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Gadamer, Parmenides und die Vorsokratiker

Eine kritische Würdigung
  • André Laks

Zusammenfassung

In der 1975 abgeschlossenen Darstellung seines Werdegangs nennt Hans-Georg Gadamer ganz selbstverständlich die griechische Philosophie als zweiten Schwerpunkt seines Interesses: »Hermeneutik und griechische Philosophie blieben die beiden Schwerpunkte meiner Arbeit …«. (GW 2, 494) Dass Platon im Zentrum dieses zweiten ›Schwerpunkts‹ steht, ist kein Zufall; denn zwischen Platon und der Hermeneutik bestehen traditionell starke Verbindungen. Fragen des Verste-hens und des Dialogs führen automatisch zu einer Auseinandersetzung mit den platonischen Dialogen, wie bereits aus dem Werk Schleiermachers hervorgeht, der zugleich Vertreter einer anderen Hermeneutik und Begründer der modernen Platon-Forschung war. Andererseits handelt es sich zweifellos um eine Akzentverschiebung gegenüber Heidegger und dem Vorrang, den dieser dem Denken der Vorsokratiker einräumte. Daher ist es nicht uninteressant, sich zu fragen, wie Gadamer zu den Vorsokratikern steht: Vollzieht sich die Rückkehr zu Platon in einer Abwendung von den Vorsokratikern, angesichts deren Überbewertung durch Heidegger? Grob gesprochen könnte man dies zunächst meinen. Umso erstaunlicher ist es, festzustellen, dass Gadamers Vorsokratiker-Bild — trotz unbestreitbar eigener Akzente, zu denen auch die Urbanität des Tons zu zählen ist — grundsätzlich durch den Zugang Heideggers geprägt ist. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass Gadamer — paradoxerweise — Platon vor dem Hintergrund einer bestimmten Auslegung der Vorsokratiker liest. Aufschlussreich ist in dieser Beziehung der fast melancholische Schluss der »Heraklit Studien« (1990): »Aber hat nicht auch Heidegger Recht, wenn er hinter die Metaphysik zurückfragend Heraklit entdeckt, in dem alles noch ineinanderspielt? Hätte er nicht auch Platos Dialektik entdecken können, in der das Spiel dieses Gedankens weitergespielt wird?« (GW 7, 82) Tatsächlich besteht bei Gadamer, trotz der so genannten »Resokratisierung Platos« (Renaud 1999), überhaupt keine Spannung zwischen dem ›homogenisierenden‹, dezidiert historialen Ansatz gegenüber den Vorsokratikern und der ›platonischen‹ Betonung des Dialogs — in der Tat ließe sich zeigen, dass der Dialog für Gadamer in Wirklichkeit nur der Königsweg ist, in die Tradition einzutauchen.2

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2006

Authors and Affiliations

  • André Laks
    • 1
  1. 1.LilleFrance

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