soweit sie im Folgenden berührt werden, vgl. Georg Kinsky/Hans Halm, Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen, München/Duisburg 1955, passim.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Christa Jost, 32 Variationen c-Mollfür Klavier WoO 80, in: Beethoven. Interpretationen seiner Werke. Hrsg von Albrecht Riethmüller, Carl Dahlhaus, Alexander L. Ringer, Bd. II, Laaber 1994, S. 481–485.Google Scholar
  5. 6.
    Vgl. dazu Lothar Walther, Die Ostinato-Technik in den Chaconne- und Arienformen des 17. und 18. Jahrhunderts, Würzburg 1940, passim, bes. I. und ü. HauptteilGoogle Scholar
  6. Robert U. Nelson, The Technique of Variation Form. A Study of the Instrumental Variation Form from Antonio de Cabezón to Max Reger, Berkeley/Los Angeles 1948, bes. Kap. III.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Kurt von Fischer, Chaconne und Passacaglia. Ein Versuch, in: Revue Belge de Musicologie 12, 1958, S. 19–34.CrossRefGoogle Scholar
  8. 10.
    Vgl. Eveline Bartlitz, Die Beethoven-Sammlung in der Musikabteilung der Deutschen Staatsbibliothek, Berlin o. J. [Vorwort datiert 1970], S. 217 f.Google Scholar
  9. 11.
    eine analytische Untersu-chung Händelscher Chaconnen bietet Paul Mies, Die Chaconne (Passacaille) bei Händel, in: Händel-Jahrbuch 2, 1929, S. 13–24Google Scholar
  10. 12.
    vgl. Friedrich Kerst, Die Erinnerungen an Beethoven, Bd. 1, Stuttgart 1913, S. 83.Google Scholar
  11. 14.
    Vgl. Otto Erich Deutsch, Musikverlagsnummern. Eine Auswahl von 40 datierten Listen 1710–1900, 2Berlin 1961, S. 26 f.Google Scholar
  12. 18.
    Vgl. Alexander Wheelock Thayer/Hermann Deiters/Hugo Riemann, Ludwig van Beethovens Leben, Bd. 2, 3Leipzig 1922, S. 526 f.Google Scholar
  13. 20.
    Vgl. dazu auch Hans-Werner Küthen, Quaerendo invenietis. Die Exegese eines Beethoven-Briefes an Haslinger vom 5. September 1823, in: Musik — Edition — Interpretation. Ge-denkschrift Günter Henle, München 1980, S. 282–313, bes. S. 298 ff.Google Scholar
  14. 21.
    Nach Stefan Kunze (Hrsg.), Ludwig van Beethoven. Die Werke im Spiegel seiner Zeit. Gesammelte Konzertberichte und Rezensionen bis 1830, Laaber 1987, S. 599 f.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2001

Authors and Affiliations

  1. 1.GöttingenDeutschland

Personalised recommendations