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Freud und Leid von Frauen

  • Rose-Maria Gropp

Zusammenfassung

Konversations-Lexika beschreiben, wie die Reden sich wenden im Umgang und Verkehr. 1865 nennt die Realencyklopädie für gebildete Stände die Pluralität „Frauen, worunter der edlere Sprachgebrauch das ganze weibliche Geschlecht befaßt“, und weiß deren unwiderlegliches Verdienst, daß nämlich „viele der größten und tüchtigsten Männer... das beste ihres geistigen Theils, die moralische Grundlage ihres Daseins, den Einflüssen ihrer Mütter (verdanken)”.1 Die folgende Auflage 1877 kennt schon das Hieb- und Stichwort „Frauenfrage“, unter dem sie die schöne Etymologie Weib < = Webende abdankt vor dem Hintergrund des wachsenden „Maschinenwesens“, hellsichtig neuerdings entstandene Perspektiven wie „Stenographie“, „Telegraphie“, „Eisenbahnbureaudienst“ und das „Postfach“ vorschlagend: So gestaltete sich in Deutschland an begriffsnormierender Position die Auffassung von „Frauenerwerbsfrage wesentlich als Frauenbildungsfrage“, während die schweizerischen Universitäten bereits dem Weibe ihre Pforten geöffnet hatten. Noch ist sich das Conversations-Lexikon hinsichtlich des Frauenstudiums aber nicht sicher, ob über die Gynäkologie hinaus „es an sich wünschenswerth ist, daß Mädchen den ärztlichen Beruf ergreifen“.2 1884 dann handelt es sich für den Brockhaus gar — neben dem obligaten höheren Lehrfach — „in erster Linie“ um die Medizin. Allein, ein anderes Problem ist jetzt am Horizont; denn nicht durchwegs sind die mit dem Frauenstudium gemachten Erfahrungen „ermutigend, da sie zeigen, wie leicht die jungen Mädchen auf nihilistische und andere Abwege zu verlocken sind“.3

