Zur Systemhaftigkeit des Rundfunks

  • Gernot Gehrke
  • Ralf Hohlfeld
Part of the Studien zur Kommunikationswissenschaft book series (SZK)

Zusammenfassung

Vorerst sind auf diese Weise die normativen Zielvorstellungen, die auf den Rundfunk gerichtet sind, in einen politischen, juristischen, historischen und einen bescheidenen wissenschaftstheoretischen Kontext gebracht worden. Aber gerade im wissenschaftstheoretischen Bereich bedarf es der weitergehenden Differenzierung, denn bis jetzt sind wohl einige Grundlegungen getroffen worden, allerdings besteht noch keine solide wissenschaftstheoretische Basis, die einen theoretischen Ausgangspunkt für die Analyse des Rundfunkwandels markieren könnte. Zwar sind die Rahmenbedingungen des Rundfunks weitgehend erarbeitet, konstruiert ist der Gegenstand selbst aber noch nicht. Für diese theoretische Kontruktion des Rundfunks entscheiden wir uns für eine Vorstellung von Rundfunk als System.

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Literatur

  1. 1.
    Auf diese Gefahr hingewiesen hat Rühl, Manfred: Duales System oder dysfunktionale Doppelhelix? Ein Aufriß des rundfunkpublizistischen Prozesses in Deutschland. In: Holgersson, Silke/Otfried Jarren/Beriberi Schatz (Hg.): Dualer Rundfunk in Deutschland. Beiträge zu einer Theorie der Rundfunkentwicklung (= Jahrbuch 1994 der Arbeitskreise ‘Politik und Kommunikation“ der DVPW und der DGPuK), Münster/Hamburg 1994, Seite 35–61, hier: S. 36. Künftig zitiert: Rühl 1994.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Rühl 1994, S. 36f; sowie Langenbucher 1992 und 1993. Rühl wirft Langenbucher die unkritische Rückbesinnung auf die Dofivatsche „publizistische Persönlichkeit“ als Untersuchungsobjekt der Gegenwartspublizistik vor und moniert die essentialistische Festlegung des Bezugssystems. Will man die Publizistik beziehungsweise das publizistische System mit den Publikationen prononcierter Journalisten erklären, fehlt, so Rühl, die Erklärung, wie „dieses Bewußtseinssystem mit der Welt der Publizistik und der gesellschaftlichen Umwelt zirkulär verbunden ist“. Der publizistische Alltag und die Märkte der Enstehung von publizistischer Kommunikation blieben in solchen Konzepten unberücksichtigt.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Beyme, Klaus von: Die politischen Theorien der Gegenwart. Eine Einführung. Opladen 1992, S. 15–42. Künftig zitiert: Beyme 1992.Google Scholar
  4. 4.
    Allein diese willkürliche Setzung wird von Kritikern des Positivismus/Rationalismus, der sich von allen metaphysischen Wissenschaftsvorstellungen freispricht, als konstitutives ontologisches Moment vermerkt. Vgl. Beyme 1992, S. 38.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. stellvertretend Popper, Karl Raimund: Die Logik der Forschung. Tübingen 1966.Google Scholar
  6. 6.
    Beyme 1992, S. 27. Es darf nicht der Eindruck entstehen, Systemtheorie ließe sich mit dem Kritischen Rationalismus gleichsetzen. Zwar huldigt die moderne Systemtheorie der deduktiven empi-risch-analytischen Wissenschaftsauffassung, gleichwohl geht sie in ihrem angestrebten Wirkungsbereich (trotz Mertons Einschränkung der Theorie auf eine mittlere Reichweite) meist weit über das von den kritischen Rationalisten betriebene, behutsam sich vortastende trial-and-error-Verfahren hinaus, das oft als „Stückwerktechnologie“ bezeichnet wird. A.a.O., S. 36.Google Scholar
  7. 9.
    Marcinkowski, Frank: Irritation durch Programm. Wie kommunizieren Politik und Rundfunk? In: Jarren, Otfried (Hg.): Politische Kommunikation in Hörfunk und Fernsehen. Elektronische Medien in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1994, S. 51–65, hier: S. 51. Künftig zitiert: Marcinkowski 1994. Vgl. zudem zu dieser Einschätzung Willke, Helmut: Systemtheorie. Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie sozialer Systeme. Stuttgart/New York ‘1991, speziell S. V. Künftig zitiert: Willke ’ 1991. Faulstich sieht gar - allerdings durch seinen spezifischen, auf Medientheorien verengten Zugang - die Ablösung der Einzelmedientheorien durch die „wohl zukunftsträchtigsten Beiträge“ der „systemtheoretische(n) Medientheorien“. Vgl. Faulstich, Werner: Medientheorien. Einführung und LJberblick, Göttingen 1991, S. 152. Künftig zitiert: Faulstich 1991.Google Scholar
  8. 10.
    Rühl, Manfred: Systemdenken und Kommunikationswissenschaft. In: Publizistik, Heft 2, 1969, S. 185–205, hier: S. 185. Künftig zitiert: Rühl 1969.Google Scholar
  9. 11.
    Vgl. Blöbaum, Bernd: Journalismus als soziales System. Geschichte, Ausdifferenzierung und Verselbständigung, Opladen 1994, hier: S. 256. Künftig zitiert: Blöbaum 1994.Google Scholar
  10. 13.
    Saxer, Ulrich: Systemtheorie und Kommunikationswissenschaft. In: Burkhart, Roland/Walter Hömberg (Hg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung. Wien 1992, S. 91–110, hier Seite 91. Künftig zitiert: Saxer 1992.Google Scholar
  11. 14.
    Vgl. Kneer, Georg/Armin Nassehi: Nildas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Eine Einführung, München 1993, S. 17f. Künftig zitiert: Kneer/Nassehi 1993; zu den Parallelen in der Denkweise von modernen Theoretikern (Nildas Luhmann) und der alteuropäischen Bewußtseinsphilosophie vgl. Wagner, Gerhard/Heinz Zipprian: Identität oder Differenz. Bemerkungen zu einer Aporie in Nildas Luhmanns Theorie selbstreferentieller Systeme. In: Zeitschrift für Soziologie, Heft 6, 1992, S. 394405, hier: S. 396ff. Künftig zitiert: Wagner/Zipprian 1992.Google Scholar
  12. 15.
    Vgl. Kunczik, Michael: Elemente der modernen Systemtheorie im soziologischen Werk von Herbert Spencer. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1983, S. 438–461.Google Scholar
  13. 16.
    Der Kommunikationsprozeß ist nach Mead das Medium, über das die kooperativen Tätigkeiten in einer ihrer selbst bewußten Gesellschaft abgewickelt werden: Dieser Prozeß brauche allerdings abgegrenzte Komplexe, die der System/Umwelt-Differenz der modernen Systemtheorie nicht unähnlich sind: „ […] es gibt keinen Bereich des Denkens, der einfach aus sich selbst heraus funktionieren könnte. Denken ist nicht ein Bereich, der sich von möglichen gesellschaftlichen Verwendungszwekken absondern ließe. Es muß einen Bereich wie Religion oder Wirtschaft geben, in dem etwas mitgeteilt werden kann, in dem es einen kooperativen Prozeß gibt, in dem die mitgeteilten Sachverhalte gesellschaftlich verwertet werden können. Man muß diese Art kooperativer Situation voraussetzen, um das sogenannte ‚logische Universum‘ zu erreichen.“ Vgl. Mead, George Herbert: “Geist, Identität und Gesellschaft (aus der Sicht des Sozialbehaviorismus). Mit einer Einleitung herausgegeben von Charles W. Morris, Frankfurt am Main 1968, hier: S. 306. Künftig zitiert: Mead 1968.Google Scholar
  14. 18.
    Vgl. Blumer, Herbert: Der Methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus. In: Burkhart, Roland/Walter Hömberg (Hg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung, Wien 1992, S. 23–39. Künftig zitiert: Blumer 1992.Google Scholar
  15. 20.
    Vgl. Haferkamp, Hans/Michael Schmid (Hg.): Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung, Frankfurt am Main 1987, S. B. Künftig zitiert: Haferkamp/Schmid 1987.Google Scholar
  16. 21.
    Cherry, Colin: Kommunikationsforschung - eine neue Wissenschaft, Frankfurt am Main 1963, S. 368.Google Scholar
  17. 24.
    Luhmann, Niklas- Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main 1984, S. 15. Künftig zitiert: Luhmann 1984. Als „zirkuläre Leerformel“ karikiert hat diese Definition - indem er sie auf einen Spielzug beim Fußball übertrug - Hartmut Esser in seiner herrlichen Persiflage „Der Doppelpaß als soziales System“. In: Zeitschrift fir Soziologie, Heft 2, 1991, S. 147–152. Künftig zitiert: Esser 1991.Google Scholar
  18. 25.
    Auf die beliebige An-und Vielzahl möglicher Systemtypologien und eine damit verbundene relative Freiheit der Fragestellung hat Ulrich Saxer aufmerksam gemacht: „Was die Systemtypologie betrifft, so entscheidet über diese der jeweilige Erkenntniszweck. Entsprechend der unendlichen Fülle von Systemvarianten sind ja die Möglichkeiten, Systemtypologien zu entwerfen, unbeschränkt“. Saxer 1992, S. 91.Google Scholar
  19. 27.
    Kiss, Gâbor: Evolution soziologischer Grundbegriffe. Zum Wandel ihrer Semantik. Stuttgart 1989, S. 89. Künftig zitiert: Kiss 1989.Google Scholar
  20. 28.
    Auf die Frage nach seiner persönlichen Motivation zu wissenschaftlichem Arbeiten hat der geistige Vater der System/Umwelt-Differenz, Niklas Luhmann, einmal erwidert: „Ich halte es zum Beispiel fur fruchtbarer, Theorien nicht mit Einheit anzufangen, sondern mit Differenz, und auch nicht bei Einheit (im Sinne von Versöhnung) enden zu lassen, sondern bei einer, wie soll ich sagen, besseren Differenz. Deswegen ist zum Beispiel das Verhältnis von Systemen und Umwelt für mich wichtig, und auch der Funktionalismus, weil er immer bedeutet, daß man Verschiedenes miteinander vergleichen kann.“ Zitiert nach Kneer/Nassehi 1993, S. 9.Google Scholar
  21. 30.
    Teubner; Gunter: Hyperzyklus in Recht und Organisation. Zum Verhältnis von Beobachtung, Selbstkonstitution und Autopoiese. In: Haferkamp/Schmid 1987, S. 89–128, hier: S. 89. Künftig zitiert: Teubner 1987. Die Systemtheorie ist unter diesen Prämissen eine Dogmentheorie par exellence. Den beschriebenen Vorteilen dogmatischer Untersuchungen kann indessen nur hinsichtlich der theoriebildenden Axiome zugestimmt werden. Eine Ausarbeitung von Theorie und die Übertragung auf empirische Untersuchungen muß über normative Betrachtungsweisen hinausgehen und offen sein für ertragversprechende Zusatzannahmen, auch wenn diese auf den ersten Blick mit dem gewählten Paradigma nicht korrespondieren sollten.Google Scholar
  22. 31.
    Vgl. mit dieser Einschätzung Stockler, Markus: Politik und Medien in der Informationsgesellschaft. Ein systemtheoretisch basierter Untersuchungsansatz, Münster 1992, hier: S. 5. Künftig zitiert: Stöckler 1992. Helmut Willke unterscheidet drei Universalitäten: die fachspezifische Universalität innerhalb der Soziologie, die interdisziplinäre Universalität, die Grundprinzipien von Systemen in den unterschiedlichsten Wissenschaften auf den Grund geht und schließlich Universalität des Problems der Komplexität. Vgl. Willke ‘1991, S. If. Luhmann, der auch Wissenschaft als soziales System definiert (Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990. Künftig zitiert: Luhmann 1990), bezieht den Universalitätsanspruch dieses Theorieprogramms keinesfalls auf den Wahrheitsanspruch, sondern allenfalls auf die Gegenstandserfassung „in dem Sinne, daß sie [die Systemtheorie G.G.] als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte“. Er stellt einen Zusammenhang zwischen Universalitätsanspruch und Selbstbezüglichkeit der Theorie her: „Theorien mit Universalitätsanspruch sind leicht daran zu erkennen, daß sie selbst als ihr eigener Gegenstand vorkommen (denn wenn sie das ausschließen wollten, würden sie auf Universalität verzichten).“ Luhmann 1984, S. 9. ten für wesentlich zu halten: Der Umweg der Generalisierung und Respezifizierung ist in dieser Hinsicht eher neutral zu halten; er wird jedenfalls die Analyse stärker Mr Differenzen zwischen den Systemtypen sensibilisieren.“ Luhmann 1984, S. 32.Google Scholar
  23. 34.
    Luhmann 1984, S. 33. Für Luhmann geht es bei seinem soziologischen Theorieentwurf immerhin um „die seit Parsons nicht mehr gewagte Formulierung einer fachuniversalen Theorie.“ Luhmann 1984, S. 10. Gleichwohl bleibt festzuhalten, daß es auch heute weder einen einheitlichen Systembegriff noch eine einheitliche Systemtheorie gibt.Google Scholar
  24. 35.
    Rühl, Manfred: Marktpublizistik. Oder: Wie alle - reihum - Presse und Rundfunk bezahlen In: Publizistik, Heft 2, 1993, S. 125–152, S. 129. Künftig zitiert: Rühl 1993Google Scholar
  25. 36.
    Frank Marcinkowski hat in seiner bemerkenswerten systemtheoretischen Analyse Publizistik als autopoietisches System die gesellschaftliche Funktion der Massen-kommunikation, die nur über Systembildung möglich ist, herausgearbeitet: „Systeme […] etablieren offenbar eine relativ stabile soziale Ordnung. In diesem Sinne, soviel kann bereits vorweg genommen werden, stellt auch das publizistische System die evolutionär bewährte Lösung eines Komplexitätsproblems dar.“ Marcinkowski, Frank: Publizistik als autopoietisches System. Politik und Massenmedien. Eine Systemtheoretische Analyse, Opladen 1993, S. 27f. Künftig zitiert: Marcinkowski 1993.Google Scholar
  26. 38.
    Boventer, Hermann: Medienspektakel: Zwischen Quote und Qualität. Eine Vortragsreihe des Studium Universale an der Universität Bonn. In: Communicatio Socialis, Heft 3, 1993, S. 275–279, hier: S. 278, künftig zitiert: Boventer 1993.Google Scholar
  27. 39.
    Die Herausgeber Jörg Aufermann, Hans Bohrtann und Rolf Sülzer haben ihrem Arbeitsbuch schon relativ früh einen umfassenden Überblick über das Komplexitätsniveau der Massenkommunikation gegeben. Vgl. Aufermann, Jörg/Hans Bohrmann/Rolf Siilzer (Hg.): Gesellschaftliche Kommunikation und Information. Forschungsrichtungen und Problemstellungen. Ein Arbeitsbuch zur Massenkommunikation, Frankfurt am Main 1973; vgl. ferner Maletzke, Gerhard: Psychologie der Massenkommunikation, Hamburg 1963, sowie - allerdings ideologisch verengt - Prokop, Dieter (Hg.): Massenkommunikationsforschung 3 Bde: Produktion, Konsumtion und Produktanalyse, Frankfurt am Main 1972–1973.Google Scholar
  28. 40.
    Zudem finden wir neuerdings im Sonderheft 30 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsycholgie eine gute Übersicht über die Vielschichtigkeit der Massenkommunikation. Vgl. Kaase, Max/Winfried Schulz: Massenkommunikation. Theorien, Methoden, Befunde. (= Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsycholgie, Band 30 [1989]), Opladen 1989. Als jüngeres Beispiel unter dem Blickwinkel des rasanten Medienwandels insbesondere im Rundfunkbereich vgl. Kutsch, Arnulf/ Christina Holtz-Bacha/Franz R. Stucke (Hg.): Rundfunk im Wandel. Beiträge zur Medienforschung. Festschrift für Winfried B. Lerg, Berlin 1992. Beschränkt auf den Medienwirkungsprozeß vgl. die Forschungsantologie von Schulz, Winfried (Hg.): Medienwirkungen. Einflüsse von Presse, Radio und Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft. Untersuchungen zum Schwerpunktprogramm “Publizistische Medienwirkungen”, Weinheim 1992, und Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung, Tübingen 1987.Google Scholar
  29. 41.
