Advertisement

Literatur und Landnahme. Kafkas Nation der Margo

  • Philipp Theisohn

Zusammenfassung

Wenngleich wir schon einige Erkundigungen über das Wirken einer zionistischen Poetik im Kulturbetrieb der Moderne eingezogen haben und auch bereits in der Lage sind, Aussagen über Charakter und Funktion ihrer Zeitigungen zu treffen, so werden uns ihre unverkennbaren Grundzüge jedoch noch immer fremd gegenüber jenem erscheinen, was den kanonischen Kern des modernistischen Literaturverständnisses ausmacht. Die Beweisführung hinsichtlich der Produktivität des kulturtheoretischen Zirkels bei der Ausbildung einer spezifischen Ecriture wird zudem dadurch erschwert, daß gerade jenes Oeuvre, in dem Zionismus und Literatur am dichtesten beieinander liegen, als Kronzeuge der Irrelevanz ihrer Verbindung fungiert. Es mangelt fraglos nicht an Informationen, die eine kulturwissenschaftliche Vernetzung von Kafkas Schreiben mit den zionistischen Umtrieben seiner Zeit erlauben würden. So dokumentieren die Tagebücher ja etwa eine intensive Beschäftigung mit der Wiederbelebung einer jüdischen Nationalkultur, ein gesteigertes Interesse am jiddischen Literatur- und Theaterwesen, dem »offenbar eine ununterbrochene nationale Kampfstellung zugewiesen ist, die jedes Werk bestimmt« (IX, 56), mit Aufopferung und nicht geringem Erfolg betriebene Hebräischstudien3, den Besuch von einschlägigen ›Kulturabenden‹ und Veranstaltungen — darunter etwa eines »ausgezeichnete[n] Vortrag[s] von Davis Trietsch über Kolonisation in Palästina«4 — und nicht zuletzt die Teilnahme am Elften Zionistischen Kongreß 1913 in Wien5. Ausgiebig beleuchtet wurde Kafkas Besuch des Propagandafilms Schiwath Zion 19216, in seiner Bibliothek finden wir ausreichend Informations- und Agitationsmaterial der Bewegung.7

