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Editorial

  • Friedrich A. Kittler
  • Manfred Schneider
  • Samuel Weber

Zusammenfassung

Eine alte akademische Regel verlangt von wissenschaftlichen Diskursen die Selbstrechtfertigung durch den Topos des Fehlens. Vorträge und Aufsätze, Bücher und Werke verhüllen ihren Status als Redeereignisse durch die paradoxe Beteuerung, daß ihnen seit langem ihr eigener Mangel vorausgeht. Dazu gehört jener Ruf des Erstaunens, der das vorgängige Ausbleiben der Rede zur Sache von Zufällen macht: „Wie merkwürdig, daß das, was ich hier mitteile, nicht längst schon gesagt worden ist!“ Die Logik, die solche Formeln auf die Lippen der Wissenschaftler treibt, orientiert das Wissen am Modell von Erzählungen, die eines Tages, nachdem alle Erkenntnisse getan und alle Lükken gefüllt sind, ihre vollständige Sättigung erreicht hätten. So müßte der Beginn dieses Editorials lauten: „Wie merkwürdig, daß die universitäre Wissenschaft es bislang versäumt hat, ihre eigene institutionelle Ordnung zu untersuchen.“

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Anmerkungen

  1. 1.
    Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1981, S. 173.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Max Lenz, Geschichte der königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin, 4 Bde., Halle/Saale 1910; 500 Jahre Eberhard-Karls-Universität Tübingen 1477–1977. Reden zum Jubiläum, Hg. im Auftrag des Universitätspräsidenten, Tübingen 1977; Beihilfe zur Erinnerung — 600 Jahre Universität zu Köln, Hgg. Wolfgang Blasche/Olaf Hensel/Peter Lebermann/Wolfgang Lindweiler, Köln 1988; Niklas Luhmann, Perspektiven für Hochschulpolitik. In: Soziologische Aufklärung 4, Opladen 1987, S. 216ff.Google Scholar
  3. 3.
    Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. - Berlin - Wien 1982, S. 13.Google Scholar
  4. 4.
    Foucault, Archäologie des Wissens (Anm. 1), S. 183ff.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Archäologie des Wissens, ebd., S. 75f., Die Ordnung des Diskurses (Anm. 3), S. 13. Vgl. auch Michel Foucault, Mikrophysik der Macht, Berlin 1976, S. 120.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. neben den erwähnten Arbeiten Foucaults den Vortrag von Jacques Derrida, The Principle of Reason: The University in the Eyes of its Pupils. Diacritics 1983, S. 3–20.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Die Idee der deutschen Universität: Die fünf Grundschriften aus der Zeit ihrer Neugründung durch klassischen Idealismus und romantischen Realismus. Hg. Ernst Aurich. Nachdruck der Ausgabe von 1956, Darmstadt 1964.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Friedrich Nietzsche, Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. In: Werke in drei Bänden, Hg. Karl Schlechta, München 1954–56, Bd. 3, S. 253.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Friedrich A. Kittler
  • Manfred Schneider
  • Samuel Weber

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