    Neben dem oben zitierten, von Niklas Luhmann präferierten deduktivem Vorgehen der Respezifikation vgl. auch Rühl 1969, S. 187, der auf die Schwierigkeit hingewiesen hat, Gültigkeitskriterien für das Messen isomorpher Beziehungen im Forschungsprozeß auf dem Weg zu einer entwickelten Theorie zu fmden, die auf eine große Anzahl allgemeiner realer Systeme zutreffen. “Das Fehlen einer hinreichenden Zahl empirischer Untersuchungen, besonders im Bereich der Sozialwissenschaften, in denen Begriffe und Hypothesen der allgemeinen Systemtheorie angewendet werden, läßt Schlußfolgerungen über die Brauchbarkeit dieser Theoriekonzeption noch nicht zu. Erweist sich jedoch diese Kritik als zutreffend, dann wäre die allgemeine Systemtheorie, deren entscheidende Implikation in der Vorstellung des Isomorphismus zu suchen ist, in ihren Grundfesten erschüttert”.Google Scholar
  30. 42.
    Zur Frage der Strukturähnlichkeit von wissenschaftlichen Modellen und der Realität vgl. Saxer, Ulrich: Kommentar zu Klaus Krippendorff. (Beitrag zum Kapitel: “Erkenntnistheorie und Theorien der Massenkommunikation”). In: Bentele, Günter/Manfred RUM (Hg.): Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven (= Band 19 der Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft fir Publizistik-und Kommunikationswissenschaft), München 1993, S. 65–73, hier: S. 68f. Künftig zitiert: Saxer 1993.Google Scholar
  31. 43.
    Droste, Olaf: Niklas Luhmanns Systemtheorie und das Fernsehen. In: Arbarbanell, Stefan/Claudio Cippitelli/Dietrich Neuland (Hg.): Fernsehen verstehen, Frankfurt am Main 1993, S. 51–65, hier: S. 55. Künftig zitiert: Droste 1993.Google Scholar
  32. 44.
    Die abstrakte, oft unverständliche, weil willkürliche Diktion der Systemtheorie hält selbst Willke als Verfasser der Einführunglektüre “Systemtheorie” für - auf den ersten Blick - relativ schwierig: “Wer systemtheoretische Lektüre nach dem ersten Lesen verstanden hat, ist verdächtig: entweder ist er ein Genie, oder - das scheint empirisch der häufigere Fall zu sein - er hält sich nur für ein solches. Willke ‘1991, S. B.Google Scholar
  33. 45.
    Vgl. dazu Reese-Schäfer, Walter: Luhmann zur Einführung, Hamburg 1992, S. 7–26. Künftig zitiert: Reese-Schäfer 1992; sowie Luhmann, Niklas: Unverständliche Wissenschaft. Probleme einer theorieeigenen Sprache. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, Opladen 1981, S. 170177, künftig zitiert: Luhmann 198la; Zur Crux der Eigenkomplexitätsvennehrung sozialwissenschaftlicher Theorieversuche im allgemeinen vgl. Luhmann 1984, S. 8: “Als Resultat verwirrt den Beobachter vor allem die rasch zunehmende Komplexität dieser Theoriediskussion. Je besser man die Leitautoren kennt und je höher man die Ansprüche an die Analyse ihrer Texte im Kontext ihrer Sekundärliteratur schraubt […J, desto komplexer wird das Fachwissen, das die weitere Forschung tragen muß.” Für die Weiterentwicklung der Systemtheorie jedoch fordert Luhmann allerdings, zuerst von sich selbst, eine Komplexitätssteigerung: “Eine soziologische Theorie, die die Fachverhältnisse konsolidieren will, muß nicht nur komplexer, sie muß sehr viel komplexer werden im Vergleich zu dem, was die Klassiker des Fachs und ihre Exegeten und selbst Parsons sich zugemutet hatten. Das erfordert andere theorietechnische Vorkehrungen, was Haltbarkeit und Anschlußfähigkeit nach innen und außen betrifft, und erfordert nicht zuletzt den Einbau einer Reflexion auf Komplexität (also auch eines Begriffs der Komplexität) in die Theorie selbst. A.a.O. S. 11.Google Scholar
  34. 47.
    Vgl. Willke 199, S. 8f; neuerdings Marcinkowski 1993, S. 28.Google Scholar
  35. 48.
    Vgl. mit ähnlicher Einschätzung Droste 1993. Die jüngere Vergangenheit hat diese Einschätzung zu einem gewissen Teil relativiert. Besonders die Einlassungen von Rühl (1969, 1979, 1980 u.a), Marcinkowski (1993), Blöbaum (1994) und Droste (1993) zeugen von einem neuerdings starken Interesse, dieses Theoriedefizit abzuarbeiten.Google Scholar
  36. 50.
    Vgl. zum Paradigmenbegriff in seiner Funktion als Modellvorstellung von der Aufspaltung der Wirklichkeit Rolf Ziegler: Kommunikationsstruktur und Leistung sozialer Systeme, Frankfurt 1967, S. 3; kritisch dazu und mit dem Anspruch, Paradigmen als Meßinstrumente für wissenschaftliche Selektionen zu operationalisieren vgl. Krix, Siegfried: Einflüsse, Bedeutung der Systemtheorie Talcolt Parsons auf Konzepte von Kommunikation. Münster 1984 (unveröffentlichte Magisterabeit im Fach Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster).Google Scholar
  37. 51.
    Die strukturell-funktionale Theorie ist nicht auf eine einzelne Schrift von Parsons (oder auch anderer) gegründet, sondern zieht sich durch das Gesamtwerk des amerikanischen Soziologen; zuerst wohl in The Structure of Social Action (New York 1937), und Introduction (In: Max Weber: The Theory of Social and Economic Organization, London 1947, S. 20f.); hauptsächlich als Weiterentwicklung jedoch Die jüngsten Entwicklungen der strukturell funktionalen Theorie (In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Heft 16, 1964, S. 30–49.) The Social System (Toronto 1968), Gesellschaften: Evolutionäre und komparative Studien (Frankfurt am Main 1975) und Das System moderner Gesellschaften (München 1972)Google Scholar
  38. 52.
    An erster Stelle zu nennen ist Robert K. Merton: Social Theory and Social Structure. New York, London 1968. Künfig zitiert: Merton 1968. Da der Theorie-Fortschritt aber eher von der Auseinandersetzung mit Parsons’ Werk seinen Ausgang nahm - besonders Niklas Luhmann hat sein Konzept stets explizit und implizit an Parsons orientiert - wird hier größtenteils auf dessen Theorie-Umriß rekurriert.Google Scholar
  39. 53.
    Kiss, Gabor: Grundzüge und Entwicklung der Luhmannschen Systemtheorie, Stuttgart 1990, S. 75. Künftig zitiert: Kiss 1990.Google Scholar
  40. 54.
    Um soziale Systeme klassifizieren zu können, unterscheidet Parsons fitnf Pattern Variables - sogenannte Dilemma-Paare -, bei denen es sich um Entscheidungshilfen für die Auswahlmöglichkeiten sozialen Handelns dreht: Affektivität - affektive Neutralität; Selbstorientierung - Kollektivorientierung; Universalismus - Partikularismus; Zuweisung - Leistungsorientierung: diffuses Verhalten - spezifisches Verhalten. Vgl. Parsons, Talcott/Robert F. Bales/Edward A. Shils: Working Papers in the Theory of Action. Glencoe 1953. Zitiert nach: Parsons, Talcott: Einige Grundzüge der allgemeinen Theorie des Handels. In: Hartmann, Heinz (Hg.): Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur soziologischen Theorie, Stuttgart 1967, S. 153–171, hier: S. 156, Fußnote 5. Künftig zitiert: Parsons 1967.Google Scholar
  41. 55.
    Daneben, teilweise auch darüber, stellt Parsons die festen Größen Kultur (als das zusammenhängende System allgemein geltender Werte) und Persönlichkeit (oder auch personales System aus Motiven, Affekten und Vorstellungen, die jedes Individuum intemalisiert) sowie das System des Verhaltensorganismus. Vgl. dazu sehr anschaulich die graphische Darstellung von Kiss 1990, S. 80, mit der er diese vier Grundkomponenten der “gesellschaftlichen Wirklichkeit” darstellt. Wichtig ist, daß die Handlungsprozesse zwischen den vier Systemebenen unter dem spezifischen, übergeordneten Aspekt des kollektiven Interesses an der Autarkie des Gesamtgesellschaftssystem betrachtet werden.Google Scholar
  42. 59.
    Luhmann, Niklas: Soziologie als Theorie sozialer Systeme. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen ‘1972, S. 113–136, hier: S. 113f Künftig zitiert: Luhmann’ 1972a.Google Scholar
  43. 62.
    Zum AGIL-Schema vgl. Talcott Parsons. Theorie sozialer Systeme. Herausgegeben von Stefan Jensen, Opladen 1976, S. 64.Google Scholar
  44. 63.
    Vgl. Saxer 1992, S. 93; kritisiert wird das AGIL-Schema hinsichtlich seiner fehlenden Fähigkeit, soziale Teilsysteme in ihrem strukturellen Wandel zu vergleichen. Zum Vorwurf der Gleichartigkeit und Geschichtslosigkeit, denen Teilsysteme durch das AGIL-Schema unterworfen werden, vgl. Renate Mayntz. Funktionelle Teilsysteme in der Theorie sozialer Differenzierung. In: Mayntz, Renate/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichweh: Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme. Frankfurt am Main/New York 1988, S. 11–44, hier: S. 23ff. Künftig zitiert: Mayntz 1988.Google Scholar
  45. 64.
    Merton, Robert K.: Manifest and Latent Functions. In: Merton 1968, S. 73–138.Google Scholar
  46. 66.
    Marion J. Levy, Jr. zitiert nach Rühl 1969, S. 190.Google Scholar
  47. 69.
    Vgl. statt vieler Dahrendorf, Ralf Gesellschaft und Freiheit, München 1961, S. 104. Die soziologische Konflikttheorie, deren prominenteste Vertreter neben Dahrendorf insbesondere Lewis A. Coser und Barrington Moore sind, entstand als bewußte Gegenbewegung zur Systemtheorie. Sie geht von ähnlichen Prämissen aus wie der Strukturfunktionalismus, verändert diesen aber methodologisch dadurch, daß sie in einem kritisch-pessimistischen Ansatz Gegenbegriffe zu den vier von Parsons angenommenen Axiomen “Stabilität”, “Gleichgewicht”, “Funktionalität” und “Konsensus” entwickelt. Die Grundannahmen der Konflikttheorie heißen entsprechend “Geschichtlichkeit”, “Explosivität”, “Disfunktionalität” und “Zwang”.Google Scholar
  48. 71.
    Kiss 1990, S. 76. Klaus Merten sieht im Kausaldenken “eine unzulässig vereinfachende Strukturannahme sozialer Prozesse”. Vgl. Merten, Klaus: Kommentar zu Klaus Krippendorff. (Beitrag zum Kapitel: “Erkenntnistheorie und Theorien der Massenkommu-nikation”). In: Betitele, Günter/Manfred Rühl (Hg.): Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven (= Band 19 der Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik-und Kommunikationswissenschaft), München 1993, S. 52–55, hier: S. 52. Künftig zitiert: Merten 1993.Google Scholar
  49. 72.
    Luhmann, Niklas: Funktionale Methode und Systemtheorie. In: ders.: Soziologische Auftdärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen’1972, S. 31–53, hier: S. 35. Künftig zitiert: Luhmann’ 1972.Google Scholar
  50. 76.
    Vgl. Reimann, Horst: Kommunikations-Systeme. Umriß einer Soziologie der Verntittlungs-und Mitteilungsprozesse, Tübingen 1968. Künftig zitiert: Reimann 1968.Google Scholar
  51. 78.
    Vgl. Buckley, Walter: Society as a Complex Adaptive System. In: Buckley, Walter (Hg.): Modem Systems Research for the Behavorial Scientist, Chicago 1968, S. 490–513. Zitiert nach Willke 31991, S. 197. Einen erster Versuch, die allgemeine Systemtheorie fir die Sozialwissenschaften fruchtbar zu machen, unternahm der Autor schon ein Jahr zuvor in Buckley, Walter: Sociology and Modem Systems Theory, Englewood Cliffs (New York) 1967. Zitiert nach Rühl 1969, S. 202.Google Scholar
  52. 82.
    Zur Theorie gesellschaftlicher Differenzierung vgl. Mayntz, Renate/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichweh: Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt am Main/New York 1988.Google Scholar
  53. 84.
    Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1964, S. 24.Google Scholar
  54. 85.
    Niklas Luhmann zitiert nach Rühl, Manfred: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System, Freiburg21979, hier: S. 73 (angeblich: Luhmann 1970, S. 42).Google Scholar
  55. 87.
    Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. In: ders.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen’ 1972, S. 9–30, hier: S. 14. Künftig zitiert: Luhmann’ 1972c.Google Scholar
  56. 95.
    Luhmann, Niklas: Geschichte als Prozeß und die Theorie sozio-kultureller Evolution. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, Opladen 1981, S. 178–197, hier: S. 186. Künftig zitiert: Luhmann 1981b.Google Scholar
  57. 96.
    Einen Überblick über die Kommunikationsmedien in den Gesellschaftstheorien von Parsons, Habermas und Luhmann gibt Künzler, Jan: Medien und Gesellschaft. Die Medienkonzepte von Talcott Parsons, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann, Stuttgart 1989.Google Scholar
  58. 97.
    Vgl. Maturana, Humberto R.: Erkennen: Die Organisation und Verkörperung der Wirklichkeit, Braunschweig/Wiesbaden 1982; darin speziell der Aufsatz von ders./Francisco Varela: Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation. S. 170–235; ferner dies.: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, Bern/München/Wien 1987.Google Scholar
  59. 101.
    Nicht nur Luhmann hat das selbstreferentielle Konzept für die Sozialwissenschaften nutzbar gemacht: Neben Luhmann haben auch Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen, unter ihnen Hejl, Peter M.: Sozialwissenschaft als Theorie selbstreferentieller Systeme, Frankfurt am Main 1982 und Teubner, Gunther: Recht als autopoietisches System, Frankfurt am Main 1989 sowie Teubner, Gunther/Helmut Willke: Kontext und Autonomie. Gesellschaftliche Steuerung durch reflexives Recht. In: Zeitschrift für Rechtssoziologie, Heft 1, 1984, S. 4–35 die Theorie autopoietischer Systeme aufgegriffen.Google Scholar
  60. 103.
    Umweltkontakte werden über die Beobachtung des Systems hergestellt. Beobachtung, definiert als die Einheit einer Operation, ist die wichtigste Funktion autopoietischer Organisation. Durch die Beobachtung wird keinesfalls jedes Element, sei es Teil des Systems, sei es Teil seiner Umwelt, in seinem jeweiligen konkreten Zustand ermittelt, aber man kann von einer Beobachtung auf andere schließen. Luhmann verwendet dafür das Bild vom Wasserhahn: “…wenn das Wasser läuft, ist der Wasserhahn nicht ordentlich zugedreht oder undicht.” Luhmann 1984, S. 386.Google Scholar
  61. 106.
    Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen 1986, S. 269. Künftig zitiert: Luhmann 1986. Vgl. dazu kritisch Wagner/Zipprian 1992 sowie dies.: Antwort auf Niklas Luhmann: In: Zeitschrift für Soziologie, Heft 2, 1993, S. 144–146. Künftig zitiert: Wagner/Zipprian 1993. Die Autoren setzen sich kritisch mit der Frage auseinander, auf welche Weise selbstreferentielle Geschlossenheit Offenheit ermöglichen kann, wenn die Differenz von Selbst-und Fremdreferenz der Identität (eines Subjekts) vorgeschaltet ist. So zeigen sie, “daß auch die basale Selbstreferenz (Autopoiesis) denselben Bedingungen unterliegt wie der in der bewußtseinsphilosophischen Tradition übliche Begriff der Reflexivität - beide bedürfen, soll der Vorgang der Selbstreferenz nicht ins Leere laufen, eines mit sich identischen Selbst”. Dieses Selbst (Identität) müsse, Luhmann negiert das, dem Bezug (Selbstreferenz) vorgeordnet sein. Wagner/Zipprian 1993, S. 144f. Zur Vorstellung der Einheit von Identität und Differenz vgl. die anschauliche Darstellung anhand des Sinnbegriffs bei Droste 1993, S. 58f.Google Scholar
  62. 107.
