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Abkehr von Schönheit und Ideal in der Liebeslyrik Francisco de Quevedos

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Zusammenfassung

Quevedo ist zunächst ein Dichter, der sich in der Nachfolge des hohen Liebesdiskurses versteht. Mit seiner Anthologie Canta sola a Lisi knüpft er an die höfische Liebeslyrik an, er beherrscht die petrarkistischen Muster und besitzt in seiner Bibliothek nicht nur die Liebestraktate von Marsilio Ficino, Pietro Bembo, Baldassare Castiglione, León Hebreo und Flaminio Nobili,1 sondern verfaßt auch einige Sonette in neoplatonischer Prägung. Zugleich ist er der Dichter der Desillusion. Dámaso Alonso hat in seinem bekannten Aufsatz „Der Einbruch des Affektiven in der Dichtung Quevedos“ gerade im Zynismus, Sarkasmus und Pessimismus das eigentliche Wesen seiner Literatur erblickt und diese Desillusion als sowohl barocken wie auch modernen Zug dieses Dichters apostrophiert.2 Alonso nimmt bei ihm „Eine Art Nihilismus [wahr], der dazu führt, alle erhabenen Schönheiten des Lebens auf eine niedrigere Ebene zu ziehen.“3 Im folgenden seien vier Gedichte vorgestellt, die diese Abkehr von der Welt der Ideale auf dem Feld des Liebesdiskurses in unterschiedlicher Deutlichkeit zum Ausdruck bringen.

