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Schönberg, Bach und der Kontrapunkt Zur Konstruktion einer Legitimationsfigur

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Zusammenfassung

Arnold Schönbergs Auseinandersetzung mit der Musik Johann Sebastian Bachs kann in ihrer Bedeutung für sein eigenes musikalisches Denken schwerlich überschätzt werden. Die Heftigkeit, mit der Schönberg auf die offensichtliche Bach-Rezeption seines Zeitgenossen Igor Strawinsky reagierte, und die Intensität, in der er sie mißverstand, sind Indizien einer ausgeprägten Empfindlichkeit. Schönbergs Spott über die vermeintliche »Papa-Bach«-Attitüde Strawinskys1 ist das Reversbild einer unausgesprochenen Prätention: Gegen die falsche Bach-Rezeption der sogenannten »Neoklassizisten« stand die Legitimität der eigenen Beschäftigung mit Bach. Deren auffälliges Merkmal ist eine durch alle Wandlungen hindurch forcierte Einseitigkeit: die Betonung besonderer Aspekte, die sich weniger zu einem geschlossenen Bild zusammenfügen, sondern vielmehr erkennen lassen, wie beharrlich Schönberg bei Bach nach Selbstverständigung gesucht hat. Eine der vielen Einseitigkeiten von Schönbergs Bach-Verständnis ist im 20. Jahrhundert, angesichts der bequemen Zugänglichkeit des Gesamtwerks, besonders auffällig: die Konzentration auf Bachs Kompositionen als »absolute« Musik. Nicht wenige Analyse-Beispiele Schönbergs entstammen zwar dem Bachschen Vokalwerk, aber gerade diese Herkunft spielt bei Schönberg nirgends eine Rolle. Seine Äußerungen über Bach sind nicht die eines Philologen und Historikers, sondern die eines um Legitimation in bewußt gewählter Tradition suchenden Komponisten Neuer Musik: extreme und subjektive Akzentuierungen dessen, was für die eigene Praxis als aktuell empfunden wurde.

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Notizen

  1. 1.
    So heißt es bekanntlich in der zweiten von Schönbergs Drei Satiren für gemischten Chor op. 28 (1925). Vgl. dazu Rudolf Stephan, »Johann Sebastian Bach und die Anfänge der Neuen Musik«, in: Melos/Neue Zeitschrift für Musiki (1976), S. 3–7.Google Scholar
  2. 2.
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  3. 3.
    Der Gedanke der Rezeption als eines konstruktiv-selektiven Verfahrens im Unterschied zum bloß passiven Hinnehmen einer »Tradition« findet sich bei Hans Robert Jauß, »Racines und Goethes Iphigenie. Mit einem Nachwort über die Partialität der rezeptionsästhetischen Methode«, in: Rainer Warning (Hrsg.), Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis, München 41993, S. 353–400, hier S. 387.Google Scholar
  4. 4.
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  5. 7.
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    Zu den verschiedenen Richtungen der Bach-Interpretation bis hin zu Karl Straube vgl. Andreas Sieling, »Zur Rezeptionsgeschichte der Orgelwerke Bachs«, in: Michael Heinemann und Hans-Joachim Hinrichsen (Hrsg.), Bach und die Nachwelt, Bd. 2, Laaber 1999, S. 299–339, besonders S. 313 ff. Vgl. ebd., S. 321, die Abbildung der zitierten Seite aus Straubes Edition. Schönbergs (indirekt formulierte) Berufung auf Straube steht in dem zitierten Brief an Stiedry.Google Scholar
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