    Vgl. dazu die Ausführungen zum Stellenwert des Strukturbegriffs in der Theorie selbstreferentieller Systeme bei Luhmann 1984, S. 382ff, und seine Äußerungen zur Reproduktion der Elemente, S. 86.Google Scholar
  63. 111.
    Zur Autopoiesis psychischer Systeme vgl. den gleichnamigen Abschnitt in Kneer/Nassehi 1993, S. 57–64 sowie Luhmann, Niklas• Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: Soziale Welt 36, 1985, S. 402–446.Google Scholar
  64. 112.
    Beide autopoietischen Systemarten, psychische wie soziale, verarbeiten Komplexität in Form von Sinn. Das hört sich zunächst vergleichsweise abstrakt und unverständlich an, zumal Sinn hier nicht im Alltagsverständnis von “Nutzen” oder “Bedeutung” gebraucht wird. Unter Sinn versteht Luhmann eine Differenz; und zwar die Unterscheidung zwischen Aktualität und Möglichkeit: Die Gelegenheit fir psychische und soziale Systeme, aus dem Bereich des Möglichen etwas Neues auszuwählen und im nächsten Moment zu aktualisieren. Der Aktualitätskem selbst ist instabil und zwingt nach seinem Zerfallen zur erneuten Auswahl aus dem Möglichen. Die Prozedur des ständigen Aktualisierens eröffnet Anschlußmöglichkeiten. “Und Sinn haben heißt eben: daß eine der anschließbaren als Nachfolgeaktualität gewählt werden kann und gewählt werden muß, sobald das jeweils Aktuelle verblaßt, ausdünnt, seine Aktualität aus eigener Instabilität selbst aufgibt.” (vgl. Luhmann 1984, S. 100) Sinn ist somit ein selbstreferentielles Geschehen, denn Sinn verweist auf Sinn und nicht auf Nicht-Sinn.Google Scholar
  65. 113.
    Kneer/Nassehi 1993, S. 57. Vgl. zur Differenz von Autopoiesis und Selbstreferentialität speziell Anmerkung 10.Google Scholar
  66. 117.
    Manfred Rühl hat darauf hingewiesen, daß Sozialsysteme von empirischer Relevanz aus beobachtbaren, abgrenzbaren Handlungsabläufen bestehen müssen: “Nicht beliebige Additionen oder Kombinationen verschiedenartiger Handlungen bilden bereits ein Sozialsystem, sondern nur solche Handlungszusammenhänge, die in einer inneren Ordnung zueinander stehen, die aufeinander verweisen und somit als sinvoll identifiziert werden können.” Rühl 1969, S. 195.Google Scholar
  67. 119.
    Kiss 1989, S. 20. Was Luhmann daran stört, formuliert er in seinem Hauptwerk Soziale Systeme: “Daß dieser [traditionelle, G.G.] Handlungsbegriff keine ausreichende Kausalerklärung des Handelns vermittelt, schon weil er das Psychische außer acht läßt, liegt auf der Hand. Es kommt in der hier gewählten Begriffsbildung darauf an, daß Selektionen auf Systeme, nicht auf deren Umwelten bezogen werden und daß auf dieser Grundlage Adressaten für weitere Kommunikationen, Anschlußpunkte für weiteres Handeln festgelegt werden.” Luhmann 1984, S. 228.Google Scholar
  68. 121.
    Marcinkowski 1993, S. 20. Vgl. mit ähnlicher Einschätzung Faulstich 1991, S. 152; auf das illuminierende Potential systemtheoretischer Konzepte für eine bessere gesellschaftstheoretische Verankerung kommunikationswissenschaftlichen Handelns verweist Saxer 1992, S. 96.Google Scholar
  69. 124.
    Zu dieser als Riepl’sches Gesetz in die Kommunikationswissenschaft eingegegangenen Komplementärfunktion vgl. Lerg, Winfried B.: Verdrängen oder ergänzen die Medien einander? Innovation und Wandel in Mediensystemen. In: Haas, Hannes (Hg.): Mediensysteme. Struktur und Organisation der Massenmedien in den deutschsprachigen Demokratien, Wien 21990, S. 110–118. Zuerst veröffentlicht in: Publizistik, Heft 2, 1981, S. 193–201. Künftig zitiert: Lerg 1981.Google Scholar
  70. 125.
    Groth, Otto: Die Zeitung. Ein System der Zeitungskunde (Joumalistik) Band 1, Mannheim/Berlin/Leipzig 1928. Groth sieht in der platonischen Idee “Zeitung” in erster Linie eine “ideelle Realität. Rühl hebt hervor, daß Groths System der Zeitungskunde wenig mit der in den Sozialwissenschaften gebräulichen modernen Systemtheorie zu tun hat, sondern das Wesen der Zeitung zu ergründen sucht. Vgl. Rühl 21979, speziell S. 56–65. Kritisch zu dieser Einschätzung und mit emphatischer Betonung des sozialwissenschaftlichen Charakters in Groths Wirken vgl. Wagner, Hans: Kommunikationswissenschaft - ein Fach auf dem Weg zur Sozialwissenschaft. In: Publizistik, Heft 4, 1993, S. 491–525.Google Scholar
  71. 126.
    Peters, Alfred: Die Zeitung und ihr Publikum. Grundlegung einer Soziologie der Zeitung. Dortmund 1930. Auch wenn der Soziologe Alfred Peters in seiner Zeitungstheorie nicht den Begriff System verwende, habe er in der Mittlerfunktion der Zeitung, die Beziehungen zwischen dem Publikum und dem Stoúbereich öffentlichen Interesses herstelle, kontingente Sichtweisen vorweggenommen, die erst heute “auf der Basis einer generellen Systemtheorie und eines Äquivalenzfunktionalismus betrieben werden” Vgl. Rühl, Manfred: Eine funktionale Sichtweise in der Publizistikwissenschaft - vor Parsons, Merton, et al. Anmerkungen zum Werk Alfred Peters. In Bobrowsky, Manfred I Langenbucher, Wolfgang R. (Hg.): Wege zur Komunikationsgeschichte (Band 13 der Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft firr Publizistik-und Kommunikations-wissenschaft), München 1987, S. 183–199, hier: S. 198. Künftig zitiert: Rühl 1987. Auch Winfried B. Lerg attestiert - allerdings mit skeptischerer Einschätzung dessen Bedeutung - Peters das Bemühen um terminologische Systematik der vielfältigen, an der Publizistik beteiligten Faktoren: “Im übrigen verwendet der Autor seinen Hauptteil in erster Linie dazu […1, Öffentlichkeit, Publikum, Masse und Führung begrifflich zu umschreiben und in eine Systematik einzuordnen.” Lerg, Winfried B.: Das Gespäch. Theorie und Praxis der unvermittelten Kommunikation, Düsseldorf 1970, hier: S. 186. Künftig zitiert: Lerg 1970.Google Scholar
  72. 127.
    Parsons, Talcolt/Winston White: Die Massenmedien und die Struktur der amerikanischen Gesellschaft. In: Prokop, Dieter (Hg.): Massenkommunikationsforschung 1: Produktion, Frankfurt am Main 1972, S. 277–285. Künftig zitiert: Parsons 1972. (Zugleich auch als ungekürzte amerikanische Originalausgabe: The Mass Media and the Structure of American Society. In: Journal of Social Issues, 1960, S. 67–77)Google Scholar
  73. 132.
    Vgl. Frank, Bemward/Gerhard Maletzke/Karl H. Müler-Sachse: Kultur und Medien - Angebote - Interessen - Verhalten. Herausgegeben im Auftrag der ARD-Werbegesellschaften, Baden-Baden 1991. Diese von der der ARD/ZDF-Medienkommission in Auftrag gegebene Studie beschäftigt sich mit der Frage, warum trotz eines Kulturbooms in den meisten öffentlichen Einrichtungen die Kulturangebote des Fernsehens seit der Einführung des “dualen Rundfunksystems” in ihrer Akzeptanz stark rückläufig sind.Google Scholar
  74. 133.
    Vgl. De Fleur, Melvin L.: Theories of Mass Communication, New York 1966. Zitiert nach Silbermann/Krüger 1973.Google Scholar
  75. 135.
    Vgl. Wright, Charles R.: Functional Analysis and Mass Communication. In: Dexter, Lewis Anthony/David Manning White: People, Society and Mass Communications, London 1964, S. 91–109. Zitiert nach: Silbermann Krüger 1973.Google Scholar
  76. 138.
    Vgl. Riley, John W./Mathilda White Riley: Mass Communications and the Social System. In: Merton, Robert K./Leonard Broom/Leonard S. Cottrell (Hg.): Sociology Today, New York 1959, S. 537–578, hier: S. 567. Zitiert nach Silbermann/Krüger 1973.Google Scholar
  77. 139.
    Vgl. mit dieser Einschätzung Silbermann/Krüger 1973, S. 88.Google Scholar
  78. 140.
    Vgl. Robinson, Gertrude J.: Foreign news selection is non-linear in Yugoslavia’s Tanjug Agency. In: Journalism Quarterly, Nr. 2, 1970. S. 340–351.Google Scholar
  79. 141.
    Vgl. Baily, George A./Lawrence W. Lichty: Rough justice on a Saigon street. A gatekeeper study on NBC’s Tet execution film. In: Journalism Quarterly, 1972, Nr. 2, S. 213–229, hier: S. 229.Google Scholar
  80. 142.
    Vgl. mit dieser Einschätzung Marcinkowski 1993, S. 24.Google Scholar
  81. 143.
    Dies ist nach Luhmanns Vorstellung von öffentlicher Meinung als politischem Begriff auch gar nicht ohne weiteres denkbar. Vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Komplexität und öffentliche Meinung. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven, Opladen 1990, S. 170–182. Künftig zitiert: Luhmann 1990a.Google Scholar
  82. 145.
    Luhmann, Niklas: Veränderungen im System gesellschaftlicher Kommunikation und die Massenmedien. In: Schatz, Oskar (Hg.): Die elektronische Revolution. Wie gefährlich sind die Massenmedien? Graz 1975, S. 13–30, hier: S. 28.Google Scholar
  83. 147.
    Diese Schließungsfunktion leitet Luhmann von der Selbstbeobachtung ab: “Der Spiegel der öffentlichen Meinung ermöglicht mithin, ähnlich wie das Preissystem des Marktes, eine Beobachtung von Beobachtern. Als ein soziales System befähigt das politische System sich demnach mit Hilfe der öffentlichen Meinung zur Selbstbeobachtung und zur Ausbildung entsprechender Erwartungsstrukturen. Die öffentliche Meinung dient nicht der Herstellung von Außenkontakten, sie dient der selbstreferentiellen Schließung des Systems, der Rückbeziehung von Politik auf Politik.” Luhmann 1990a, S. 181f.Google Scholar
  84. 148.
    Gerhards, Jürgen/Friedhelm Neidhardt: Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit: Fragestellungen und Ansätze. In: Müller-Doohm, Stefan/Klaus Neumann-Braun (Hg.): Öffentlichkeit - Kultur - Massenkommunikation. Beiträge zur Medien-und Kommunikationssoziologie, Oldenburg 1991, S. 31–90, hier: S. 34. Künftig zitiert: Gerhards/Neidhardt 1991. Zum Öffentlichkeitsbegriff im System der Massen-kommunikation vgl. auch Rühl 1994, S. 44f. Öffentlichkeit ist bei Rühl eine sozio-strukturell diffuse Humankommunikation, die historisch durch Aufklärung, Industrialisierung, Demokratisierung und soziale Umbrüche entstand. Im Gegensatz zu publizistischen Organisationen und den Publika ist Öffentlichkeit unstrukturiert, “Öffentlichkeitsrollen” sind Rühl zufolge nicht auszumachen. Meines Erachtens ist dagegen Öffentlichkeit keine eigentliche soziologische Objektkategorie, sondern eher ein kurzfristiger subjektiver ‘Zustand von Gesellschaft.Google Scholar
  85. 151.
    Vgl. Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Unveröffentlichtes maschinen-geschriebenes Manuskript, 42 gezeichnete Seiten. Bielefeld 1993. Künftig zitiert: Luhmann unv.Google Scholar
  86. 152.
    Luhmann, Niklas: Der “Radikale Konstruktivismus” als Theorie der Massenmedien? Bemerkungen zu einer irreführenden Debatte. In: Communicatio Socialis, Heft 1, 1994, S. 7–12, hier: S. 11. Künftig zitiert: Luhmann 1994.Google Scholar
  87. 154.
    Vgl. für einen ersten Überblick Ronneberger, Franz: Theorie der Kommunikationspolitik. In: Burkhart, Roland/Walter Hömberg (Hg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung, Wien 1992, S. 191–204.Google Scholar
  88. 156.
    Ronneberger verläßt sich dabei auf die Vorarbeiten seines Kollegen Manfred Rühl, der “zahlreiche dezentral organisierte gesellschaftliche Teilsysteme, die aufgrund ihres strukturierten Entscheidungshandelns ein eigenes, nämlich das gesellschaftliche Teilsystem Kommunikationpolitik bilden”, ausmacht. “In dieses Sozialsystem Kommunikationspolitik sind so heterogene Einrichtungen wie Parlamente, Regierungen (einschließlich Verwaltungen!) und Gerichte, Parteien, Verbände, Kirchen und - nicht zuletzt - die Massenmedien einbezogen. Sie und andere kommunizieren (u.a. durch Pressedienste und Akademietagungen) miteinander über kommunikationspolitische Themen, sie beobachten und kontrollieren sich gegenseitig und sie vertreten mehr oder weniger unterschiedliche, aber nie ‘sichere’ kommunikationspolitische Positionen.” Vgl. Rühl, Manfred: Franz Ronneberger - Zur Entwicklung eines kommunikationspolitischen Theorieprogramms hr Rühl, Manfred/Heinz-Werner Stuiber (Hg.): Kommunikationspolitik in Forschung und Anwendung (Festschrift für Franz Ronneberger), Düsseldorf 1983, S. 17. Angesichts der Vielschichtigkeit der kommunikationspolitischen Komposition nimmt Ronneberger vier wissenschaftliche Disziplinen für die Beschäftigung mit dem kommunikationspolitischen System in die Pflicht: Neben der Kommunikationswissenschaft die Rechts-, Politik-und Sozialwissenschaft.Google Scholar
  89. 157.
    Vgl. besonders Saxer 1992; sowie ders.: Der gesellschaftliche Ort der Massenkommunikation. In: Haas, Hannes (Hg.): Mediensysteme. Struktur und Organisation der Masenmedien in den deutschsprachigen Demokratien. Wien ‘1990, S. 8–20, künftig zitiert: Saxer 1990; ferner Saxer, Ulrich: Politische Funktionen der Publizistik aus der Sicht der Publizistikwissenschaft. In: Langenbucher, Wolfgang R. (Hg.): Politische Kommunikation. Grundlagen, Strukturen, Prozesse, Wien 1986, S. 140–155. Künftig zitiert: Saxer 1986.Google Scholar
  90. 158.
    Vgl. Ashby, William Ross: An Introduction to Cybernetics, London 1971.Google Scholar
  91. 160.
    Vgl. Saxer 1990, S. 10. Leider unterscheidet der Autor nicht konsequent, ob Publizität Hauptfunktion oder Objekt publizistischer Medien ist.Google Scholar
  92. 161.
    Kepplinger, Hans Mathias: Systemtheoretische Aspekte politischer Kommunikation. In: Publizistik, Heft 2–3, 1985, S. 247–264. Künftig zitiert: Kepplinger 1985.Google Scholar
  93. 166.