Notizen

1. Zion als Raum der Unterbrechung

  1. 1.
    Arthur Holitscher: Amerika heute und morgen, Berlin 1919, 19.Google Scholar
  2. 2.
    Franz Kafka: Gesammelte Werke VII, nach der Kritischen Ausgabe herausgegeben von Hans-Gerd Koch, Frankfurt a.M. 1994, 170. Alle Kafka-Zitate im Folgenden mit Band-und Seitenangabe im fortlaufenden Text.Google Scholar
  3. 3.
    Vergl. hierzu Hartmud Binder: Kafkas Hebräischstudien. Ein biographisch-interpretatorischer Versuch, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 11 (1967), 527–556;Google Scholar
  4. Andreas Kilcher: Kafka, Schalem und die Politik der jüdischen Sprachen, in: Politik und Religion im Judentum, hg. v. Christoph Miething, Tübingen 1999, 79–115, insbes. 102–106.CrossRefGoogle Scholar
  5. 6.
    Vergl. etwa Hanns Zischler: Kafka geht ins Kino, Reinbek bei Hamburg 1996, 145–153.Google Scholar
  6. 7.
    (Zusammenstellung bei Jürgen Born: Kafkas Bibliothek. Ein beschreibendes Verzeichnis, Frankfurt a.M. 1990.)Google Scholar
  7. 8.
    Vergl. Brief vom 20.9.1912 an Felice Bauer. (Franz Kafka: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hg. v. Erich Heller und Jürgen Born, Frankfurt a.M. 1970, 43) Bemerkenswert auch, daß Kafka seine Kommunikation mit Félice unversehens auf diesen Grund zu stellen versucht, indem er bereits im Folgeabsatz (man beachte, daß es sich um eine Art Vorstellungsbrief handelt, mit dem sich Kafka bei Félice überhaupt erst in Erinnerung bringen will) von der ›Notwendigkeit‹ spricht, »dass wir schon von jetzt ab über diese Reise uns zu verständigen suchen.« Anlaß dieses Vorhabens ist im übrigen ein Exemplar der ›Monatsschrift für die Erschließung Palästinas‹, das Kafka an jenem Abend, als er Félice bei Max Brod zum ersten Mal begegnet, »zufällig mithatte« (Brief vom 27.10.1912, ebd., 58); als weitere Exemplare trotz Abonnements nicht bei ihm ankommen, wird Kafka dann in einem weiteren Brief bemerken: »Wahrscheinlich glaubt diese Zeitschrift, daß sie an unserem gemeinsamen Abend mit dem damaligen einen Heft für mich mehr geleistet hat als für andere Abonnenten mit einem ganzen Jahrgang und das ist allerdings richtig.« (Brief vom 24.11.1912, ebd., 121f.) Zur Überlegung, daß diese Leistung nicht nur amouröser, sondern auch poetologischer Natur gewesen sein könnte, vergl. Anm. 36.Google Scholar
  8. 10.
    Bernhard Siegert: Kartographien der Zerstreuung. Jargon und die Schrift der jüdischen Tradierungsbewegung bei Kafka, in: Franz Kafka. Schriftverkehr, hg. v. Wolf Kittler und Gerhard Neumann, Freiburg i.B. 1990, 222–247, hier 239.Google Scholar
  9. 11.
    Benjamin an Scholem, Paris, 12.6.1938, in: Walter Benjamin: Briefe 2, hg. v. Gershom Scholem und Theodor W. Adorno, Frankfurt a.M. 1978, 756–764, hier 763.Google Scholar
  10. 15.
    Diese Überbietungsstrategie bei Chana Kronfeld: On the margins of modernism. Decentering literary dynamics, Berkeley/Los Angeles/London 1996, 13.Google Scholar
  11. 16.
    Dies von Wagenbach bis Baioni, für den an die Stelle der »Geburt des Zionisten Kafka […] die des Schriftstellers Kafka« tritt. (Giuliano Baioni: Kafka. Literatur und Judentum, aus dem Italienischen von Gertrud und Josef Billen, Stuttgart/Weimar 1994, 33.)CrossRefGoogle Scholar
  12. 20.
    Bernhard Greiner: Mauer als Lücke. Die Figur des Paradoxons in Kafkas Diskurs der Kultur, in: Arche Noah. Die Idee der ›Kultur‹ im deutsch-jüdischen Diskurs, hg. v. Bernhard Greiner und Christoph Schmidt, Freiburg i.B. 2002, 173–196, hier 187.Google Scholar
  13. 22.
    Siehe dazu etwa Ernst Pawel: Der Prager Zionismus zu Kafkas Zeit, in: Kafka und Prag, hg. v. Kurt Krolop und Hans Dieter Zimmermann, Berlin/New York 1994, 33–43; Baioni, Kafka [Anm. 16], 1–33.Google Scholar
  14. 23.
    Harold Bloom: Kafka. Unbestimmter Wohnsitz, in: H.B., Kafka — Freud — Scholem, aus dem Englischen von Angelika Schweikhart, Basel/Frankfurt a.M. 1990, 7–29, hier 13.Google Scholar
  15. 24.
    Gershom Scholem: Sabbatai Zwi [Kap. III, Anm. 90], 76, derselbe: Die 36 verborgenen Gerechten in der jüdischen Tradition, in: G.S., Judaica I, Frankfurt a.M. 1986, 216–225.Google Scholar
  16. 26.
    Für Deleuze/Guattari verbinden sich mit Logos und Nomos zwei sich durchdringende räumliche Organisationsprinzipien, das der ›Aufteilung‹ (partage) eines geschlossenen Raumes und das der ›Verteilung‹ (distribution) innerhalb eines offenen Raumes. Insofern die Rede von der ›deterritorialisation‹ essentiell von genannter Konzeption des Verhältnisses von Logos und Nomos abhängt, Kafkas Literaturentwurf aber sich aus ganz anderen — eben nicht nomadischen — Überlegungen zum Gesetz speist, begegnen wir hier bereits einer höchst problematischen Prämisse der ›littérature mineure‹. Vergl.: Gilles Deleuze/ Félix Guattari: Mille Plateaux [Kap. II, Anm. II], Paris 1980, 600f.Google Scholar

