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Sozialpolitisches Erkenntnisinteresse und Soziologie: Ein Beitrag zur Pragmatik der Sozialwissenschaften

  • Franz-Xaver Kaufmann
Part of the Sozialpolitik und Sozialstaat book series (SOZPOL)

Zusammenfassung

Unter sozialpolitischem Erkenntnisinteresse sei ein wissenschaftliches Interesse verstanden, das auf die ‚Verbesserung‘, oder ‚Rationalisierung‘ von ‚Sozialpolitik‘ gerichtet ist, was auch immer man unter diesen Begriffen im einzelnen verstehen mag. Solch sozialpolitisches Erkenntnisinteresse ist einer soziologischen Beschäftigung mit Sozialpolitik nur dann implizit, wenn sozialpolitische Sachverhalte nicht bloß exemplarische Untersuchungsgegenstände in bezug auf ein bestimmtes theoretisches Interesse sind. Denn hierbei wird den sozialpolitischen Sachverhalten keinerlei eigenständiges Interesse entgegengebracht, sie sind bloßes ‚Material‘ zur Befriedigung wissenschaftsimmanenter Erkenntnisinteressen. Dieser Fall interessiert hier nur am Rande. Wer sich jedoch mit sozialpolitischen Problemen um ihrer selbst willen beschäftigt, setzt implizit bereits voraus, daß die Produktion solch speziellen Wissens einen Sinn habe, der auf die potentielle ‚Verbesserung‘ oder zum mindesten Beeinflussung derjenigen Praxis gerichtet ist, mit der er/sie sich beschäftigt.