    Vgl. besonders die pointierte Abfassung zur autopoietischen Systemtheorie, die eine kurze, aber wohltuend verständliche Grundvorstellung vom Konzept der Autopoiesis gibt. A.a.O., S. 74–77.Google Scholar
  94. 170.
    Vgl. Rühl 21979; sowie Rühl, Manfred: Journalismus und Gesellschaft. Bestandsaufnahme und Theorieentwurf, Mainz 1980. Künftig zitiert: Rühl 1980, ferner ders.: Theorie des Journalismus. In: Burkhart, Roland/Walter Hömberg (Hg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung, Wien 1992, S. 117–133. Künftig zitiert: Ram 1992.Google Scholar
  95. 173.
    Luhmann, Niklas: Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, Opladen 1975, S. 170–192, hier: S. 171. Künftig zitiert: Luhmann 1975.Google Scholar
  96. 177.
    Symbolmedien sind auf keinen Fall mit den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, um die herum sich Kommunikation zu einem System organisiert, zu verwechseln.Google Scholar
  97. 179.
    Ein Versuch finden wir bei ROhl 1994, S. 40f. Vgl. mit dieser Einschätzung Marcinkowski 1993, S.Google Scholar
  98. 180.
    Diese Feststellungen beziehen sich auf Rühis Hauptwerke von 1979 und 1980; unterdessen ist der Autor in jüngeren Publikationen auf der Suche nach Wegen, die selbstreferentiellen Eigenarten des Journalismus in seine Theorie zu integrieren. Vgl. beispielhaft Rühl 1993 und 1994.Google Scholar
  99. 193.
    Die Begriffe Publizistik/Massenkommunikation werden hier - wie unterdessen üblich - synonym verwandt. Auf nennenswerte Unterschiede zwischen dem seit den 60er Jahren in seiner Bedeutung nachlassenden Begriff “Publizistik” und dem international kompatibleren Terminus “Massenkommunikation” hat Manfred Rühl hingewiesen: zum Beispiel verschwänden mit dem Begriff “Publizistik” essentialistische Defintionsgewohnheiten, etwa von Emil Dofivat, der P. als “geistige Einwirkung auf die Öffentlichkeit […] mit Gesinnungskräften” auslegte. Zitiert nach: Rah’ 1993. Zum modisch motivierten Wandel der gebräuchlichen Begriflichkeiten von “Publizistik” und “Kommunikation” zu “Massenkommunikation” vgl. Lerg 1970, S. 88.Google Scholar
  100. 195.
    Vgl. Schatz, Heribert: Zum Stand der politikwissenschaftlich relevanten Massenkommunikationsforschung in der Bundesrepublik Deutschland In: Bermbach, Udo (Hg,): “Politikwissenschaft und politische Praxis, PVS Sonderheft 13/1982, S. 398–413; und Schatz, Heribert: Interessen-und Machtstrukturen im Interaktionsfeld von Massenme-dien und Politik. In: Schatz, Heribert/Klaus Lange (Hg.): Massenkommunikation und Politik, Frankfurt am Main 1982, S. 6–20.Google Scholar
  101. 196.
    Vgl. Langenbucher, Wolfgang R./Wolfgang Lipp: Kontrollieren Parteien die politische Kommunikation? In: Rasche, Joachim (Hg.): Bürger und Parteien. Ansichten und Analysen einer schwierigen Beziehung, Bonn 1982, S. 217–234.Google Scholar
  102. 198.
    Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - Unsere soziale Haut, München 1980.Google Scholar
  103. 199.
    Zum entsprechenden Theoriestand in der politischen Kommunikation vgl. ausführlich Jarren, Otfried: Politik und Medien im Wandel: Autonomie, Interdependenz oder Symbiose? Anmerkungen zur Theoriedebatte in der politischen Kommunikation. In: Publizistik, Heft 4, 1988, S. 619–632.Google Scholar
  104. 200.
    Vgl. Oberreuter, Heinrich: Mediatisierte Politik und politischer Wertwandel. In: Böckelmann, Frank E. (Hg.): Medienmacht und Politik. Mediatisierte Politik und politischer Wertwandel, Berlin 1989, S. 31–41.Google Scholar
  105. 201.
    Vgl. Plasser, Fritz: Elektronische und politische Technostrukturreifer Industrie-gesellschaften - Ein Orientierungsversuch. In: Plasser, Fritz/Peter A Ulram/Manfred Welan (Hg.): Demokratierituale. Zur politischen Kultur der Informationsgesellschaft, Wien/Köln/Graz 1985, S. 9–31.Google Scholar
  106. 202.
    Vgl. dazu die teilweise fragwürdigen Ausfuhrungen in Stöckler 1992, 364ff., dessen Hoffnungen auf Korrektur der verheerenden “spürbaren Fehlentwicklungen” eines solchen Supersystems sich auf die Selbstheilungskrâfte der Tageszeitung gründen.Google Scholar
  107. 203.
    Grothe, Thorsten/Wolfgang Schulz: Politik und Medien in systemtheoretischer Perspektive, oder: Was sieht die Wissenschaft, wenn die Politik sieht, wie die Medien die Gesellschaft sehen? Eine Auseinandersetzung mit Frank Marcinkowskis “Publizistik als autopoietisches System?”. In: Rundfunk und Fernsehen, Heft 4, 1993, S. 563–576, hier: S. 563. Künftig zitiert: Grothe/Schulz 1993.Google Scholar
  108. 205.
    Die Kombination Systemtheorie/Differenzierungstheorie setzt sich in den Sozialwissenschaften offensichtlich als probater wissenschaftlicher Apparat insbesondere hinsichtlich der historisch-empirischen Durchdringung von Theorie durch. So auch bei Blöbaum 1994, S. 256.Google Scholar
  109. 206.
    Zu Recht weist Marcinkowski darauf hin, daß die systemtheoretischen Mechanismen zur Abgrenzung der Funktionssysteme von ihrer Umwelt, nämlich Differenzierung, operative Geschlossenheit des Systems und wechselseitige funktionale Exklusion auch eine Kehrseite haben, die unerläßlich fir den Fortbestand sozialer Systeme ist: Die auf Parsons zurückgehende Inklusion: Wegen ihrer geschlossenen Operationsweise haben die gesellschaftlichen Funktionsbereiche einen erhöhten Bedarf an Anregung (Information) von außen. Die zeitweise Vereinnahmung von Umwelt ist lebensnotwendig, um die selbstbezügliche Operationsweise und die Evolution des Systems zu sichern. Differenzierung allein, ohne Ergänzung durch Inklusion, würde Systeme nicht lebensfähig erhalten. Vgl. Marcinkowski 1993, S. 36.Google Scholar
  110. 208.
    Vgl. z.B. zum politischen System Luhmann, Niklas: Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat, München 1981, künftig zitiert: Luhmann 1981; sowie Luhmann, Niklas: Der politische Code. Konservativ und progressiv in systemtheoretischer Sicht. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, Opladen 1981, S. 267–286, künftig zitiert: Luhmann 1981c; ferner Luhmann, Niklas: Staat und Politik. Zur Semantik der Selbstbeschreibung politischer Systeme. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, Opladen 1987, S. 73–103.Google Scholar
  111. 209.
    Vgl. zum Beispiel zum Rechtssystem luhrnann, Niklas: Die Codierung des Rechtssystems. In: Rechtstheorie, Heft 2, 1986, S. 171–203, künftig zitiert: Luhmann 1986; sowie Luhmann, Niklas: Machtkreislauf und Recht in Demokratien. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, Opladen 1987, S. 142–151. Künftig zitiert: Luhmann 1987; ferner Teubner 1987; schließlich Teubner, Gunther: Recht als autopoietisches System, Frankfurt am Main 1989. Künftig zitiert: Teubner 1989.Google Scholar
  112. 210.
    Vgl. zum Beispiel zum Wirtschaftssystem Luhmann, Niklas: Die Differenzierung von Politik und Wirtschaft und ihre gesellschaftlichen Grundlagen. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, Opladen 1987, S. 32–48; und Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1988. Künftig zitiert: Luhmann 1988.Google Scholar
  113. 211.
    Vgl. zum Beispiel zum Wissenschaftssystem Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main 1990; oder aus differenzierungstheoretischer Perspektive Stichweh, Rudolf: Differenzierung des Wissenschaftssystems. In: Mayntz, Renate/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichweh: Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt am Main/New York 1988, S. 45–116.Google Scholar
  114. 212.
    Nach Marcinkowski hängt unter diesen Prämissen, wie gezeigt wird, die Bildung des publizistischen Systems eng mit der Ausbildung autopoietischen Rechts zusammen, das deshalb selbstreferentiell wurde, weil die Ablösung von Natur-und später Zwangsrecht durch juristischen Positivismus in der 2. Hälfte des 19. Jh. dazu führte, daß die Qualifikation einer Entscheidung als “rechtlich” nur “durch Bezugnahme auf andere als rechtlich qualifizierte Entscheidungen verliehen werden”. Marcinkowski 1993, S. 38. Oder Luhmann 1987, S. 144: “Recht ist, was Recht sagt, daß es ist”. Vgl. ausführlich dazu Teubner 1989.Google Scholar
  115. 224.
    Diese Leitdifferenz ist schon kurz nach Erscheinen von Marcinkowskis Arbeit heftig umstritten worden. Statt des für das System Publizistik konstitutiven binären Codes (ver)öffentlich(t)/nicht (ver)öffentlich(t) wurde zum Beispiel der Wertaspekt mit dem Code veröffentlichungswürdig/nicht veröffentlichungswürdig favorisiert (vgl. Grothe/Schulz 1993, S. 566), Niklas Luhmann selbst hat sich zuletzt für die Leitdifferenz informativ/nicht informativ ausgesprochen (vgl. Luhmann unv.) Bernd Blöbaum (vgl. Blöbaum 1994, S. 16) hat sich dieser Variante angeschlossen (mit der Abwandlung zu Information/Nicht-Information), die uns in zweierlei Hinsicht nicht praktikabel erscheint: In der informationstheoretischen Spielart bei Luhmann stört es, daß nur der Informationsaspekt des dreistufigen Selektionsprozesses Kommunikation berücksichtigt wird. Die Art der Informationsübertragung, die sich in der Mitteilung(shandlung) - eben veröffentlichen! - vollzieht, ist aber gerade für die Massenkommunikation konstitutiv. Deshalb erscheint uns das Mitteilen sprich: Veröffentlichen eher als relevante Leitunterscheidung. Sieht man das zur Diskussion gestellte Dual informativ/nicht informativ zudem einzig unter dem verengenden Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Funktion “Informationsvernùttlung”, wie es Journalismus-Analysen gerne tun, geraten andere Funktionen wie Unterhaltung, Bildung etc. aus dem Blickfeld und die Massenkommunikation wird nicht als Ganzes erfaßt (Blöbaum konzediert dies auch im Vorwort seiner Untersuchung). Gerade im Zuge der regelmäßig konstatierten Vermischung der Programmfunktionen Information und Unterhaltung, die im Neologismus “Infotainment” eine begriffliche Auspägung fmdet (vgl. statt vieler das Themenheft “Infotainment”. In: Medienwissenschaft Schweiz, Heft 2, 1991) und in ihrer benrfsrollenspezifrschen Form den unterhaltenden Journalisten und den informierenden Entertainer hervorbringt (was nichts anderes als eine Form kommunikativen Wandels ist), scheint es dringend geboten, die strikte Trennung zwischen informationsvermittelndem Journalismus und als minderwertig eingestufter Massenunterhaltung gerade in der Theoriebildung aufzuheben.Google Scholar
  116. 2.
    Marcinkowski betont, daß kein Sachverhalt an sich privat oder geheim sei, erst die Qualifikation durch die in der Umwelt von Publizistik befmdlichen Referenzsysteme impliziere diese Konnotationen.“ Denn nichts ist wesentlich, gleichsam a priori geheim, sondern wird regelmäßig erst für geheim erklärt”. Marcinkowski 1993, S. 66. Die Qualifikation eines Sachverhaltes durch die publizistische Umwelt gibt indes keinen Aufschluß darüber, ob diese Deklaration wahr oder unwahr im Sinne wissenschaftlicher Objektivität ist. So könnte “ein Tag der offenen Tür” in einem Chemieuntemehmen als strategische PR-Maßnahme zur Herstellung vordergründiger Transparenz die wichtigen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Vorgänge einer industriellen Organisation unter Umständen verschleiern oder eben geheimhalten helfen.Google Scholar
  117. 229.
    Die Hypothese, das Privatfernsehen habe die thematischen Grenzen des publizistischen Systems nach außen geschoben, kann vergleichsweise leicht empirisch überprüft werden: Mit einer differenziert zugreifenden Themenstrukturanalyse - vgl. Hohlfeld/Gehrke 1995, Teil C, Kapitel 2. Perspektivierung von Kommunikationsbedürfnissen, Vielfalt und gesellschaftlichem Dialog - Hypothesen 1–3 - können Themenprofile und die thematische Ausdehnung der audiovisuellen Medien gemessen werden. Nicht nur die Tatsache, daß bestimmte Themen publiziert werden, ist unter dieser Prämisse entscheidend fir die Prüfung, sondern auch der Umstand, ob sie erfolgreich publiziert werden, sprich: Aufmerksamkeit einfangen können. Dieses ist über die quantitative Ausbreitung meßbar, die zudem mit Reichweiten korreliert werden könnte.Google Scholar
  118. 231.
    Vgl. Marcinkowski, Frank: Systemischer Eigensinn und Steuerungsprobleme im Rundfunkbereich. In: Jarren, Otfried/Frank Marcinkowski/Heribert Schatz (Hg.): Landesmedienanstalten - Steuerung der Rundfunkentwicklung, Münster/Hamburg 1993, S. 49–62, hier: S. 52. Künftig zitiert: Marcinkowski 1993b.Google Scholar
  119. 233.
    In welcher Hinsicht ist der Rezeptionsprozeß im publizistischen System nun selbstbezüglich? Indem jede Kommunikation direkt auf sich selbst zurückfällt: Themen verweisen direkt auf neue Themenaspekte und schaffen neue Erwartungen, genauso wie gesehene Programme (Fernsehserien) oder gelesene Beiträge (Fortsetzungsromane) zur Rezeption weiterer Information animieren, so daß “Kommunikation als selbstreferentieller Prozeß anzusprechen ist” Merten, Klaus: Kommunikation. Eine Begriffs-und Prozeßanalyse, Opladen 1977, S. 161. Künftig zitiert: Merten 1977.Google Scholar
  120. 237.
    Grothe/Schulz 1993, S. 567. Anders argumentiert offenbar Droste, für den “die Rezipientenseite eben nicht hierhergehört, sondern im Fernsehsystem als Fiktion mitläuft - nicht der wirkliche Zuschauer ist relevant, sondern die Imagination des Zuschauers als selbstreferentieller Bezug, als semantisches Kriterium […]. Das muß so sein, denn wäre der wirkliche Zuschauer präsent, könnte das System seine Grenzen nicht aufrechterhalten und würde im Chaos versinken.” Droste 1993, S. 62. Bei genauer Lektüre zeigt sich jedoch, daß beide Positionen nicht weit auseinander liegen: Die Imagination des Zuschauers als selbstreferentieller Bezug läßt sich nahezu ohne Streuverluste gleichsetzen mit dem potentiellen Publikum, dessen Erwartungen an das Medium auf Erwartungen der Kommunikatoren diesbezüglich treffen.Google Scholar
  121. 238.
    Zur Entscheidungsproduktion in formalen Organisationen vgl. stellvertretend Kieserling, André: Interaktion in Organisationen. In: Dammann, Klaus/Dieter Grunow/Klaus P. Japp (Hg.): Die Verwaltung des politischen Systems, Opladen 1994, S. 168–182. Künftig zitiert: Kieserling 1994.Google Scholar
  122. 239.
    Schulz, Winfried: Politikvermittlung durch Massenmedien. In: Sarcinelli, Ulrich (Hg.): Politikvermittlung. Beiträge zur politischen Kommunikationsstruktur, Bonn 1987, S. 129–144, hier: S. 131. Künftig zitiert: Schulz 1987.Google Scholar
  123. 241.