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Anmerkungen

  1. 1.
    Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für gebildete Stände. Conversations-Lexikon. 11., umgearb., verb. u. vermehrte Aufl., Bd. 6, Leipzig (Brockhaus) 1865, S. 554 (sv. “Frauen”).Google Scholar
  2. 2.
    Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie. 12., umgearb., verb. u. vermehrte Aufl., Bd. 6, Leipzig (Brockhaus) 1877, S. 830ff (sv. “Frauenfrage”).Google Scholar
  3. 3.
    Brockhaus’ Conversations- Lexikon. 13., vollst. umgearb. Aufl., Bd. 7, Leipzig 1884, S. 245ff (sv. “Frauenfrage”, mit Verw. von “Frauenstudium”).Google Scholar
  4. 4.
    Friedrich Nietzsche hat in seinem Brief vom 16. September 1882 an Lou von Salomé diese als “Geschwistergehirn” bezeichnet.Google Scholar
  5. 5.
    Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933 [1932]). - In: Sigmund Freud, Studienausgabe (StA), Bd. 1, Hgg. A. Mitscherlich u.a., Frankfurt/M. 1975, S. 449.Google Scholar
  6. 6.
    Sigmund Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, StA 1, S. 37.Google Scholar
  7. 8.
    So der Hegel-Editor Georg Lasson in: Die Akademische Frau. Gutachten hervorragender Universitätsprofessoren, Frauenlehrer und Schriftsteller über die Befähigung der Frau zum wissenschaftlichen Studium und Berufe. Hg. Arthur Kirchhoff, Berlin 1897, S. 167.Google Scholar
  8. 9.
    Wilhelm von Waldeyer, Das Studium der Medicin und die Frauen, in: Tageblatt der 61. Versammlung der Naturforscher und Ärzte in Köln 1888, Köln 1889, S. 42. - Von der “Durchführung der Emanzipationsgelüste” spricht Hildegard Ries, Geschichte des Gedankens der Frauenhochschulbildung in Deutschland. Phil.Diss. Münster 1927, S. 114f.Google Scholar
  9. 10.
    Wilhelm von Waldeyer (Anm. 9), S. 43. - Das Thema der Bisexualität - als anatomischer Gegebenheit zunächst - ist kurrent seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in der philosophischen und psychiatrischen Literatur. Vgl. dazu auch Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, StA 5, S. 52ff (“Heranziehung der Bisexualität”), bes. dort Anm. 2, S. 54f. Waldeyer versucht also zum einen, das Problem in einer binären Geschlechterrollen-Normierung zu bannen - und befindet sich damit auf dem Stand der Realencyklopädie für gebildete Stände von 1865, zumal wenn er mit der Männerachtung vor der häuslichen Frau “in allen gebildeten Gesellschaftskreisen” argumentiert (Wilhelm von Waldeyer (Anm. 9), S. 42). Und es ist ihm zum anderen ein terminologischer Mißgriff unterlaufen…Google Scholar
  10. 11.
    Max Runge, Das Weib in seiner geschlechtlichen Eigenart, Berlin 41900, S. 2.Google Scholar
  11. 12.
    Auguste Fickert, Der Stand der Frauenbildung in Österreich, in: Handbuch der Frauenbewegung,Hg. Helene Lange u. Gertrud Bäumer, Teil Ill, Berlin 1902, S. 184.Google Scholar
  12. 13.
    Hildegard Ries (Anm. 9), S. 129, Anm. 1. - Ries referiert hier Marianne Webers Aufsatz “Vom Typenwandel der studierenden Frau”, der 1916/17, als Freud seine Vorlesungen hielt, erstmals erschien in: Die Frau 24, 1916/17, S. 514–530. - Von Marianne Weber stammt die Einteilung in die Aufeinanderfolge von “heroischem”, “klassischem” und “romantischem Typus” der Studentinnen.Google Scholar
  13. 14.
    Theodor von Bischoff, Das Studium und die Ausübung der Medizin durch Frauen, München 1872, S. 35. - Dazu Hildegard Ries (Anm. 9), S. 114.Google Scholar
  14. 15.
    Judith Herrmann, Die deutsche Frau in akademischen Berufen. Phil.Diss. Breslau 1915, S. 69f.Google Scholar
  15. 17.
    Anonyma, zit. bei Elisabeth Knoblauch, Zur Psychologie der studierenden Frau. Eine Untersuchung über die Einstellung zum Studium und zur späteren Berufstätigkeit bei Studentinnen (Phil<Diss. Hamburg), in: Zeitschrift für angewandte Psychologie 36/1930, S. 438–523, S. 515.Google Scholar
  16. 18.
    Vgl. Käthe Schirmacher, Das Rätsel Weib, Weimar 1911, S. 62.Google Scholar
  17. 19.
