Staats-Schrift. Zur Poetologie Theodor Herzls

  • Philipp Theisohn

Zusammenfassung

Am 17. August 1895 kommt es im Münchner Tempel zu einer eigentümlichen Zusammenkunft. Der am Breslauer jüdisch-theologischen Seminar ausgebildete Wiener Oberrabbiner Moritz Güdemann hat sich in der Synagoge mit einem Landsmann verabredet, um für ihn dort eine kleine Führung abzuhalten, von der dieser in einem Tagebucheintrag vom Folgetag berichtet:

Ich ging dann zum Tempel wo ich mit Güdemann Rendezvous hatte. Der Gottesdienst war vorüber als ich hinkam. Güdemann zeigte mir das Innere des schönen Tempels. Der Schames oder Schabbesgoi, ein alter Mensch im blauen Uniformrock, gross und von schwindender Corpulenz sah Bismarck sehr ähnlich. Es war eine curiose Stimmung darin, dass eine Bismarckfigur mit den Schlüsseln hinter uns herging, während mir der Rabbiner den Tempel zeigte. Der Goi wusste nicht, dass er Bismarck ähnlich sieht; der Rabbiner wusste nicht, dass er etwas Symbolisches that, als er mir die Schönheit eines Tempels wies. Nur ich wusste dies und Anderes. (BT II, 240)

Notizen

1. Bismarck in der Synagoge — Die Galuth und das Schöne

  1. 1.
    Zitate aus Herzls Werk werden im Folgenden mit Sigle, Bandnummer (römisch) und Seitenzahl (arabisch) in Klammern im Fließtext nachgewiesen. Siglen: BT= Theodor Herzl: Briefe und Tagebücher, hg. von Alex Bein, Hermann Greive, Moshe Schaerf und Julius H. Schoeps. Sieben Bände. Berlin; Frankfurt a.M.; Wien 1983–1993.Google Scholar
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2. Die Staats-Schrift

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3. Staatskunst und Verzicht

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  • Philipp Theisohn

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