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Literatur

  1. 1.
    L. Schwartz: „La musa Erato del Parnaso de Quevedo: los retratos de la amada, los afectos del amante“; in: M.-L. Ortega (Hg.): La poésie amoureuse de Quevedo. Feuillets de l’E.N.S. de Fontenay, Saint-Cloud 1997, S. 20.Google Scholar
  2. 2.
    D. Alonso: Spanische Dichtung. Versuch über Methoden und Grenzen der Stilistik. Übers. v. Ch. Eich unter Mitarbeit v. I. Reiss. Bern, München 1962, S. 192–224.Google Scholar
  3. 3.
    Alonso 1962, S. 202.Google Scholar
  4. 4.
    Die Übersetzung von W. v. Koppenfels ist in diesem Fall sehr frei und in einer Zeile auch fehlerhaft. (F. de Quevedo: Aus dem Turm. Sonette, spanisch-deutsch. Ausgew. u. übers. v. W. v. Koppenfels. Berlin 1981, S. 49). Für „Alma a quien todo un dios prisión ha sido” (Zeile 9) setzt v. Koppenfels „Seele, die einen Gott gefangen hielt“; die Seele ist hier aber umgekehrt Gefangene des Gottes. Daher folge ich der Übersetzung von Ch. Eich, dem an einer Stelle zwar auch ein Irrtum unterläuft, der sonst aber textnäher bleibt. (Zit. nach Alonso 1962, S. 199.) Die folgende Übersetzung basiert auf der von mir korrigierten Fassung.Google Scholar
  5. 5.
    Zit. nach F. de Quevedo: Obra poética. Hg. v. J.M. Blecua. Madrid 1969, Bd. 1, S. 657.Google Scholar
  6. 6.
    Eich übersetzt dies m.E. falsch mit „Schatten, den der blanke Tag mir bringen wird“ (in: Alonso 1962, S. 199). Es geht wohl eher darum, daß der Schatten das letzte Tageslicht nimmt.Google Scholar
  7. 7.
    Nach der Manuskriptlage findet sich Blecua zufolge in den Texten der Plural „dejaran“; er meint, die Manuskripte jedoch mit „dejará“ emendieren zu müssen, um den Satz auf das einzige Subjekt „alma“ im ersten Terzett beziehen zu können. „Pero nótese que se trata del alma, que dejará el cuerpo para ir a la otra orilla“ (Quevedo 1969, S. 657). Wir halten dagegen „alma“, „venas“ und „medulas“ für das Pluralsubjekt und gehen — mit Alonso und Eich — von der Form „dejarán“ aus.Google Scholar
  8. 8.
    Hier folgen wir der Lesart Blecuas und gehen vom Singular „tendrá“ aus. Alonso und Eich setzen an dieser Stelle den Plural „tendrán“. Subjekt dieses Verbs ist unserer Auffassung nach „ceniza“, die Asche, die als solche noch immer empfindsam ist.Google Scholar
  9. 9.
    W. Naumann: „‘Staub, entbrannt in Liebe’: Das Thema von Tod und Liebe bei Properz, Quevedo und Goethe“; in: Arcadia 3, 1968, S. 157–172.Google Scholar
  10. 10.
    Alonso 1962, S. 199.Google Scholar
  11. 11.
    O. Paz: La llama doble. Amor y erotismo. Barcelona 41994, S. 63–68.Google Scholar
  12. 12.
    Paz 41994, S. 66.Google Scholar
  13. 13.
  14. 14.
    Ebd., S. 67. — Paz weist auch auf die im Sonett gegebene Anspielung an den heidnischen Brauch der Einäscherung hin, der von der Kirche verboten war; ebd.Google Scholar
  15. 15.
    Zit. nach J.M. Pozuelo Yvancos: „Aspectos del neoplatonismo amoroso de Quevedo“; in: Homenaje al Prof. Muñoz Cortés. Universidad de Murcia, Facultad de Filosofía y Letras, 1976–1977, Bd. 2, S. 549.Google Scholar
  16. 16.
    Ein möglicher Bezugspunkt ist das Sonett VI aus Petrarcas Canzionere: „Sì travïato è ‘l folle mi’ desio / a seguitar costei che ‘n fuga è volta, / e de’ lacci d’Amor leggiera e sciolta / vola dinanzi al lento correr mio“. — Zu Quevedos Petrarkismus s. J.G. Fucilla: Estudios sobre el Petrarquismo en España. Madrid 1960 (= Revista de Filología Española, Anejo LXXII), S. 194–209.Google Scholar
  17. 17.
    Zitiert nach Quevedo 1969, S. 525.Google Scholar
  18. 18.
    Wir folgen hier weitgehend der Deutung von J. Olivares: The love poetry of Francisco de Quevedo. An aesthetic and existential study. Cambridge 1983, S. 76–80.Google Scholar
  19. 19.
  20. 20.
    N. Ly: „Éros et rhétorique chez Quevedo. Analyse du sonnet 371“; in: Ortega 1997, S. 148. Vgl. auch P. Alzieu, R. Jammes u. Y. Lissorgues (Hg.): Poesía erótica del Siglo de Oro. Barcelona 1984, Einträge „lágrima“ und „llorar“, S. 341 u. 343.Google Scholar
  21. 21.
    J. Hörisch: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes. Frankfurt a.M. 1996, S. 317.Google Scholar
  22. 22.