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Literatur

  1. 1.
    „Die wachsenden Forderungen der Bevölkerung nach öffentlichen Dienstleistungen und die gesellschaftspolitischen Probleme erzeugen einen zunehmenden Bedarf an sozialwissenschaftlichem Grundlagenwissen (Daten, Problemanalysen, Prognosen). Auf weiten Gebieten ist die gesellschaftswissenschaftliche Forschung in der Bundesrepublik noch nicht in der Lage, diesem Bedarf zu entsprechen. Das gilt nicht nur für den aktuellen Forschungsbedarf von Politik und Verwaltung, sondern verstärkt auch für die Prognose gesellschaftlicher Entwicklungen. Gegenwärtig besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen den Problem- stellungen und Untersuchungsinteressen der gesellschaftswissenschaftlichen Forschung einerseits und den praktischen Problemen in Politik, Verwaltung, Rechtswesen und Bevölkerung andererseits“ (Bundesminister für Forschung und Technologie 1975, Ziff. 111).Google Scholar
  2. 2.
    Auch die Forderung von Ferbers (1977: 21 ff). daB eine soziologische Theorie der Sozialpolitik gleichzeitig die Probleme der Systemfunktionalität und der Personfunktionalität zu berücksichtigen habe, zielt in dieselbe Richtung.Google Scholar
  3. 3.
    Derartige Wertgesichtspunkte können etwa sein: „Der Mensch als Wert eigener Prägung“ (Preller 1962: 291), „Gerechtigkeit“ (z. B. Liefmann-Keil 1961) oder „Bekämpfung sozialer Ungleichheit“ (Molitor 1972; 194 ff.; Krüger 1975: 247 ff.).Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Kaufmann 1973: 115 ff. — Ein gutes Beispiel für die Beliebigkeit der Rede von ‚sozialpolitischen Zielen‘ bieten die diesbezüglichen Ergebnisse des Sozialpolitischen Ausschusses der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften: Sanmann Hrsg. 1973. Diese tendenzielle Beliebigkeit ist — wie die folgenden Überlegungen zeigen werden — auf das Fehlen klarer Rationalitätskriterien in der sozialpolitischen Praxis zurückzuführen. Der Wissenschaftler steht dann vor dem Dilemma, entweder seine eigene Rationalität in diese Praxis hineinzuprojizieren oder aber sich auf das mühsame Geschäft einer Rekonstruktion der praktischen Probleme unter gleichzeitiger Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Strukturen der Problembearbeitung einzulassen.Google Scholar
  5. 5.
    Es ist ein charakteristisches, und keineswegs nur durch Profilierungsschwierigkeiten der Fachvertreter im sich ausdifferenzierenden System der Sozialwissenschaften erklärbares Phänomen, daß die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sozialpolitik durch eine nicht enden wollende Begriffsdebatte gekennzeichnet ist. Erwähnt sei der die Debatte einleitende und hinsichtlich seiner analytischen Klarheit bis heute nicht überholte Aufsatz von Bortkiewicz 1899, sowie als jüngste Beiträge Kleinhenz 1970;Winterstein 1970.Google Scholar
  6. 6.
    Hierzu nunmehr zusammenfassend Kaufmann 2001a.Google Scholar
  7. 7.
    Im Rahmen des sog. Positivismusstreites in der deutschen Soziologie (dokumentiert in Adorno u.a. 1971) ging es — entgegen dem Selbstverständnis der meisten Kontrahenten — nicht um ein Problem der „Logik der Sozialwissenschaften“, sondern, wie Horst Baier schon früih aufgewiesen hat, „primär um den Zusammenhang von sozialwissenschaftlicher Theorie und sozialwissenschaftlicher Praxis“ (Baier 1966: 69). Das eigentliche Problem der damaligen wissenschaftstheoretischen Debatten zur ‚Logik‘ der Sozialwissenschaft war die Frage nach den Kriterien richtigen Handelns von Sozialwissenschaftlern, also entweder eine ethische oder pragmatische Frage. Im Horizont dieser Auseinandersetzungen entstand die Forderung nach einer Wissenschaftspragmatik (Kaufmann 1969); vgl. auch Touraine 1976.Google Scholar
  8. 8.
    Zur hier implizierten Theorie-Praxis-Problematik vgl. zusammenfassend Beck 1974; im Gegensatz zu Hans Albert fordert Beck den Einbezug der ‚Wertbasis‘ in die wissenschaftliche Reflexion; dem entspricht auch die hier vertretene Auffassung.Google Scholar
  9. 9.
    Unser Postulat besagt nicht, daß sich anwendungsbezogene Forschung irgendwelche manifeste praktische Interessen zu eigen machen oder gar ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setzen solle. Es wird vielmehr vom Wissenschaftler gefordert, mögliche Verwendungszusammenhänge seines Wissens antizipatorisch bei der Problemformulierung und der Hypothesenbildung explizit zu berücksichtigen, also auch die unterschiedlichen Interessen derjenigen, die von einer eventuellen Verwendung des gewonnenen Wissens betroffen sind. Diese Interessen gehen jedoch als Elemente des zu rekonstruierenden Problemzusammenhangs, nicht als Selektionskriterien in die Überlegungen des Wissenschaftlers ein.Google Scholar