    Der klassische Typus bei Marianne Weber (Anm. 13) zeichnet sich durch ungezwungene Kameradschaft mit den männlichen Kommilitonen aus, vor allem aber durch den Glauben, “berufen zu sein, durch Wesen und Leistung die Vorstellung dessen, was Frauen sein können und sollen, zu erweitern, einen neuen höheren Typus von Weiblichkeit zum Durchbruch zu bringen”. - Vgl. zur “Koedukation” auch Freud noch 1910: “Mit der Koedukation habe man in Amerika nach dem Urteil Halls schlechte Erfahrungen gemacht, da die den Knaben in der Entwicklung voraneilenden Mädchen sich in allem überlegen fühlen und den Respekt vor dem männlichen Geschlecht verlieren. Dazu kommt noch, daß in Amerika das Vaterideal herabgedrückt erscheint, so daß das amerikanische Mädchen es zu der für die Heirat notwendigen Illusion nicht bringt.” - In: Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Hgg. Ernst Federn u. Hermann Nunberg, 4 Bde., Frankfurt/M. 1976–81, Bd. 3, S. 22.Google Scholar
  18. 20.
    Sigmund Freud, Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, in: GW X, S. 74.Google Scholar
  19. 21.
    Sigmund Freud, Briefe an Wilhelm Fließ 1887–1904, ungekürzte Ausg., Hg. J.M. Masson, Frankfurt/M. 1986, S. 503.Google Scholar
  20. 22.
    Vgl. Ronald W. Clark, Freud. The Man and the Cause, London 1980, S. 209 u. 424.Google Scholar
  21. 23.
    Vgl. Ernest Jones, Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Bd. Il, Bern 1962, S. 493.Google Scholar
  22. 24.
    Vgl. Helene Deutsch, Selbstkonfrontation, München 1975, S. 121ff.Google Scholar
  23. 26.
    Vgl. Tagebuch einer heimlichen Symmetrie. Sabina Spielrein zwischen Jung und Freud, Hg. A. Carotenuto, Freiburg 1986 (Sabina Spielrein I).Google Scholar
  24. 28.
    Robert Castel, Psychoanalyse und gesellschaftliche Macht, Kronberg 1976, S. 120. (Dank an Martin Stingelin, Basel!).Google Scholar
  25. 29.
    Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1981, S. 249ff.Google Scholar
  26. 32.
    Lou Andreas-Salomé, Ketzereien gegen die moderne Frau, in: Die Zukunft 26/1899, S. 237f.Google Scholar
  27. 36.
    Friedrich A. Kittler, Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1985, S. 291.Google Scholar
  28. 38.
    Vgl. die “Dora”-Analyse, passim u. etwa Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Eisexualität, StA 6, S. 194f.Google Scholar
  29. 41.
    Etwa Helene Böhlaus Halbtier (1899); als “Klassiker” dieses Genres: Gabriele Reuter, Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens, Berlin 11895 (!). - Die Multiplikatorenfunktion solcher Texte kann kaum überschätzt werden. Reuters Roman hat allein bis 1903 zwölf Auflagen erreicht.Google Scholar
  30. 42.
    Ein Paradebeispiel dafür, das eigentlich nur noch als schon ironische Kontrafaktur zu den Studien über Hysterie lesbar ist, hat Andreas-Salomé selbst 1898 mit ihrer Erzählung Eine Ausschweifung geliefert.Google Scholar
  31. 44.
    Vgl. Willi Emrich, Die Träger des Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main von 1927–1961, Frankfurt/M. 1963, S. 72.Google Scholar
  32. 45.
    Vgl. neuerdings Angela Graf-Nold, Der Fall Hermine Hug-Hellmuth. Eine Geschichte der frühen Kinder-Psychoanalyse, München 1988, S. 22ff. - Ferner zu Hug-Hellmuth Wolfgang Huber, Die erste Kinderanalytikerin, in: Psychoanalyse als Herausforderung. Festschrift Caruso. Hgg. Heimo Gastager u.a., Wien 1980, S. 125ff.Google Scholar
  33. 46.
    Hermine Hug-Hellmuth, Die libidinöse Struktur des Familienlebens, in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft 11/1924, S. 177. Vgl. dazu Freuds Äußerung zum Thema “Koedukation” und deren Folgen (Anm. 19).Google Scholar
  34. 48.
    Schriften zur angewandten Seelenkunde. Heft 25, Wen 1913.Google Scholar
  35. 49.
    Die biographischen Hintergründe zu diesem aufsehenerregenden Mordfall, der sich aufs engste mit der Debatte um die Psychoanalyse verband, ausführlich dokumentiert bei Graf-Nold (Anm. 45).Google Scholar
  36. 50.
    Vgl. das Geleitwort von Hug-Helimuth zur ersten Auflage des Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens, abgedr. in: Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens. Mit einem Vorw. v. Alice Miller neu hrsg v. Hanne Kulessa, Frankfurt/M. 1987, S. 15.Google Scholar
  37. 51.
    Vgl. zuerst Helene Deutsch (Anm. 24), S. 122ff.Google Scholar
  38. 52.
    Geleitwort zur dritten Auflage 1922 (Anm. 50), S. 21.Google Scholar
  39. 58.
    Hans Prinzhorn, Gespräch über Psychoanalyse zwischen Frau, Dichter und Arzt. Mit einem Nachw. hrsg. v. Bernd Urban, Frankfurt/M. 1981, S. B.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Rose-Maria Gropp

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