    Andererseits läßt sich mit dieser Argumentationsfigur eventuell ein Phänomen erklären, das unter dem Schlagwort Konvergenzthese Eingang sowohl in die wissenschaftliche Debatte (vgl. statt vieler den zusammenfassenden Diskussionsstand bei Marcinkowski, Frank: Die Zukunft der deutschen Rundfunkordnung aus konvergenztheoretischer Sicht. In: Gelber, Winand (Hg.): An der Schwelle zu einer neuen Rundfunkordnung. Grundlagen, Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Berlin 1991, S. 51–74) als auch in die medienpolitische Diskussion Eingang gefunden hat (vgl. Clement, Wolfgang: Die Politiker werden sich damit abfmden müssen… In: Funkreport, Heft 23, vom B. Juni 1989, S. 6–8). Der Grund fier den angeblichen Trend zur Annäherung öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehprogramme könnte dann in der Vermutung liegen, die Fernsehsender ändern ihre Entscheidungsprogramme dahingehend, daß sie nur noch nach Maßgabe risikominimierender Faktoren Veröffentlichungsentscheidungen treffen, von denen sie glauben beziehungsweise wirklich wissen, daß ihnen Akzeptanz gewiß ist. Alle anderen Themen, fair die vorab keine gesicherte Akzeptanz besteht, fielen aus dem Muster der Veröffentlichungsprämissen; die Programme nähern sich (hinsichtlich der Vielfalt auf einem niedrigen Niveau) einander an. Der Rückgang kultureller Themen in der Femsehpublizistik, die früher in Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols durchaus massenhaft konsumiert wurden, ist dann ein Vorgang, der sich damit erklären läßt, daß sich angesichts der übermächtigen Konkurrenz an unterhaltenden Programmen keine gesicherte Akzeptanz mehr finden läßt, obwohl einst diese Sendungen erfolgreich publiziert wurden. Vorgängig erfolgreich im Zusammenhang mit Publikationsentscheidung heißt dann: in jüngerer Vergangenheit.Google Scholar
  124. 256.
    Marcinkowski 1993, S. 123f. Als Begründung für das notwendige Vorhandensein von Funktionssystemen könnte man folgendermaßen formulieren: Da sich die gesellschaftlichen Teilsysteme in der publizistischen Selbstbeschreibung, den veröffentlichten Themen, wiedererkennen, können sie sehen, wie sie von anderen Teilsystemen (und der Gesellschaft als Gesamtsystem) wahrgenommen werden. Die Beobachtung erlaubt infolgedessen reflektiertere Reaktionen. Diese heute empirisch arbeitende Reflexionsinstanz wurde früher in vormodemen Gesellschaften ohne gleichberechtigte Funktionssysteme von Religion und Staat wahrgenommen, die charismatisch-normativ entschieden. Verfolgt man diese historische Sichtweise weiter, stößt man später unweigerlich auf Philosophie und Literatur, die (induziert durch Gutenbergs Erfmdung des Buchdrucks) im Zuge der Aufklärung in dieser Funktion gleichsam normativ-empirisch wirkten. Schon der - leider zu Unrecht vielfach in Vergessenheit geratene - Sozialpsychologe George Herbert Mead hat zu Beginn unseres Jahrhunderts die Parallele zwischen den kommunikativen Reflexionsinstanzen Drama und Journalismus (dessen Entwicklung wiederum durch die pressetechnischen und presseorganisatorischen Innovationen im 19. Jh. beschleunigt und in Gang gesetzt wurde) belegt: “Die große Wichtigkeit von Kommunikationsmitteln wie dem des Journalismus ist ohne weiteres offenkundig, da sie über Situationen berichten, die uns helfen, in die Haltungen und Erfahrungen anderer Personen einzudringen. Das Drama erfüllte einst diese Funktion, indem es als wichtig erachtete Situationen aufzeigte. Es wählte Charaktere aus, die im Denken der Menschen traditionell verankert sind, so wie es die Griechen in ihren Tragödien taten, und drückte dann durch diese Charaktere Situationen aus, die der eigenen Zeit angehörten, aber die Einzelnen über die Schranken hinausfùhrten, die zwischen ihnen als Mitglieder verschiedener Klassen und Gemeinschaften bestanden.” Mead 1968, S. 303f.Google Scholar
  125. 261.
    Rosewitz und Schimank definieren als ersten Bedingungsfaktor von Verselbständigung “das Ausmaß der gesellschaftlichen Folgenträchtigkeit von Teilsystemoperationen. Je bedeutsamer und je weniger substituierbar die Leistungen eines gesellschaftlichen Teilsystems für dessen Umwelt sind, desto stärker ist die Folgenträchtigkeit gegeben.” Rosewitz, Bernd/Uwe Schimank: Verselbständigung und Steuerbarkeit. In: Mayntz, Renate/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichwehv Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt am Main/New York 1988, S. 295–329, hier: S. 305. Auch Willke beschreibt den Grad der Eigenkomplexität und der funktionalen Differenzierung eines Sozialsystems als Funktion seiner “Folgelastigkeit” hinsichtlich eines Entscheidungsfeldes. Vgl. Willke 31991, S. 16. In diesem Verständnis ist Rundfunk mit seiner Vielzahl bedeutsamer Relevanzebenen, deren Vernetzung und den daraus resultierenden Folgeprozessen ein vielschichtig differenziertes Sozialsystem.Google Scholar
  126. 265.
    Lerg, Winfried B.: Theorie der Kommunikationsgeschichte. In: Burkhart, Roland/Walter Hómberg (Hg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung, Wien 1992, S. 204–229, hier: S. 206. Künftig zitiert: Lerg 1992.Google Scholar
  127. 268.
    Beyme, Klaus von: Regierungslehre zwischen Handlungstheorie und Systemansatz. In: Hartwich, Hans-Hermann/Göttrik Weyer (Hg.): Regieren in der Bundesrepublik 3. Systemsteuerung und “Staatskunst”, Opladen 1991, S. 19–34.Google Scholar
  128. 270.
    Vgl. Marcinkowski 1993, S. 24. Noch schlechter schneiden in Marcinkowskis Beurteilung allerdings Studien ab, die insofern Etikettenschwindel betrieben, als sie die neuere Systemtheorie in ihrer selbstreferentiellen Gestalt allerhöchstens auf “Klappentextniveau” rezipierten. A.a.O. S. 26.Google Scholar
  129. 271.
    Auf der Suche nach einem analytischen Instrumentarium, daß sowohl die Entstehung sozialer Strukturen aus den Interaktionen der Individuen (Emergenzproblem) als auch die Bindung der Individuen an die von ihnen geschaffenen Strukturen (Integrationsproblem) angemessen beschreibt, bedient sich Weyer einer Synthese von systemtheoretischen und akteurstheoretischen Modellen, “die den Akteuren generalisierbare Interessen unterstellt, welche auf die Handlungslogiken der ausdifferenierten gesellschaftlichen Teilsysteme einerseits, auf zweckrationale Kalküle andererseits bezogen werden können. Weyer, Johannes: System und Akteur. Zum Nutzen zweier soziologischer Paradigmen bei der Erklärung erfolgreichen Scheiterns. In: Kölner Zeitschrift Mur Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 1, 1993, S. 1–22, hier: S. 4. Künftig zitiert: Weyer 1993.Google Scholar
  130. 272.
    Die jüngere Systemtheorie hat in ihren Evolutionskonzepten zur Erklärung von gesellschaftlicher Differenzierung dem Akteur keinen Platz eingeräumt, da ihr Erkenntnisinteresse durch die Optik des problemorientierten Äquivalenzfunktionalismus perspektiviert wird. Handlungstheoretiker benötigen dagegen für die Erklärung von Differenzierungsprozessen in ihren kausalgenetisch orientierten Mikro-Analysen eine hinreichende theoretische Kapazität für das interessegeleitete Handeln mächtiger Akteure. Uwe Schimank spricht in diesem Zusammenhang vom “Schisma von Akteur-und Systemtheorien”, das nach wie vor die soziologische Gesellschaftstheorie prägen würde. Schimank, Uwe: Gesellschaftliche Teilsysteme als Akteurfiktionen. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 3, 1988, S. 619–639, hier: S. 619. Künftig zitiert: Schimank 1988.Google Scholar
  131. 273.
    Trotz dieser basalen Dichotomie ist in den Sozialwissenschaften überwiegend die Einsicht eingekehrt, “daß sowohl die Rolle des Akteurs als auch eine gewisse Eigenständigkeit des Sozialen in jeder ernstzunehmenden Theorie Platz haben müssen.” Martens, Wil: Die Autopoiesis sozialer Systeme. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 4, 1991, S. 625–646, hier: S. 626. Künftig zitiert: Martens 1991. Auch Luhmann glaubt, es sei “nicht mehr möglich, in Handlungstheorien und Systemtheorien eine Alternative zu sehen. Statt dessen stellt sich die Frage, wie die soziologische Theorie […] das Verhältnis von Handlung und System auffaßt” Luhmann, Niklas: Handlungstheorie und Systemtheorie. In: ders.: Soziologische Aufklärung 3, Opladen 1981, S. 5066, hier: S. 51. Luhmann bewegt sich nach Einschätzung seiner Apologeten “auf der Linie verstehender und phänomenologischer Soziologie, die ihrerseits eine Dualität zwischen Handlung und System nicht kannte, sondern Handlung als Moment einer sozialen Einheit entwarf.” Heidenescher, Mathias: Zurechnung als soziologische Kategorie. Zu Luhmanns Verständnis von Handlung als Systemleistung. In: Zeitschrift für Soziologie, Heft 6, 1992, S. 440–455, hier: S. 441. Künftig zitiert: Heidenescher 1992. Eine Einschätzung zu handlungs-und systemtheoretischen Zugängen als komplementäre Perspektiven liefert Vowe, Gerhard: Handlungstheoretischer oder systemtheoretischer Ansatz in der medienpolitischen Analyse? In: Holgersson, Silke/Otfried Jarren/Heribert Schatz (Hg.): Dualer Rundfunk in Deutschland. Beiträge zu einer Theorie der Rundfunkentwicklung (= Jahrbuch 1994 der Arbeitskreise “Politik und Kommunikation” der DVPW und der DGPuK), Münster/ Hamburg 1994, S. 147–151. Künftig zitiert: Vowe 1994.Google Scholar
  132. 275.
    Ganßmann, Heiner.: Kommunikation und Reproduktion. Über Niklas Luhmanns Buch: Soziale Systeme. In: Leviathan, Heft 1, 1986, 143–156. Zur Frage der Verstehbarkeit vgl. ebenfalls sehr erhellend Weyer 1993, S. 4–6. Weyer überführt in diesem Zusammenhang Niklas Luhmann, der für seinen apodiktisch subjektfrei konzipierten Handlungsbegriff berüchtigt sei, als heimlichen Akteurstheoretiker. Sein inflationärer Gebrauch des Wortes “man” sei ein Indiz dafür, daß Handlungen doch zuordbar sein müssen, zumindest aber ein Beleg für die Tatsache, “daß moderne Gesellschaften über keine sprachlichen Ausdrucksmittel verfigen, eine subjektfreie Soziologie zu kommunizieren.”Google Scholar
  133. 276.
    Vgl. Luhmann 1984, S. 125f. Diese Begriffe dienen nicht zur Beschreibung von Personen, sondern arrangieren die Fixierung möglicher Sichtweisen.Google Scholar
  134. 280.
    Es ist auch zurecht von systemtheoretischer Seite immer wieder eingewendet worden, daß eine Kritik an der Vernachlässigung der Handlungsseite von Systemen und das Unterschlagen des sozialintegrativen Aspekts den Kern der Systemtheorie verfehle. So beispielsweise jüngst bei Heidenescher, der die Frage aufwirf, warum Luhmann überhaupt das Konzept handlungsfähiger Sozialsysteme in die Theorie integrieren sollte, “wo er ja kein Konzept und schon gar keine Hypostasierung handlungsprägender Systeme vertritt.” Heidenescher 1992, S. 443.Google Scholar
  135. 281.
    Ronge, Volker: Was hilft “Systemtheorie” zum Verständnis des “dualen Systems”? In: Holgersson, Silke/Otfried Jarren/Heribert Schatz (Hg.): Dualer Rundfunk in Deutschland. Beiträge zu einer Theorie der Rundfunkentwicklung (= Jahrbuch 1994 der Arbeitskreise “Politik und Kommunikation” der DVPW und der DGPuK), Münster/Hamburg 1994, Seite 89–93, hier: S. 91. Künftig zitiert: Ronge 1994.Google Scholar
  136. 282.
    Martens 1991, S. 628. Der Autor fuhrt den Beweis dafür, daß sich das Soziale nicht losgelöst von psychischen und körperlichen Operationen denken läßt und plädiert fir eine partielle Verschmelzung personaler und sozialer Systeme. Er versucht durch die Dekomponierung der Systemeinheit in Komponenten in Ergänzung zu den systemspezifischen Elementen eine Synthese, die über die bloße strukturelle Kopplung von Luhmann hinausgeht, indem er die Gedanken (Elemente) psychischer Systeme auch in die Einheit sozialer Systeme integriert: “Die Einheit von psychischen und sozialen Systemen muß anders gefaßt werden: auf der Ebene der Komponenten der Kommunikation. Bestimmte psychische und körperliche Operationen - d.h. Elemente psychischer und organischer Systeme - fungieren zugleich als Komponenten der Elementareinheit sozialer Systeme. Der Unterschied von Element und Komponente basiert dabei auf dem Wechsel des Bezugspunktes. Die gleichen Operationen (Gedanken) sind fir das eine (psychische) System die Elemente, die es konstituieren; Mr das andere (soziale) System dagegen sind sie die Komponenten, die in Zusammenhang mit anderen Komponenten die Elemente (Kommunikationen) gestalten.” Solchermaßen ausgestattet weitet er die Engfassung des Begriffs Autopoiesis durch Luhmann auf die partielle Inklusion psychischer und organischer Systeme in die Kommunikation sozialer Systeme aus, ohne das Konzept der Autonomie und Selbstproduktion dieser Systeme preiszugeben.Google Scholar
  137. 283.
    Kneer/Nassehi 1993, S. 89: “Eine Beschreibung sozialer Zusammenhänge, die soziale Systeme nicht als Kommunikationsketten, sondern als Handlungsketten auffaßt, ist somit nicht unrichtig, aber einseitig. Die Beschreibung ist nicht unrichtig, weil es für die autopoietische Fortsetzung der Kommunikation erforderlich ist, daß die Kommunikation bestimmte Identifikationspunkte ausbildet, an denen sie dann im weiteren Geschehen anknüpfen kann […]. Zugleich ist eine solche Beschreibung aber einseitig, weil eine handlungs-und personenorientierte Darstellung die Eigenständigkeit und Komplexität des kommunikativen Geschehens unterläuft. […] Man reduziert Kommunikation auf Handlung und damit letztlich auf psychische Absichten, Pläne, Intentionen des Handelnden.”; vgl. mit ähnlicher Einschätzung Heidenescher 1992, S. 441–445.Google Scholar
  138. 285.
    Information wird bei Luhmann als eine der Codierung harrende Selektion, die in einer Kommunikation aktualisiert wird, als ein Hervorheben, das seinen eigenen Horizont konstituiert, defmiert. Vgl. Luhmann 1984, S. 195ff.Google Scholar
  139. 288.
    Vgl. dazu Luhmann, Niklas: Die Form “Person”. In: Soziale Welt 42, Heft 2, 1991, S. 166–175.Google Scholar
  140. 293.
    Kneer/Nassehi 1993, S. 88. Mit dieser Argumentation korrespondiert auch Teubners Einschätzung, daß Individuen als soziale Konstrukte erst konstituiert werden “und diesen selbstgeschaffenen kommunikativen Realitäten dann bestimmte Ereignisse als Handlungen zugerechnet werden”. Teubner 1987, S. 120.Google Scholar
  141. 298.
