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Schönbergs Golem. Zwischenspiel auf der Klaviatur des Revisionismus [Notiz]

  • Philipp Theisohn

Zusammenfassung

Noch ist dieser Akt nicht geschlossen. Die Szenerie bleibt dieselbe. Mit Verspätung erhebt sich im Dämmerlicht eines Wiener Kabaretts ein Statist von seinem Klavier1 und fordert nun, da bereits alles gesagt zu sein scheint, sein Recht auf Text ein. In der Tat ist dieses Stück nicht ohne Schönberg zu Ende zu spielen. Die Vermittlung bzw. Semantisierung des ›einen Gedankens‹ als zentrales Problem einer jüdischen Existenz in der ästhetischen Sphäre, die Ikonophobie, die dramatische Konstellation der Selbstausstreichung des Souveräns, der in diesem Zusammenhang allfällige und explizite Moses-Bezug — um solche Anschlußstellen an unsere bisherigen Beobachtungen herzuleiten, bedarf es in diesem Fall keines allzu großen Abstraktionsvermögens. Jene Momente sind — vorzugsweise am Komplex Moses und Aron mitsamt Vorarbeiten — bereits zur Genüge entdeckt, herausgestellt und in eine mehr oder weniger lose Verbindung zum Biographem2 zu theologischen und politischen Konfessionen3 Schönbergs gerückt worden. Wir wollen uns diese Geschichten nicht noch einmal erzählen, denn die Gefahr, sich zu wiederholen resp. Schönberg nicht in seiner Besonderheit zu Wort kommen zu lassen, sondern ihn nurmehr typologisch zu erfassen, kann kaum von der Hand gewiesen werden. Gesucht wird allerdings nicht die Reprise, sondern die Variation; und so bleibt Schönberg an dieser Stelle womöglich nur eine kleine Einlassung verstattet, die uns freilich zu einer bemerkenswerten Episode in der Geschichte zionistischer Poiesis führt.

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Notizen

  1. 2.
    Die Engführung von Moses-Figur und Exilbiographie bei Bluma Goldstein: Reinscribing Moses. Heine, Kafka, Freud, and Schoenberg in a European Wilderness, Cambridge (Mass.) / London 1992, 137–167.CrossRefGoogle Scholar
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    Einen nahen Verwandten dieser Spezies finden wir im Affen Rotpeter, der seinen einzigen Ausweg ebenfalls im Variete erblickt und sich fortan »mit der Peitsche« »beaufsichtigt« resp. »sich beim geringsten Widerstand« selbst »zerfleischt«. Am Ende rücksichtsloser Selbstzucht steht ein Wesen, das die Machtverhältnisse des Theaters für sich umgekehrt hat, das seinem Impresario nicht mehr zu gehorchen hat, sich nicht mehr von ihm steuern läßt, sondern diesen im »Vorzimmer« warten läßt, ab und an zu sich bestellt und ihm Anweisungen erteilt. (Franz Kafka: Ein Bericht für eine Akademie, in: ders., Gesammelte Werke I, hg. v. Hans-Gerd Koch, Frankfurt a.M. 1994, 244f.)Google Scholar

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  • Philipp Theisohn

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