  10. 10.
    In diesem Beitrag befassen wir uns nur mit kognitiven Aspekten dieses pragmatischen Problems; für organisatorische Aspekte vgl. Kaufmann/Lohan 1977.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Ford 1968; Horowitz 1971; Wissenschaftszentrum Berlin 1975; van den Daele/ Weingart 1975; Sharpe 1976; Badura 1976.Google Scholar
  12. 12.
    Geschrieben 1976!Google Scholar
  13. 13.
    Fragt man Praktiker, was sie von der Soziologie erwarten oder warum sie von ihr enttäuscht sind, so erhält man in der Regel die Antwort, daß das, was die Soziologie zu bieten habe, ‚zu theoretisch‘ oder ‚nicht handlungsrelevant‘ sei. Von der Soziologie werden Informationen erwartet, mit denen man ‚etwas anfangen‘ kann. Allerdings befragt, welche Informationen denn benötigt werden, weiß der Praktiker in der Regel keine ausreichend generalisierende Antwort, wie sie für die Formulierung wissenschaftlicher Forschungsfragen notwendig wäre. Lediglich dort, wo die Probleme und Informationsbedürfnisse der Praxis eindeutig geklärt sind, scheint es grundsätzlich möglich (wenngleich für Soziologen nicht sonderlich attraktiv), an der Beschaffung derartiger Informationen (etwa im Rahmen der Marktoder Wahlforschung) mitzuwirken.Google Scholar
  14. 14.
    So zuerst Achinger 1958; ferner von Ferber, 1967; Tennstedt 1976. Dabei wird jedoch deutlich, daß das Dominieren juristischer und ökonomischer Deutungskategorien keineswegs zu einer wissenschaftlichen Durchdringung der Sozialpolitik geführt hat.Google Scholar
  15. 15.
    Zu dieser Problematik vgl. Deutscher Sozialgerichtsverband 1970.Google Scholar
  16. 16.
    Einen realistischen Überblick gibt Bartholomäi 1977.Google Scholar
  17. 17.
    Verwiesen sei an dieser Stelle nur auf die Schwierigkeiten des Feldzugangs bei Forschungen in organisierten Kontexten, welche u. U. zu völlig unvorhersehbaren Verzögerungen und Restriktionen der Forschungsarbeit führen.Google Scholar
  18. 18.
    Implementations- und Evaluationsforschung können als wichtige Forschungsrichtungen der 1970er und 1980er Jahre gelten, welche diese Perspektive voran gebracht haben.Google Scholar
  19. 19.
    Der von Gerhard Weisser in die sozialpolitische Diskussion eingeführte Begriff der ‚Lebenslage‘ bedarf in diesem Zusammenhang einer soziologischen Ausarbeitung. Er beinhaltet nach unserem Verständnis grundsätzlich alle Elemente und Bedingungen menschlicher Existenz, die als durch politische Maßnahmen beeinflußbar gelten. Der Begriff der ‚Lebenslage‘ wird also seinem empirischen Gehalt nach erst durch eine Analyse politischer Intentionen und Maßnahmen bestimmt. Solange es keine Wohnungspolitik gibt, ist ‚Wohnung‘ kein Element des analytischen Begriffs ‚Lebenslage‘. Er gewinnt jedoch forschungsstrategische Bedeutung unter dem Gesichtspunkt, daß Lebenslageelemente, ihre Merkmalsausprägungen und ihre Verteilung von entscheidender Bedeutung für die Bestimmung sozialpolitischer Probleme sind.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. Herlth/Kaufmann/Strohmeier 1976; 1980. Zur Methode der Wirkungsforschung vgl. Bisky 1975.Google Scholar
  21. 21.
    Beim Umgang mit Organisationen als Forschungsobjekt fallen nahezu von selbst Momente der Interventionsforschung an, falls sie der Forscher wahrzunehmen vermag: Schon Felderschließungsmaßnahmen stellen eine mitunter aufschlußreiche Intervention des Forschers dar. Als Übersicht zur Interventionsforschung vgl. Kahn 1974.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Haag 1972; Moser, 1975. Aktions- und Interventionsforschung sind also auf die Hervorbringung von Wirkungen unter unmittelbarer Kontrolle des Forschers gerichtet und nä- hern sich daher gedanklich dem naturwissenschaftlichen Experiment an. Allerdings sind sowohl die Randbedingungen als auch die Bedingungen der Reproduzierbarkeit (und damit auch diejenigen der Generalisierung von Ergebnissen) in der Regel prekär.Google Scholar
  23. 23.
    Exemplarisch für diese Art von Forschung und ihre generalisierbare Auswertbarkeit ist die Sekundäranalyse von Evaluationen frühkindlicher Förderungsprogramme durch Bronfenbrenner 1974.Google Scholar
  24. 24.
    Einen Überblick über die Evaluationsforschung gibt Struening/Guttentag 1975. Für den sozialpolitischen Bereich im besonderen vgl. Rossi/Williams 1972; Thompson 1975. Einen Überblick über Evaluationsversuche im politischen System der BRD gibt Derlien 1976. — Zur Präzisierung des Begriffs Erfolgskontrolle vgl. Bohme/König 1976. Zur Entwicklung meines methodischen Verständnisses von Evaluation vgl. Kaufmann/Strohmeier 1981, vgl. ferner Abschnitte 4.4 und 4.5 Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Franz-Xaver Kaufmann

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