    Zitiert nach Quevedo: Obra poética. Hg. v. J. M. Blecua. Madrid 1970, Bd. 2, S. 157.Google Scholar
  23. 23.
    Quevedo 1969, S. 286.Google Scholar
  24. 24.
    Zitiert nach Quevedo: Obra poética. Hg. v. J. M. Blecua. Madrid 1971, Bd. 3, S. 150f.Google Scholar
  25. 25.
    Siehe etwa Gedicht Nr. 42 in: Alzieu/Jammes/Lissorgues 1984, S. 60.Google Scholar
  26. 26.
    Im genannten Gedicht, Zeile 8. Eine Waschfrau wird — übrigens ebenfalls im Winter — am Fluß von einem Grafen in eindeutiger Absicht angesprochen. „Estaba una fregona por enero / metida hasta los muslos en el río, / lavando paños con tal donaire y brío, / que mil necios traía al retortero. // Un cierto conde, alegre y placentero, / le preguntó por gracia si hacía frío. / Respondió la fregona: ‘Señor mío, / siempre llevo conmigo un brasero.’ // El conde, que era astuto, y supo, dónde, / le dijo, haciendo rueda como pavo, / que le encendiese un cirio que traía. // Y dijo entonces la fregona al conde, / alzándose las faldas hasta el rabo: / — ‘Pues sople este tizón Vueseñoría’.“Google Scholar
  27. 27.
    Hörisch 1996, S. 180ff.Google Scholar
  28. 28.
    Quevedo: Obras Completas. Hg. v. F. Buendía. Madrid 1974, Bd. 1: Obras en prosa, S. 1333a.Google Scholar
  29. 29.
    Goethe hat in seinem Faust II dem Knaben Lenker eine ähnliche Apostrophierung der Dichtung als Form alternativen Reichtums in den Mund gelegt: „Bin die Verschwendung, bin die Poesie, / Bin der Poet, der sich vollendet / Wenn er sein eigenst Gut verschwendet, / Auch ich bin unermeßlich reich / Und schätze mich dem Plutus gleich, / Beleb’ und schmück ihm Tanz und Schmaus. / Das was ihm fehlt das teil ich aus“ (V. 5573–5579); zitiert nach Hörisch 1996, S. 184.Google Scholar
  30. 30.
    Siehe G. Bebermeyer: Artikel „Streitgedicht / Streitgespräch“; in: K. Kanzog, K. u. A. Masser (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Berlin u.a. 1984, S. 228–245.Google Scholar
  31. 31.
    Daß Quevedo in seinen Texten, wie wir festgestellt haben, dazu tendiert, die Dinge unvermittelt beim Namen zu nennen, steht nicht im Widerspruch zu seinen auch bzw. gerade in der Burleske zu beobachtenden Verfahren artifizieller Verdichtung. Eine Konjektur mag dies zeigen: Wenn der Autor das volkstümliche, an einem Flußufer angesiedelte Gedicht (oder ein ähnlichlautendes der populären Tradition) gekannt hat und von ihm als Vorlage ausgegangen ist, dann erscheint die erste Zeile („A la orilla de un brasero“) sowohl als Replik auf die genannte Tradition als auch — durch die Verwendung der Metapher „brasero“ (weibliches Geschlechtsteil) — als direktes Zur-Sache-Kommen, um in diesem Zur-Sache-Kommen gleichzeitig ein Beispiel poetischer, dem unbeholfen Ankedotenhaften der Vorlage überlegener Verdichtung zu liefern. Die zitierte Eingangszeile würde demnach an die populäre Vorlage anknüpfen und gleichzeitig die ingeniöse Sprache des Dichters ankündigen.Google Scholar
  32. 32.
    Siehe I.M. Zavala: „Burlas al amor“; in: Nueva Revista de Filología Hispánica 29, 1980, S. 367–403.Google Scholar
  33. 33.
    A. Mas: La caricature de la femme, du mariage et de l’amour dans l’œuvre de Quevedo. Paris 1957, S. 144.Google Scholar
  34. 34.
    E. Geisler: „Francisco de Quevedo: Con tres estilos alanos“; in: M. Tietz (Hg.): Die spanische Lyrik von den Anfängen bis 1870. Einzelinterpretationen. Frankfurt a.M. 1997, S. 485.Google Scholar
  35. 35.
    J.L. Alonso Hernández: Léxico del marginalismo del Siglo de Oro. Salamanca 1976, Artikel „tronga“.Google Scholar
  36. 36.
    Siehe Eintrag „hambrón“; in: Alonso Hernández 1976.Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. meine Rezension von: Quevedo, Gedichte. Spanisch und deutsch. Übers. u. Nachwort v. W. Muster. Mit zwölf Illustrationen von H. Fronius. Stuttgart 1982; in: Park. Zeitschrift für neue Literatur 26, 1985, S. 35–38.Google Scholar
  38. 38.
    Zitiert nach Quevedo 1970, S. 34f.Google Scholar
  39. 39.
    Quevedo 1982, S. 41.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2000

Authors and Affiliations

  1. 1.Johannes Gutenberg-Universität MainzDeutschland

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