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Die Seele als Funktion des Körpers

Zur Seelenpolitik der Leipziger Universitätspsychiatrie unter Paul Emil Flechsig
  • Martin Stingelin

Zusammenfassung

Ein Blick in Jean-Martin Charcots Auditorium dokumentiert die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. „Der Saal, in welchem er seine Vorlesungen hielt, war mit einem Bilde geschmückt, welches den ‚Bürger‘ Pinel darstellt, wie er den armen Irrsinnigen der Salpêtrière die Fesseln abnehmen läßt“; die Szene „dieser humansten aller Umwälzungen“ (Freud 1893, S. 28–29) soll in der französischen Abteilung der Künste Hunderte von Besuchern der Pariser Weltausstellung von 1878 gefesselt haben:

Der geschichtliche Moment, der darin seine Darstellung fand, drängte gleichsam unbewusst seine Bedeutung der staunenden Menge auf. (...) An diesem Tage begann die Morgensonne einer bessern Zeit über Irre und Irrenwesen aufzugehen. Mit den Fesseln wurden der Aberglauben und die Barbarei, die mittelalterlichen Vorurtheile gesprengt. Der Irre wurde wieder ein Kranker und als solcher ein Gegenstand naturwissenschaftlicher Beobachtung, Untersuchung und Behandlung. (Wille, L., 1880, S. 19)

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Martin Stingelin

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