    Vgl. Heidenescher 1992, S. 441f. Zurechnungsprozesse, die der Autor der Attributionsforschung Heiders entlehnt, sind simplifizierende Mechanismen, die drei Problemlagen sozialer Systeme bearbeiten: Die Zeitdimension mit den als Wertdual gefaßten Zurechnungsoptionen konstant/variabel, die Sachdimension mit den Zurechnungen innen/außen (bezieht sich auf Person/Situation) und die Sozialdimension alter/ego (beziehungsweise Handelnder/Beobachtender). Durch die Zurechnungsprozesse wird in Form des selektiven Zugriffs Kontrolle über Umweltdaten erlangt.Google Scholar
  142. 301.
    Allerdings leitet Heidenescher den Handlungsbegriff Luhmanns aus der Tradition der verstehenden Soziologie von Weber, Husserl und Schütz ab und sieht in Anlehnung an Webers Begriff der Sinnadäquanz “Handlung als eine Näherbestimmung von Sinn”. Als Konsequenz betrachtet er Handlung also eher als Theoriebaustein und sieht folglich davon ab, auf Interessen, Handlungsorientierungen und Einflußpotentiale zu rekurrieren. Statt dessen muß für Heidenescher “ein Handlungsbegriff, der für die Bedingungen von Komplexitätsreduktion entworfen ist, abstrakter ansetzen”, denn er “verfolgt eine ganz andere Absicht als die Analyse kausalgenetischer’ Erklärungsansätze.” Heidenescher 1992, S. 451. Das entbindet uns allerdings nicht von der Notwendigkeit, in empirischen Analysen auf Handlungen als Kategorien der Zuordnung zurückzugreifen und eine eigene Vorstellung von Handlung - wie zum Teil schon geschehen - zu entwickeln.Google Scholar
  143. 303.
    Zur notwendigen “Differenzierung von Person und Rolle” vgl. Luhmann 1984, S. 429ff. Luhmann geht davon aus, daß formale Organisationen nur durch die Trennung von Amt und Person möglich sind. “Man muß hier unterscheiden können, welche Erwartungen nur an bestimmte Personen adressiert und welche auf Grund der formalen Position durchsetzbar sind.” Luhmann 1984, S. 431.Google Scholar
  144. 308.
    Wie die Zurechnungseinheiten schließlich aussehen können, hängt vom Erkenntniszusammenhang ab. Dabei ist es für uns an dieser Stelle nicht wichtig, eine Entscheidung darüber zu treffen, ob die Systemakteure letztlich als singuläre, kollektive oder korporative Entitäten kreiert werden, ob sie gar über Inter-Organisations-Beziehungen zu modellieren sind (Vgl. Theis, Anna Maria: InterOrganisations-Beziehungen im Mediensystem: Public Relations aus organisationssoziologischer Perspektive. In: Publizistik, Heft 1, 1992, S. 25–36), oder ob eine wechselseitige Abstimmung in Form von allgemeiner Koordination - auf der operativen Ebene gar als Verhandlungssystem vorliegt. Zur Funktion von Verhandlungssystemen vgl. Scharpf, Fritz W.: Die Handlungsfähigkeit des Staates am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. In: Politische Vierteljahresschrift, Heft 4, 1991, S. 621–634. Künftig zitiert: Scharpf 1991.Google Scholar
  145. 309.
    Weyer 1993, S. 6. Selbst überzeugte Akteurstheoretiker wie Rueschemeyer räumen ein, daß das Handeln interessegeleiteter Akteure nur ein Faktor bei der Differenzierungsanalyse sein könne. Auch er stellt in den Vordergrund seiner theoretischen Überlegungen, daß Differenzierungs-und Strukturbildungsprozesse oft aus sehr komplexen Akteurskonstellationen hervorgehen, deren Resulat keineswegs mit den Absichten und Handlungsstrategien der Akteure konform gehen. Vgl. Rueschemeyer, Dietrich: Power and the division of labour. Cambridge 1986. Zur Ambivalenz von Handlungsorientierungen insbesondere bei korporativen Akteuren vgl. neben Weyer 1993 auch mit speziellem Bezug auf das “duale Rundfunksystem” Theis, Anna Maria: Das “duale System” als komplexes System. Einige Anmerkungen zu den Erfolgsaussichten (medien-)politischer Intervention. In: Holgersson, Silke/Otfried Janen/Heribert Schatz (Hg.): Dualer Rundfunk in Deutschland. Beiträge zu einer Theorie der Rundfunkentwicklung (= Jahrbuch 1994 der Arbeitskreise “Politik und Kommunikation” der DVPW und der DGPuK), Münster/Hamburg 1994, S. 79–88, speziell S. 82. Künftig zitiert: Theis 1994.Google Scholar
  146. 311.
    Vgl. Stichweh, Rudolf: Differenzierung des Wissenschaftssystems. In: Mayntz, Renate/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichweh: Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt am Main/ New York 1988, S. 45–115, hier: S. 46. Künftig zitiert: Stichweh 1988a.Google Scholar
  147. 312.
    Weyer 1993, S. 6. Nur so - indem sie bestehende Unsicherheiten durch eigene Entscheidungen reduzieren - sei es nachvollziehbar, daß sich soziale Akteure die Bedingungen der Fortsetzbarkeit eigenen Handelns sichern. Bei Weyer entstehen soziale Strukturen in Opposition zu Luhmanns Systemtheorie “nicht unabhängig von den Akteursinteressen; sie werden vielmehr von den Beteiligten strategisch erzeugt, die ihre Umwelt nicht nur sorgfältig beobachten, um Optionen rechtzeitig zu identifizieren, sondern sich permanent an der Erzeugung von Optionen aktiv beteiligen, um potentiellen Partnern Anschlußmöglichkeiten zu eröffnen. A.a.O., S. 16.Google Scholar
  148. 313.
    Vgl. Schimark, Uwe: Der mangelnde Akteurbezug systemtheoretischer Erklärungen gesellschaftlicher Differenzierung - Ein Diskussionsvorschlag. In: Zeitschrift für Soziologie, Heft 6, 1985, S. 421434. Künftig zitiert: Schimark 1985; sowie Schimank 1988.Google Scholar
  149. 317.
    Vgl. zum folgenden Schimank 1985, S. 430f.Google Scholar
  150. 318.
    Diese Orientierungen treffen wir bei Schimank als generalisierte Handlungsorientierungen an, “die Zusammenhänge wechselseitigen Erwartens zwischen gesellschaftlichen Akteuren konstituieren”. Er unterscheidet drei Typen: kognitive Orientierungen, deren Sinnhorizonte sich auf das “Sein” der gesellschaftlichen Wirklichkeit beziehen, normative Orientierungen vermitteln Sinn bezüglich des “Sollens” von Akteuren, evaluative bezüglich des Wollens. Vgl. Schimank 1988, S. 627. Schimank grenzt diese stabilen Handlungsorientierungen nicht nur explizit von den variableren, kontingenten Interessen individueller Akteure ab, wie sie im akteurstheoretischen Konzept der rationalen Wahl (rational choice) auftauchten, er konstruiert gar ein Bedingungsverhältnis: “Erst derartige normative, kognitive und evaluative constraints ermöglichen überhaupt choices im Sinne von kalkulierten Wahlhandlungen eines Akteurs.” A.a.O., S. 623. Allerdings ist auch von Vertretern der rational choice der Versuch gemacht worden, die Orientierung der Wahlhandlungen an feste Routinen als Spezialfälle der Theorie zu konzeptualisieren. Etwa bei Esser, der mit Hilfe der Begriffe “habits” und “frames” zwischen den Theorien der rationalen Wahl, die den perfekt informierten und kalkulierenden Akteur voraussetzen, und den vielfach eingeforderten Motiven für “Traditionales Handeln” vermitteln will. Vgl. Esser, Hartmut: “Habits”, “Frames” und “Rational Choice”. Die Reichweite von Theorien der rationalen Wahl (am Beispiel der Erldärung des Befragtenverhaltens). In: Zeitschrift. für Soziologie, Heft 4, 1990, S. 231–247.Google Scholar
  151. 320.
    Genaugenommen geht Schimank noch über die bloße, konkret vorstellbare Schachtelungskonstruktion handlungsfähiger und handlungsprägender Sozialsysteme hinaus, wenn er in gesellschaftlichen Teilsystemen nichts weiter als “sinnhafte Zusammenhänge” generalisierter Orientierungen sieht. Die handlungsprägenden Teilsysteme sind damit eine vereinfachende Abstraktion “der Kontingenz konkreter sozialer Rollen”. Diese simplifizierenden Abstraktionen werden von den Systemakteuren als kontingenzbestimmende Fiktionen genutzt; der in eine konkrete soziale Situation involvierte Akteur nutzt die Fiktion nicht erst in der reflektierenden Beobachtung, sondern antizipiert die Fiktion des gesellschaftlichen Teilsystems. Durch die Fiktionalisierung der konkreten Handlungssituation nähert sich der Systemakteur der abstrakten Handlungslogik des gesellschaftlichen Teilsystems an. Auf diese Weise bringt Schimank akteurtheoretische und systemtheoretische Perspektiven zur Deckung. Vgl. Schimank 1988, besonders S. 636.Google Scholar
  152. 326.
    Vgl. Jarren, Otfried: Medien-Gewinne und Institutionen-Verluste? - Zum Wandel des intermediären Systems der Mediengesellschaft. Theoretische Anmerkungen zum Bedeutungszuwachs elektronischer Medien in der politischen Kommunikation. In: ders. (Hg.): Politische Kommunikation in Hörfunk und Fernsehen. Elektronische Medien in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1994, S. 23–34. Künftig zitiert: Jarren 1994.Google Scholar
  153. 327.
    Es ist in der Rezeption der neueren Systemtheorie vielfach darauf hingewiesen worden, daß die Betrachtungen zu nah am vorgängig festgelegten Untersuchungsobjekt vollzogen würden. Zur mangelhaften theoretischen Ausarbeitung des grundlegenden Grenzziehungsmechanismus “symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium” vgl. Pokol, Béla: Professionelle Institutionensysteme oder Teilsysteme der Gesellschaft? Reformulierungsvorschläge zu Niklas Luhmanns Systemtypologie. In: Zeitschrift für Soziologie, Heft 5, 1990, S. 329–344, speziell S. 329f., künftig zitiert: Pokol 1990. Der Autor mahnt die vordergründige Korrelation des Kommunikationsmediums mit der alltäglichen Wortbedeutung des Systems (zum Beispiel Rechtssystem mit dem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium Recht/Unrecht) an und fordert “das Aufzeigen der Strukturen der Organisierung um den jeweiligen binären Code.” Die Grenzziehung sei “vortheoretisch im Alltagsverständnis entschieden und Luhmann arbeitete nur nachträglich die dazu passenden Prinzipien der Grenzziehung heraus.” Marcinkowskis differenzierte Herleitung des f ir die Publizistik gültigen symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums Publizität entkräftet nach unserer Einschätzung diesen Vorwurf in eigener Sache.Google Scholar
  154. 329.
    Vgl. statt vieler MUnch, Richard: Struktur der Moderne. Frankfurt am Main 1984. Künftig zitiert: Minch 1984.Google Scholar
  155. 330.
    Vgl. Kammann, Uwe: Heuchelei mit System. Die große Schelte nach Wimbledon. In: epd-Kirche und Rundfunk, Nr. 54, vom 12. Juli 1989, S. 5–6. Vgl. ferner Kruse, Jbm: Sport-Kurzberichterstattung im Fernsehen und wirtschaftliche Interessen. In: Media Perspektiven, 1/90, S. 1–10 sowie Oehmichen, Ekkehardt: Die ‘Wimbledon-Debatte’ in der Presse. In: Media Perspektiven, 1/90, S.1124.Google Scholar
  156. 331.
    Rühl, Manfred: Markt und Journalismus. In: Rühl, Manfred/Jürgen Walchshöfer (Hg.): Politik und Kommunikation (= Festgabe fier Franz Ronneberger zum 65. Geburtstag), Nürnberg 1978, S. 237271, hier: S. 258.Google Scholar
  157. 332.
    Vgl. Pokol 1990, S. 331. Eine konstante Anzahl von vier gleichrangigen Wertgesichtspunkten je Funktionssystem finden wir bei Münch 1984, speziell S. 12. Die kategorische Festlegung halten wir für nicht praktikabel, da sie den theoretischen Spielraum über Gebühr einengt.Google Scholar
  158. 337.
    Rosewitz, Bernd/Uwe Schimank: Verselbständigung und politische Steuerbarkeit gesellschaftlicher Teilsysteme. In: Mayntz, Renate/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichweh: Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt am Main/New York 1988, S. 295–329, hier: S. 299. Künftig zitiert: Rosewitz/Schimank 1988.Google Scholar
  159. 338.
    Zum folgenden vgl. insgesamt Teubner 1987, S. 93ff.Google Scholar
  160. 339.
    Zudem konstruiert er ein interessantes Verschachtelungsprinzip autopoietischer Systeme, nach dem nicht - wie noch bei Maturana - ein autopoietisches System niederer Ordnung, zum Beispiel ein kognitives System, notwendig zum Element des autopoietischen Systems höherer Ordnung wird. Statt-dessen bilden sich autopoietische Systeme höherer Ordnung dadurch, daß sich auf der Grundlage niederer Systeme “emergente Einheiten konstituieren, die vom autopoietischen System niederer Ordnung verschieden sind und die Elemente flr das autopoietische System höherer Ordnung abgeben.” Für das höchste autopoietische System Gesellschaft macht er als emergente Einheiten Kommunikationen aus. In Analogie dazu seien auch einfachere Sozialsysteme nicht Elemente flr den Aufbau autopoietischer Systeme höherer Ordnung. Emergenzen seien dort zu finden, wo Kommunikationen reflexiv werden. “Und dieser Fall der reflexiven Kommunikation bezeichnet zugleich die Chance, daß die Gesellschaft neuartige Einheiten konstruiert, die als emergente Elemente fir eine höherstuflge Autopoiesis in gesellschaftlichen Teilsystemen dienen können.” Teubner 1987, S. 93. Mit dem geschilderten Schachtelungsprinzip und der Betonung des Emergenzphänomens für den Systemaufbau gelingt es Teubner, den Gründen fir die Verselbständigung sozialer Teilsysteme auf die Spur zu kommen. Soweit befindet sich Teubner in lJbereinstimmung mit Luhmann. Bei diesem aber ist die Emergenzqualität auf die Elemente beschränkt, während Teubner sie auf die Systemkomponenten (neben Elementen noch Strukturen, Grenzen und Prozesse) erweitert.Google Scholar
  161. 340.
    Seyfarth, Constans: Wieviel Theorie kann Soziologie vertragen? In: Soziologische Revue, Heft 1, 1986, S. 19.Google Scholar
  162. 342.
    Die Feststellung der autopoietischen Operationsweise eines Systems ist, da sie den Grundannahmen nach hochwahrscheinlich ist, dann lediglich ein Selbstzweck. Hieran zeigt sich die unterschiedliche Brauchbarkeit von Dogmatiken. Bei den oben beschriebenen Grundüberlegungen einer Theorie, die sich auf bestimmte Annahmen gründet und andere willkürlich exkludiert, ist der Einsatz von Dogmatik sinnvoll, denn Negationsverbote schaffen konstruktive intellektuelle Freiheiten; bei der Beurteilung und Bewertung empirischer Sachverhalte sind dogmatisch begründete Dichotomien dem Erkenntnisfortschritt eher hinderlich. Das in etwa meint Teubner, wenn er davor warnt, dogmatisch zu verfahren. Vgl. Teubner 1987, S. 89.Google Scholar
  163. 344.
    Marcinkowski schränkt sein Resümée aber selbst ein, wenn er zu zeigen versucht, “wie im organisierten Leistungssystem der Publizistik, dem Journalismus, ”zumindest Ansätze einer autopoietischen Selbstreproduktion erkennbar sind“. Marcinkowski 1993, S. 98. Das läßt zumindest die Vermutung zu, daß die andere Hälfte des binnendifferenzierten Systems, das Publikum, nicht vollends in den Prozeß der autopoietischen Reproduktion eingeschlossen ist. Zudem bleibt das Fragezeichen hinter der Prämisse, daß die Produktion von Entscheidungen im professionellen Institutionensytem ausschließlich auf vormals getroffene Entscheidungen rekurriert.Google Scholar
  164. 345.
