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»Ich Möchte seicht Sein« — Jelineks Allegorese der Welt: Die Kinder der Toten

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Zusammenfassung

»Ich möchte seicht sein«, heißt ein Essay von Elfriede Jelinek aus dem Jahre 1990.1 Daß man ihn nur wenig beachtet hat, könnte mit der Etymologie des Reizworts ›seicht‹ einiges zu tun haben. ›Seicht‹ wird in der philologischen Korrektheit des Grimmschen Wörterbuchs semantisch als ›non profundus‹ und ›tenuis‹ latinisiert, also nicht nur als ›flach‹ in einem räumlichen, sondern auch als ›gering, unbedeutend, ärmlich, dürftig‹ in einem metaphorischen Sinn. Das deutsche Wort ›seicht‹ entstammt dem mhd. ›sihte‹, das möglicherweise auf gotisch ›sinkan = sinken‹ zurückgeht, gewiß aber eine jüngere Partizipialbildung von ›sihen = seihen‹ darstellt. Es kann, wie es im schönsten Grimm-Deutsch des Band-Bearbeiters Moritz Heyne heißt,

erst entstanden sein (…), als dieses verbum den besonderen sinn des leichten und tröpfelnden flieszens entwickelt hatte, weil ›sihte, seicht‹ in seiner frühesten anwendung auf pfützen-artiges, nicht tiefes wasser geht, und erst von hier aus seinen weiteren, zum theil auch jetzt noch frisch bildlichen gebrauch gewinnt.2

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