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Wechselseitige Wahrnehmung als Problem der deutsch-französischen Beziehungen

  • Hans Manfred Bock

Zusammenfassung

Im fünften Jahr nach der deutschen Vereinigung stellen sich die deutschfranzösischen Beziehungen, die über die Jahrzehnte privilegierte Beziehungen waren, als eine Folge von öffentlichen Reibereien und gegenseitigen Verdächtigungen dar. Ist das das Ende der von de Gaulle und Adenauer deklarierten „Vorzugsbeziehungen“ zwischen beiden Ländern? Bröckelt der Sockel, auf dem die europäische Integration ruht? Deutsche und Franzosen feiern nicht dieselben öffentlichen Feste, die ja immer vorrangig Anlässe sind für die Beschwörung von Gemeinsamkeit und die Festigung der kollektiven Erinnerung. Das wurde 1994/95 deutlich bei den Feierlichkeiten zum 6. Juni 1944 (französisch die „Landung“, deutsch die „Invasion“ der Alliierten in der Normandie), zum 14. Juli 1994 (aus Anlaß der deutschen Kontingente im Euro-Korps auf den Champs Elysées) und zum 25. August 1994 (Befreiung von Paris von der nationalsozialistischen Besatzung vor 50 Jahren). Das setzte sich fort bei den Kommemorations-Anlässen des Jahres 1995. Es gab erstmals 1994, in Frankreich heftig kommentiert, in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen, die Einbestellung des französischen Botschafters durch den deutschen Außenminister aufgrund kritischer Äußerungen zur deutschen Europa-Politik. Die Art, wie das vereinigte Deutschland die Erweiterung der Europäischen Union um Österreich, Finnland und Schweden vorantrieb, wurde in Frankreich als Zeichen neuerlicher Herrschafts- und Großmannssucht gedeutet. Im Straßburger Europa-Parlament sprach in diesem Zusammenhang ein französischer Diplomat von der „Arroganz“ des vereinten Deutschland. Als nicht überbietbares Beispiel von „Arroganz“ wurde in der deutschen Öffentlichkeit die französische Entscheidung für die Wiederaufnahme der Atomwaffen-Versuche im Südpazifik im Spätsommer 1995 aufgefaßt. Die vorherrschende Einstellung zur zivilen und militärischen Nutzung der Atomenergie ist in beiden Nationen geradezu gegensätzlich,1 und was auf der einen Seite als ökologische Überlebensfrage angesehen wird, gilt auf der anderen Seite als „Hysterie“.

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Literatur

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    Vgl. dazu im Frankreich-Jahrbuch 1989 (Opladen 1989, S. 195–201) meinen Litera-tur-und Problem-Überblick: Kernenergiekonflikt in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich.Google Scholar
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    S. dazu eingehend Hans Manfred Bock: Tradition und Topik des populären Frankreich-Klischees in Deutschland von 1925 bis 1955, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte, Sigmaringen 1986, Bd. 14, S. 475–508.Google Scholar
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    Zur kritischen Diskussion der Ursprünge, Träger und Funktionen dieser geistesgeschichtlichen Ableitungen der deutschen Nationalkultur s. generell interessant (wenngleich ohne direkten Bezug auf die französischen Anleihen bei denselben): Barbro Eberan: Luther? Friedrich der Große? Nietzsche? Wagner? Wer war an Hitler schuld? Die Debatte um die Schuldfrage 1945–1949, München 1983.Google Scholar
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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Hans Manfred Bock

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