    Vgl. Kapitel 3.5: Frank Marcinkowskis “Publizistik als autopoietisches System”, S.228ff (hier: Primärfunktion der Publizistik).Google Scholar
  165. 348.
    Auch Droste bezieht sich in seinen Äußerungen zum Fernsehen allein auf die Absenderseite. “Ich bin aus verschiedenen Gründen nicht der Ansicht, daß man das Fernsehen insgesamt als System nennen kann - wohl aber, wie gesagt, die Fernsehproduktionsebene.” Droste 1993, S. 61.Google Scholar
  166. 350.
    Ronge 1994, S. 91. Zur notwendigen Unterscheidung von Systemebenen allgemein vgl. ferner Ronge, Volker: Politische Steuerung innerhalb und außerhalb der Systemtheorie. In: Dammann, Klaus/Dieter Grunow/Klaus P. Japp (Hg.): Die Verwaltung des politischen Systems, Opladen 1994, S. 53–64. Künftig zitiert: Ronge 1994a.Google Scholar
  167. 351.
    Auch das soziale System als solches ist nur ein Typ von insgesamt vier Grundtypen, in die sich Systeme aufspalten können. Neben sozialen Systemen gibt es noch psychische Systeme, Organismen und Maschinen, wobei die ersten beiden als Unterscheidungsmerkmal sinnbestimmt sind. Luhmann 1984, S. 16f.Google Scholar
  168. 352.
    Als Stufen der Ausdifferenzierung funktionaler Teilsysteme unterscheidet Mayntz erstens den spezifischen Handlungssinn, zweitens Funktionsrollen (hier Kommunikatoren) und drittens die Herausbildung größerer sozialer Gebilde (zum Beispiel formale Organisationen), die “gesellschaftsweit zu einem speziellen Handlungszusammenhang miteinander verknüpft sind”. Der Stand der Ausdifferenzierung ist quasi stufenlos beurteilbar; keineswegs müssen alle Handlungszusammenhänge schon organisatorisch verfestigt sein, viele sind aber auf dem Weg dorthin. Um indessen kompetent operieren zu können, bedarf es idealtypisch des korporativen Akteurs, der besser als eine amorphe Menge von Funktionsrolleninhabem die Interessen und Zuständigkeiten bündelt. Ausdifferenzierte Funktionssysteme sind also durch einen hohen Gehalt an organisatorischer Verfaßtheit gekennzeichnet - ohne allerdings Organisations-und Funktionssystem hier gleichsetzen zu wollen. Vielmehr sind funktionsspezifische Systeme in der Regel gerade dadurch gekennzeichnet, daß sie aus einer Vielzahl Entscheidungen produzierender formaler Organisationen bestehen. Erst diese gesellschaftlichen Teilsysteme, die mit diesem Charakteristikum auch die dritte Stufe der Ausdifferenzierung erreicht haben, werden entsprechend von den Gesellschaftsmitgliedem als eigenständige, abgrenzbare Systeme wahrgenommen. Vgl. Mayntz 1988, S. 20–23. Daß diese Bedingung im Fall der Massenkommunikation erfüllt ist, beweist der viel strapazierte Volksmund, wenn er intuitiv und vorwissenschaftlich pauschalierend von dem amorphen Gebilde “Medien” oder “der Presse” spricht.Google Scholar
  169. 353.
    Marcinkowski betont, daß diese Organisationen sich wiederum gegenseitig als “interne” Umwelten behandeln können. Marcinkowski 1993, S. 84.Google Scholar
  170. 357.
    Mayntz sieht dagegen formale Organisationen “an der Hervorbringung der für das System spezifischen Leistung oder Tätigkeit mitwirken”. Diese würden nicht nur intern arbeitsteilig verfahren, “sondern sich selbst auf unterschiedliche Teilaufgaben der Leistungserstellung beziehen können, also zum Beispiel auf die Schaffung der kognitiven und technischen Voraussetzungen einer Leistung, der Ausbildung der im System tätigen Spezialisten, der unmittelbaren Leistungsproduktion und gegebenenfalls der Leistungsvermittlung an potentielle ‘Abnehmer’.” Mayntz 1988, S. 24.Google Scholar
  171. 360.
    Da Marcinkowski unterschiedliche Organisationen als funktionale Äquivalente derselben Leistung betrachtet, diese aber nicht im Sinne von “Aufgaben” oder “Zwecke” versteht, können fiir ihn selbstredend Änderungen in Art und Form des Fernsehens “nicht gleich als ‘Funktionswandel’ interpretiert werden”. Marcinkowski 1993, S. 85. Auch Manfred Rühl erkennt in Aufgaben und Funktionen keine Synonyme. Der Funktionsbegriff sei umfassender definiert, da komplexere Anforderungen an ihn gestellt würden. Er schließe direkte Leistungen und Zwecke mit ein und kann demnach in Hinblick auf das System Publizistik durch konkretere Aufgabenstellungen wie informieren, bilden, unterhalten nur vage und ungenau umschrieben werden. Da auch andere Institutionen das täten (diese Aufgaben übernehmen), sei der Funktionsbegriff für die Bezeichnung eines Programmauftrags unterdefiniert. Vgl. Rühl 21979, S. 69.Google Scholar
  172. 362.
    Dieses Phänomen wird von Systemtheoretikem als Manko eingestanden. Walter Reese-Schäfer spricht in Anlehnung an Luhmanns Sprache in diesem Zusammenhang von “Varietät”. Am Anfang jeder Luhmann-Lektüre überwiege die Erfahrung der Fremdheit und Irritation über die häufige Bedeutungsverschiebung von Begriffen. Vgl. Reese-Schäfer 1992, S. 14.Google Scholar
  173. 365.
    Boventer 1993, S. 278. Es sind also gleich drei Betrachtungsebenen, die sich sukzessive von normativen Implikationen lösen: Die Gesamtgesellschaft (Zeitalter der Postmoderne oder Post-Postmoderne), der Rundfunk (als publizistisches Unterhaltungsmedium) und der sozialwissenschaftliche Erkenntniszugang (Nonnativismus weicht Empirismus, die Handlungstheorie verliert Terrrain gegenüber der Systemtheorie). Auf die Verschränkung zweier dieser Ebenen weist Otfried Jarren hin: “So ist es nicht verwunderlich, daß es vor allem die elektronischen Medien sind, die den Wertewandel in der modernen Gesellschaft vorantreiben und beschleunigen und damit zugleich auch einen Anstieg an Orientierungsbedarf in Teilen der Gesellschaft auszulösen vermögen.” Jarren 1994, S. 27.Google Scholar
  174. 370.
    Ähnlich wie Marcinkowski wählt auch Rühl einen dreistelligen Prozeß der Binnendifferenzierung. Er füllt die Metapher Zirkel (Helix), die den rekursiven Vorgang der Selbstorganisation beschreiben soll, allerdings mit der Differenzierung nach “Produktion, Rezeption und Öffentlichkeit”. Genaugenommen spricht er von einer Doppelhelix publizistischer Leistungen und Gegenleistungen: “Rundfunkpublizistik fmdet somit statt, wenn (1) organisationsförmig Programme hergestellt und bereitgestellt, (2) diese haushaltsförmig (durch ständig neu zu strukturierende Publika) angenommen und verarbeitet werden, und (3) alle rundfunkpublizistischen Teilprozesse als Leistungen und Gegenleistungen marktförmig ablaufen (orientiert an der strukturell diffusen, aber rundfunktypischen Öffentlichkeit).” Es fällt auf, daß die Inklusion des Publikums nicht über den in der neueren Systemtheorie allgemein favorisierten Weg der Interpenetration (vgl. Martens 1991) zwischen sozialem (Rundfunk) und psychischem System (individuelles Bewußtsein des Rezipienten), sondern über das Interaktionssystem Haushalt verläuft. Rühl 1994, S. 51f.Google Scholar
  175. 372.
    Zu dieser wachsenden Macht des Publikums haben sich Programmverantwortliche des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vielfach besorgt geäußert. Zum Beispiel ZDF-Intendant Dieter Stolte: “Hat sich unter den neuen Bedingungen eines dualen Fernsehmarktes nicht das Verhältnis von Angebot und Nachfrage deutlich zugunsten der Zuschauer verschoben? Kann nicht die unaufhaltsame Konkurrenz zu einer bedenklichen, ja gefährlichen Hörigkeit der Fernsehmacher gegenüber den Wünschen der Zuschauer führen? Wird das zunehmend marktwirtschaftlich orientierte Unternehmen Fernsehen immer mehr zum Sklaven einer Gesellschaft, in welcher der Kunde König ist? Gilt das sowohl fur die Privaten wie für die Öffentlich-rechtlichen?” Vgl. epd-Kirche und Rundfunk, Nr. 86, vom 1. November 1989, S. 5.Google Scholar
  176. 373.
    Zur Inklusion über Komplementärrollen vgl. Stichweh, Rudolf: Inklusion in Funktionssysteme der modernen Gesellschaft. In: Mayntz, Renate/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichweh: Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, Frankfurt am Main/New York 1988, S. 261–294. Künftig zitiert: Stichweh 1988. Der Autor begreift die Ausbildung von Komplementärrollen als Spezifikationen des Laienstatus, mit denen die Inklusion der Bevölkerung in soziale Systeme vollzogen wird.Google Scholar
  177. 374.
    “Publikumsrollen aber tendieren dazu, Beobachterrollen zu sein.” Stichweh 1988, S. 280.Google Scholar
  178. 375.
    Bleicher, Joan Kristin: Das Fernsehen im Fernsehen. Zur Rolle von selbstreferentiellen Sendungen im Programm In• medien und erziehung, Heft 5, 1992, S. 295–299, hier: S. 295ff. Künftig zitiert: Bleicher 1992. Der fade, negative Beigeschmack, der solchen aufgrund von Beobachtungen entstandenen selbstreferentiellen Techniken innewohnt, läßt sich unter Umständen erklären, wenn man Stichwehs Einschätzung folgt, daß die “kontemplationsskeptischen, aktivistischen Wertmuster der Moderne” die Partizipation an Handlungszusammenhängen, also selbstbewußtes offensives Agieren “gegenüber der Beobachtung von Handlungszusammenhängen favorisiert”. Stichweh 1988, S. 280. In Kapitel Selbstreferenz als Handlungskonzept - Autopoiesis als Systemantrieb, S. 294ff) wird gezeigt, daß Selbstreferenzen zwar aus Beobachtungsnotwendigkeiten resultieren, aber de facto in ein aktives Handlungspotential münden.Google Scholar
  179. 376.
    Das Talk-TV (oder synonym: “Call-in-show”) ist eine aus dem Hörfunk adaptierte Form von ausführlichen Gesprächen ohne Musikeinlagen, die ein Moderator mit interessierten Zuschauern führt. Binnen kürzester Zeit tauchen im Zeitraum 1993/1994 neben unzähligen Talkradio-Sendungen des Hörfunks viele Gesprächssendungen im Spätprogramm des Fernsehens auf: Der Pay-TV-Sender Premiere machte mit 0137 Nighttalk den Anfang, Vox folgte mit Talkline und Bei Anruf Moor) und schließlich hob auch RTL mit der Sendung Achtzehn 30 - Das Telefonthema als erster nationaler Hauptanbieter eine Talk-Sendung in das Programm, die ausschließlich aus der Übertragung von Telefongesprächen mit Zuschauern besteht.Google Scholar
  180. 380.
    Ein Beispiel gab im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf dem Medienforum NRW 1993 der Showmaster Hans-Joachim Kuhlenkampf, der 1992/93 nach wenigen Sendungen die Moderation der Unterhaltungssendung “Der große Preis” wieder abgab. Als Begründung führte er die kommerziellen Methoden der Unterhaltungsbranche (auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen) an, die auf reinen Kommunikationserfolg abstellten. Auf seine Frage, wie gut eine der von ihm moderierten Sendungen gewesen sei, soll ihm der zuständige Redakteur geantwortet haben, er wisse es nicht, man müsse auf die am Montag veröffentlichte Quote warten.Google Scholar
  181. 384.
    Vgl. Schatz, Heribert: Auf dem Pnifstand. Zur Weiterentwicklung der Konvergenzhypo-these. In: medium, Heft 1, 1992, S. 49–52, hier: S. 52. Künftig zitiert: Schatz 1992.Google Scholar
  182. 385.
    Marcinkowski 1993, S. 165. Durch diese Argumentation wird der in den vergangenen Jahren oft beklagte Qualitätsverlust im Fernsehbereich durch den Autor systemtheoretisch heruntergespielt als Umbau des operationsleitenden binären Schematismus öffentlich/nicht öffentlich im selbstreferentiellen System Publizistik.Google Scholar
  183. 386.
    So will zum Beispiel die empirisch orientierte neo-institutionalistische Politik-Forschung die gewaltigen Strukturumbrüche im Rundfunksystem allein mit strategischen Handlungsorientierungen der beteiligten politischen Akteure erklären. Als besonders signifikanter Fall für fehlende Abstraktion vgl. Schmitz, Manfred: Das Duale Rundfunksystem als politische Institution. In: Holgersson, Silke/Otfried Jarren/Heribert Schatz (Hg.): Dualer Rundfunk in Deutschland. Beiträge zu einer Theorie der Rundfunkentwicklung. (= Jahrbuch 1994 der Arbeitskreise “Politik und Kommunikation” der DVPW und der DGPuK), Münster/Hamburg 1994, S. 97–116.Google Scholar
  184. 388.
    Marcinkowski 1993, S. 166. Die Steuerungsproblematik wird abschließend in Teil C, Kapitel 3 unter den Fragestellungen diskutiert, inwieweit Rundfunk kommunikationspolitisch regelungsfähig ist, inwiefern gemeinwohlorientierter Rundfunk in der Bundesrepublik ein anerkannter gesellschaftlicher Zentralwert ist, und welche Rolle die Kommunikationswissenschaft bei der “Grundlagenforschung” spielen kann.Google Scholar
  185. 389.
    Für eine konsequente Unterscheidung der Systeme Publizistik und Wirtschaft, die die Vermischung der Systeme aufhebt, plädiert Jürgen Heinrich. Nur so sei eine Funktionsanalyse des Rundfunks und eine angemessene Kontrollpolitik möglich. Vgl. Heinrich, Jürgen: Dominanz der Kirch-Gruppe weiter gestiegen. Ökonomische und publizistische Konzentration im deutschen Fernsehsektor 1992/93. In: Media Perspektiven 6/93, S. 267–277. Künftig zitiert: Heinrich 1993.Google Scholar
  186. 391.
    Vgl. zur Konzentration im Femsehbereich Heinrich 1993. Zur Herausbildung zweier dominanter Sendergruppen vgl. speziell S. 275f.Google Scholar
  187. 392.
    Vgl. N.N.: Das schwarze Imperium. In: Der Spiegel, Nr. 30, vom 25. Juli 1994, S. 18–23.Google Scholar
  188. 393.
    Besonders der Kölner Verleger Alfred Neven Du Mont, der über die Aktuell Presse Fernsehen GmbH (APF) indirekt an SAT.1 beteiligt ist, beschwerte sich in einem offenen Brief an den Springer-Vorstandschef Jürgen Richter über “die Einflußnahme des Privatsenders SAT 1 far die CDU und Bundeskanzler Helmut Kohl.” Vgl. Ott, Klaus: Zur Sache Kanzler. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 189, vom 18. August 1994, S. 12.Google Scholar
  189. 394.