2. Die Margo

  1. 28.
    Vergi. Gilles Deleuze/Félix Guattari: Qu’est-ce que la philosophie?, Paris 1991, 82.Google Scholar
  2. 35.
    Heinrich Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden in drei Bänden. Erster Band: Von der Entstehung des jüdischen Volkes bis zur zweitmaligen Zerstörung Jerusalems unter Kaiser Vespasian, Leipzig 1888, 13.Google Scholar

3. Die Zeichenmaschine als conditio exul

  1. 44.
    Emmanuel Lévinas: Dieu et la philosophic, in: E.L., De Dieu qui vient à l’idée, Paris 1992, 93–127, hier 124.Google Scholar
  2. 49.
    Brief an Félice Bauer vom 11.11.1912. Franz Kafka: Briefe 1900–1912, hg. v. Hans-Gerd Koch, Frankfurt a.M. 1999, 225.Google Scholar
  3. 50.
    Bernhard Greiner: Im Umkreis von Ramses. Kafkas ›Verschollener‹ als jüdischer Bildungsroman, in: DVjs 77 (2003), 637–658.CrossRefGoogle Scholar
  4. 51.
    (Vergl. dazu: Bertram Rohde: »und blätterte ein wenig in der Bibel«. Studien zu Kafkas Bibellektüre und ihren Auswirkungen auf sein Werk, Würzburg 2002, 20–31.)Google Scholar
  5. 55.
    Zur mnemonischen Topik des Romans vergleiche in diesem Zusammenhang Andreas Kilcher: Dispositive des Vergessens bei Kafka, in: Erfahrung und Zäsur — Denkfiguren der deutsch-jüdischen Moderne, hg. v. Ashraf Noor, Freiburg i.B. 1999, 213–252, hier insbesondere 220f.Google Scholar
  6. 56.
    Vergl. Friedrich A. Kittler: Aufschreibesysteme 1800 • 1900, München3 1995, 457ff.Google Scholar
  7. 59.
    Zum Gesamtkomplex, insbesondere auch vom Ausgang dieses Ideologems bei Christian Wilhelm Dohm, vergleiche die ausgezeichnete Studie von Jonathan M. Hess: Germans, Jews and the Claims of Modernity, New Haven/London 2002.Google Scholar

4. Oklahama

  1. 64.
    Gerhard Neumann: Ritual und Theater. Franz Kafkas Bildungsroman »Der Verschollene«, in: Philippe Wellnitz (Hg.): Franz Kafka. Der Verschollene. Le Disparu/L’Amérique — Écritures d’un nouveau monde?, hg. v. Philippe Wellnitz, Strasbourg 1997, 51–78.Google Scholar
  2. 67.
    Vergl. hierzu Judith Butler: Bodies that matter. On the discursive limits of »sex«, New York 1993, 122.Google Scholar
  3. 69.
    Die Bedeutung dieser Figur (wie wir sie ja auch etwa im Schweigen der Sirenen vorfinden) für die Deutung des ›Teaters von Oklahama‹ erstmals bei Horst Seferens: Das »Wunder der Integration«. Zur Funktion des »großen Teaters von Oklahama« in Kafkas Romanfragment »Der Verschollene«, in: ZfdPh 111 (1992), 577–593.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2005

Authors and Affiliations

  • Philipp Theisohn

There are no affiliations available

Personalised recommendations