    Vgl. Rühl 1993; Grothe/Schulz 1993 sehen das Wirtschaftssystem als Modulation des publizistischen Systems an, ohne daß damit bewiesen sei, daß die wirtschaftliche Anschlußhandlung der Zahlung direkten Einfluß auf die publizistischen Entscheidungsprozesse hat. (S. 572–574.) Marcinkowski thematisiert die indirekte Zahlung über die werbetreibende Wirtschaft im Rundfunk als Rückkopplung, die in der teilderegulierten Form des Rundfunks deutlichere Signale aussende, als zu öffentlich-rechtlichen Monopolzeiten und somit zur Schließung des autopoietischen Reproduktionprozesses beitrage. Zwar räumt auch Marcinkowski ein, “daß das ökonomische Kalkül im allgemeinen und das Medium Geld im besonderen im Rundfunksektor heute eine wesentlich größere Rolle spielen als jemals zuvor in dessen kurzer Lebensgeschichte”. Gleichwohl sieht er diesen Sachverhalt “durchaus von der Theorie selbstreferentieller Systeme gedeckt”, da der ökonomische Gesichtspunkt als Fremdcode niemals den publizistischen Leitwert dominieren könne, ohne das Funktionssystem zu zerstören und da - man beachte den unangekündigten Wechsel der Ebenen -, Organisationsysteme nur auf der Basis von Motivation - hier Geld far die Mitglieder - funktionierten. Marcinkowski 1993, S. 180f.Google Scholar
  190. 397.
    Abich, Hans: Perspektiven im Rückblick. Zur Programmstrukturreform der ARD ab 1978. In: epdKirche und Rundfunk, Nr. 87, vom 11. November 1978, S. 3–8, hier: S. 4.Google Scholar
  191. 399.
    Zum Vormarsch der Sendeform Talkshow vgl. statt vieler Caesar, Uwe: Trend zur “Redeschlacht”. In: Medienspiegel, Nr. 52/53, 1992,, S. 3. Danach hat sich die Zahl der Talkshows im deutschen Fernsehen im Zeitraum zwischen 1989 und 1992 mehr als verdoppelt. Besonders signifikant ist hier die Tatsache, daß die meisten Gäste früher oder später Berufsreisende in Sachen Talk-Shows werden und in schöner Regelmäßigkeit von Redeshow zu Redeshow weitergereicht werden. Dort wird dann auf die Aussagen des Gastes (aus dessen jüngstem Fernsehgespräch) Bezug genommen: “Keine Talk-Show, in der nicht Figuren aufmarschieren, die sich in vielen Redeschlachten zuvor als Talk-Figuren so inszeniert haben, daß keine noch so geschickte Gesprächsführung die Grenze der eigenen Medienpräsentation gefährdet.” Festenberg, Nikolaus von: “Sag doch einfach ja zum Ja”. In: Der Spiegel, Nr. 49, vom 30. November 1992, S. 298–300, hier: S. 300. Künftig zitiert: Festenberg 1992. Die Talk-oder Confrontationshow thematisiert sich darüber hinaus immer wieder selbst; so geschehen jüngst anläßlich der 100. Sendung von Einspruch (SAT.1) am 3. Mai 1994: Dort erkor man für die Jubiläumsfolge die Frage, ob es zuviele Talkshows im deutschen Fernsehen gebe, zum alleinigen Thema. Eingeladen waren vier Femsehkritiker und vier Talkmaster. Auf diese Weise suggeriert die Sendung, der Streit um das Wie und Wieviel von Talkshows sei eine Frage von gesellschaftlicher Bedeutung. Vgl. dazu Hertneck, Marcus: Einspruch! In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 103, vom 5. Mai 1994, S. 17.Google Scholar
  192. 401.
    Berghaus, Margot/Ursula Hocker/Joachim Friedrich Staab: Femseh-Shows im Blick der Zuschauer. Ergebnisse einer qualitativen Befragung zum Verhalten des Fernseh-Publikums. In: Rundfunk und Fernsehen, 42. Jg. 1994, Heft 1, S. 24–36, hier: S. 24.Google Scholar
  193. 402.
    Einen zusammenfassenden Überblick über das neue Genre gibt Wegener, Claudia: Reality TV. Fernsehen zwischen Emotion und Information, Opladen 1994. Vgl. zum inszenatorischen Charakter von Reality TV besonders S. 36–42; vgl. ferner Schneider, Norbert: Linkes Auge. Fernsehen im Starmix: Reality-TV als Mix Star. In: epd-Kirche und Rundfunk, Nr. 47, vom 17. Juni 1992, S. 5–6 sowie Thoenißen, Otto: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Reality-TV: Unterhaltung mit anderen Mitteln. In: Funkreport, Nr. 24, vom 18. Juni 1992, S. 3–6.Google Scholar
  194. 403.
    Insbesondere Kinder, das belegt eine aktuelle, bislang unveröffentlichte Studie, haben Schwierigkeiten, “das Verschwimmen der Genregrenzen zu erkennen”. Vgl. Grill, Michael: Wenn Angst die Oberhand gewinnt. Eine Münchner Studie untersucht, wie Kinder mit realer und fiktiver TV-Gewalt umgehen. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 94, vom 25. April 1994, S. 17.Google Scholar
  195. 404.
    Das bedeutet freilich nicht, daß Selbstreferenzen nicht auch im Informationssektor beobachtet werden; der klassische Fall ist die von vielen Sendern institutionalisierte Routine, aus einem Frühinterview mit einem prominenten - wenn möglich streitbaren - Gast “nachrichtenhaltige” Essenzen zu ziehen, um die eigenen Nachrichtensendungen über den Tag damit zu versorgen. In einigen Redaktionen (zum Beispiel SAT.]-Frühstücksfernsehen) werden diese im Interview mit einem wichtigen Gast angespochenen Themen sogar “nachrichtengebende Themen” genannt. Auch das politische Magazin Frontal (ZDF) macht ein selbstbezügliches Programm, das sich größtenteils aus dem Umstand speist, daß der Fernsehzuschauer um die gegensätzlichen politischen Einstellungen der beiden Moderatoren Ulrich Kienzle und Bodo Hauser weiß. Die Moderationen werden um diese (durch vorherige Fernseherfahrung) als bekannt vorausgesetzte Konstellation konstruiert. Einen weiteren Hinweis auf die Relevanz von Inszenierung bei der Information gibt Hermann Bo-venter, wenn er den ehemaligen Chefredakteur des Süddeutschen Rundfunks, Ernst Elitz, mit den Worten: “es muß inszeniert werden” zitiert. Ohne Inszenierung könnten die Medien nicht arbeiten, wobei diese vom bewußt herbeigeführten Spektakel zu unterscheiden sei. Auch Dramaturgie sei frr die Herstellung von Information zur eigenen Meinungsbildung nötig, diese setze jedoch Könnerschaft voraus. Vgl. Boventer 1993, S. 276.Google Scholar
  196. 405.
    Gar in einem doppelten Sinn selbstreferentiell war die RTL-Sendung Showmaster: Man ist fast geneigt, sie über das attestierte hohe Maß an Inszenierung selbst in einem anatomisch-biologischen Sinn autopoietisch zu nennen, weil sie im Rahmen einer Unterhaltungsshow Kandidaten auf ihre Tauglichkeit als Showmaster prüfte. Die Sendung reproduzierte neben der Systemkommunikation also auch die Rolleninhaber des sozialen Systems, dergestalt, daß aus Kandidaten neue Showmaster wurden. Dem in mehreren Qualifikationsrunden ermittelten Sieger winkte neben dem üblichen Geldpreis die Gelegenheit, eine RTL-Show zu moderieren. So machte RTL aus der Not, einen Moderator fir eine Sendung finden zu müssen, eine Tugend in Gestalt einer neuen Unterhaltungssendung. Das in diesen Fallen übliche Casting wurde einfach ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, was Geld, Mühe und Ideen spart. Vgl. dazu kritisch Bahners, Patrick: Mimesis ans Identische. “Gala”: Harald Schmidt sagt ja zu Berlin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 202, vom 31. August 1992, S. 26. Künftig zitiert: Banners 1992. Der Verfasser vergleicht den Vorgang mit der Arroganz politischer Parteien, die voraussetzen, nichts sei spannender als die Frage nach der Nachfolge eines demissionierten Politikers: “Aber die Zumutung, daß eine Vorbereitung, die gewöhnlich hinter den Kulissen geschieht, den Zuschauern auch vor den Kulissen zu interessieren habe, setzt stillschweigend voraus, daß die Tätigkeit des Privatsenders in sich eine hochbedeutsame Sache ist”Google Scholar
  197. 408.
    Helmut Volpers vermeint in der feuilletonistischen Aufarbeitung selbstreferentieller Fernsehsendungen wie der Lindenstraße (dazu ein ausführlicher Abschnitt am Ende des Kapitels) eine unangemessene Spiegelung der Gesellschaft erkannt zu haben: “Indem die intellektuelle Interpretation das System’LindenstraBe’ zum Paradigma für die moderne Gesellschaft erhebt, erweitert sich der Blick auf das Spielgeschehen zu einem Blick auf die gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik.” Volpers, Helmut: Die ‘Lindenstraße in der Presse. Inhaltsanalyse zur joumalistischen Rezeption einer Fernsehserie. In: Media Perspektiven 1/93, S. 2–7, hier: S. 6. Künftig zitiert: Volpers 1993.Google Scholar
  198. 411.
    Bahners hat seine Entdeckung der Selbstreferenz sogar explizit an dem Entertainer Harald Schmidt festgemacht; dieser zöge seine Identität allein aus der Geschichte der deutschen Fernsehunterhaltung. “Jede seiner Handbewegungen und jede seiner Satzmelodien spielt an auf diese Geschichte. Bei Schmidt wird öffentlich-rechtliche Fernsehunterhaltung selbstreferentiell, und sie deckt dabei ihre eigene Belanglosigkeit auf’. Bahners 1992, S. 26. Hier soll jedoch nicht der Eindruck erweckt werden, Selbstreferenz in der Fernsehunterhaltung falle unitarisch mit der Person Schmidts zusammen. Schmidt ist vielmehr der Prototyp des durch bewußten Einsatz von Tautologien und Zitaten das Medium spiegelnden Showmasters. Sein Kollege aus dem Comedy-Fach, Hape Kerkeling, bietet weiteres Anschauungsmaterial für Selbstbezug in Form von Parodie. Ähnlich wie Schmidt verspottet Kerkeling das Medium mit dem ”subversivsten aller denkbaren Mittel“, ”der affirmativen Verstärkung“. Vgl. Festenberg 1992, S. 300. Ohne sich spezieller Stars anzunehmen, persifliert Kerkeling die Präsentationsformen des Fernsehens, beispielsweise wenn er von einem Kamerateam begleitet die ”regularisierten Handlungsabläufe“ der Reportage imitiert (Tautologie) und anschließend gezielt durchbricht. Vermutlich lange in Erinnerung bleiben wird das im Rahmen seiner Personality-Show Total normal karrikierte Ritual der Bambi-Verleihung, als Kerkeling dadurch die Verleihungsrituale entzauberte, daß er bereits vor dem Zeitpunkt der offiziellen Preisiübergabe goldene Bambis inflationär an alle einigermaßen prominente Gäste verteilte, die den Veranstaltungsort betraten. Vgl. Bleicher 1992, S. 298.Google Scholar
  199. 416.
    In der seit 1994 ausgestrahlten Sendung werden einzelne ausgewählte Sequenzen aus der vorangegangenen Femsehwoche abgerufen, die im Blue-screen-Verfahren von Autor und Moderator Oliver Kalkofe kommentiert und - soweit technisch machbar - parodistisch weitergeführt werden.Google Scholar
  200. 419.
    Signifikant wird dieser latente Trend insbesondere in Zeiten, in denen Bundesverfassungsgerichtsurteile zum Rundfunk anstehen oder, wenn die Fernsehsender Gutachten vorlegen, die die eigene Programmqualität unter Beweis stellen sollen. Vgl. Hachmeister, Lutz: Jedem seinen Forscher. In: Die Woche, Nr. 26 vom 24. Juni 1993, S. 21.Google Scholar
  201. 422.
    Vgl. mit ähnlicher Einschätzung Marcinkowski 1993, S. 89. Marcinkowski leitet die Reflexivität der Serienkommunikation allerdings von der Selbstbezüglichkeit des Rezeptionsprozesses her: “Themen verweisen direkt auf neue Themensapekte und schaffen damit neue Erwartungen, ein gesehenes Programm animiert zur Rezeption weiterer Programme (idealtypisch bei Fernsehserien, Fortsetzungsromanen, Sachbuchreihen etc.).”Google Scholar
  202. 424.
    Vgl. zum folgenden Banners, Patrick: Tod, wo ist dein Stachel? Das System Lindenstraße: Zur dreihundertsten Folge der Fernsehserie. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 202, vom 31. August 1991, S. 25. Künftig zitiert: Banners 1991.Google Scholar
  203. 425.
    Die Lindenstraße gilt auch insoweit als Kommunikationskatalysator, als sich Fernsehzuschauer anläßlich der Rezeption der Serie häufig in kleineren Gruppen zusammenfinden. Den Erfolg der Serie in Deutschland und das Funktionieren der basal zirkulären, nicht hierarchischen Operationsweise führt Bahners darauf zurück, daß die Figuren der Serie moralisch hochkontingent seien. “Wie es kein letztes Ereignis gibt, von dem alle Ereignisse ihren Sinn empfangen, gibt es auch keinen obersten Standpunkt, von dem man alles richtig sähe. […] Daß Gottes Thron leer bleibt, ist für Luhmann Kennzeichen der modernen Gesellschaft.” Die Bundesrepublik sei in diesem Sinne besonders modem, da ihr der Rückgriff auf Traditionen verwehrt ist. So muß die Lindenstraße ihre Identität in ständiger Kommunikation neu erzeugen. Bahners 1991, S. 25. Neben der spezifischen Rezeption durch die Fernsehzuschauer existiert auch eine ungewöhnlich intensive publizistische Begleitung des Fernsehereignisses Lindenstraße. Helmut Volpers will im Rahmen seiner Analyse der Fernsehkritik zur Lindenstraße erkannt haben, daß die Serie eine eigenständige, quasi-rekursive Fonn der Berichterstattung provoziert habe. Diese kaschiere die Differenz zwischen Fernsehrezeption und Fernsehkritik: “Es scheint, als habe die Presse für die ‘Lindenstraße’ eine nahezu eigenständige - dem Feature verwandte - journalistische Stilform entwickelt, die nur in enger Beziehung zur Publikumsrezeption dieser Soap opera verständlich wird. Auffallendes Merkmal dieses Stils ist seine Distanzlosigkeit, ja Affmität zum Gegenstand”. Volpers 1993, S. 2ff. Uwe Magnus hat in einem Beitrag zur programmbegleitenden Forschung herausgearbeitet, daß es - neben der interpersonalen Kommunikation in Familie und Umfeld - auch diese Art der Berichterstattung sei, die die Bindung des Zuschauers an die Serie stabilisiere. Vgl. Magnus, Uwe: Programmbegleitende Forschung - das Beispiel der ‘Lindenstraße’. In: Rundfunk und Fernsehen, Heft 4, 1990, S. 578–587, hier: S. 586.Google Scholar
  204. 427.
    N.N.: Liebe Frau Beimer. In: HörZu, Nr. 17, 1990, S. 10.Google Scholar
  205. 430.
    Lindenstraße-Redakteur Ronald Grabe zitiert nach: Bahners 1991, S. 25.Google Scholar
  206. 433.
    Zahlreiche Zeitungs-, Zeitschriften-, Hörfunk-und Fernsehberichte beschäftigen sich seit dem Ausstrahlungsbeginn der Lindenstraße mit dem Phänomen dieser Seifenoper. Nur aufgrund des Status der Lindenstraße als medieninternes Ereignis hat der verantwortliche Fernsehsender ARD am 24. November 1990 eine Sendung mit dem Titel Die Beimers ausstrahlen können: einen Zusammenschnitt aus den Handlungssequenzen, die sich innerhalb der Serie mit den Mitgliedern der Fernsehfamilie Beimer befassen. Vgl. Bleicher, Joan Kristin: Chronik zur Programmgeschichte des deutschen Fernsehens. Berlin 1993, S. 332. Künftig zitiert: Bleicher 1993.Google Scholar
  207. 439.
    Vgl. Hohlfeld/Gehrke 1995, Teil C, Kapitel 4. Art und Ausmaß selbstreferentieller Beiträge.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Gernot Gehrke
    • 1
  • Ralf Hohlfeld
  1. 1.MünsterDeutschland

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