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Wege aus dem agnostizistischen Kulturrelativismus

  • Wolfgang Nieke
Part of the Reihe Schule und Gesellschaft book series (SUGES, volume 4)

Zusammenfassung

Wie bis hierher deutlich geworden sein sollte, ist die Gruppe der emphatischen Kulturrelativisten ziemlich klein. Die weitaus größere Gruppe derer, die allen Kulturen den gleichen Wert zusprechen, tut dies mit einem ausdrücklichen oder uneingestandenen Unbehagen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn auch viele derer, die grundsätzlich einen Relativismus der Kulturen zugestehen, zugleich nach Wegen suchen, aus diesem Kulturrelativismus wieder herauszufinden, da er ja nur solange zugestanden wird, wie keine allseits akzeptierten Gründe für eine universalistische Fundierung in Wert- und Orientierungsfragen vorhanden sind.

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Literatur

  1. 1.
    vgl. dazu Kopperschmidt 1980, besonders Kap. 3.1 Situative Geltungspro-blematisierung, S. 54 ff.Google Scholar
  2. 2.
    In diesem Zusammenhang wird die vorherrschende Familien- und Kollektivorientierung in den Familien, die aus Südeuropa zugewandert sind, oft als rückständig klassifiziert, als defizienter Modus einer universalen Weiterentwicklung auch derjenigen Herkunftskulturen, aus denen diese Familien entstammen. Dieses Argument trifft aber nicht, wenn der Vergleich nicht auf die Differenz von ländlichen und urbanen Lebenswelten geht, sondern auf Hoch-kulturen vergleichbarer Entwicklungsstufe.Google Scholar
  3. 3.
    Zitiert wird nach der Kurzfassung.Google Scholar
  4. 4.
    Allerdings findet sich der Gedanke von der in jedem Lebewesen angelegten Tendenz zur Entwicklung, Entfaltung und Steigerung bereits in Diltheys Psychologie. Nach der Zusammenstellung von König (1975, I, S. 106) sind bei Dilthey den drei Grundkategorien der psychischen Dynamik „Erhaltung, Fortpflanzung und Steigerung“ die individuellen Gefühlsdimensionen „Lebensfülle“ (vermutlich als Lebensfreude durch erlebte Lebensfülle), „Triebbefriedigung und Glück“ zugeordnet.Google Scholar
  5. 5.
    Das sieht auch Karl-Otto Apel so: „Die Signifikanz der wertend-verstehbaren und hierarchisch dijferenziernden Rekonstruktion der Ontogenese des moralischen Bewußtseins besteht offensichtlich darin, daß sie eine Alternative und ein Gegenargument zum ethischen Relativismus der empiristischen Kultursoziologie darstellt; denn die von Kohlbergs Theorie unterstellte, irreversible Reihenfolge (Sequenz) und wertmäßige Differenz (Hierarchie) der Stufen ist von vornherein, gemäß ihrer onto-genetischen Bedingtheit, als interkulturell invariant gedacht.“ (1988, S. 311)Google Scholar
  6. 6.
    Antje Linkenbach (1986) referiert die Grundgedanken dieser Kritik in ihrer Auseinandersetzung der auch von Habermas vertretenen Parallele zwischen individueller Entwicklung — intellektuell wie moralisch — und der Evolution von Gesellschaftsformen sowie die Vorwürfe von Ethnozentrismus bei den bisherigen Versuchen interkultureller Vergleiche zur Bestätigung von Piagets Stufenkonzept der kognitiven Entwicklung — was sich sinngemäß auf Kohlbergs Stufenkonzept der Moralentwicklung übertragen ließe — (besonders S. 80 und 98).Google Scholar
  7. 7.
    Lawrence Kohlberg, 1971: From Is to Ought: How to Commit the Naturalistic Fallacy and Get Away with it in the Study of Moral Development. In: Ders.: The Philosophy of Moral Development. San Francisco u. a.: Harper & Row 1981, p. 101–189Google Scholar
  8. 8.
    Die Kategorisierung dieser zwei Grundhaltungen zur Welt als „feldunabhängiger“ versus „feldabhängiger“ kognitiver Stil sind selbstverständlich sehr psychologisch gedacht und verkürzen damit den Blick auf das Gemeinte in vielleicht zu starker Weise. Für die Stützung der These, daß beide Grundhaltungen ihre Berechtigung haben und nicht in eine evolutionistische unilineare Fortschrittslinie einrangiert werden dürfen, würde es vermutlich zweckmäßiger sein, stärker darauf zu sehen, welche grundlegenden Deutungsmuster für den Umgang mit der Welt in diesen beiden Grundhaltungen handlungsorientierend sind. Ich kann dies hier nur andeuten, nicht weiter ausführen: Die mit „feldabhängig“ beschriebene Grundhaltung zur Welt läßt sich von einer Einstellung der Konvivialität im Umgang mit der Umwelt und der Mitwelt leiten; der Handelnde versucht, sich mit seiner Umgebung vorsichtig und schonend zu arrangieren und nur soweit einzugreifen, wie das erforderlich ist; in der gesuchten Kooperation mit den anderen werden diese respektiert, und die gemeinsame Anstrengung ermöglicht Leistungen, die dem einzelnen unmöglich wären. Die „feldunabhängige“ Grundhaltung orientiert sich an der Orientierung, eine grundsätzlich feindliche, aber auch als Objekt zu behandelnde Umwelt und Mitwelt zu bezwingen; ihren Ausdruck hat diese Orientierung neben vielen anderen in dem biblischen Wort „Macht euch die Erde Untertan!“ erhalten.Google Scholar
  9. 9.
    Durch die 1989 erfolgte Revolution in den Ländern des osteuropäischen Staatssozialismus mit der Selbstpreisgabe des real existierenden Sozialismus und einer darauf folgenden Orientierung an den ökonomischen und politischen Mustern der westlichen kapitalistischen und parlamentarischen Staaten ist diese Gefahr zunächst rasch geringer geworden, weil ein solcher Atomkrieg aus Versehen zwischen den großen Militärbündnissen in Ost und West danach ganz unwahrscheinlich geworden ist. Damit ist diese Gefahr aber noch nicht endgültig gebannt; denn einige Staaten der südlichen Welt sind energisch bestrebt, Atomwaffen als Optionen für kriegerische Auseinandersetzungen zu erhalten, und werden dieses Ziel bald erreicht haben. Dann entstehen voraussichtlich neue, gefährliche Konfliktkonstellationen innerhalb der südlichen Hemisphäre, aber wohl auch in Konfrontation mit der nördlichen Welt, und dabei wird die Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen mit ganz unkontrollierbaren Folgen für die globale Ökosphäre erneut gegeben sein. Gegenwärtig ist nicht erkennbar, daß es in dem mühsam geführten Nord-Süd-Dialog gelingen kann, eine solche neue Gefahrenkonstellation durch Verzicht auf Atomwaffen abzuwenden.Google Scholar
  10. 10.
    Hierzulande besonders viel rezipiert wurde in diesem Zusammenhang Dithfurth 1985; für die Pädagogik thematisieren Kern/Wittig 1982 die Gefährdung und ihre Rückwirkungen auf die Aufgaben von Erziehung und Bildung.Google Scholar
  11. 11.
    Diese Schreibung des Vornamens ist kein Versehen; Herman Nohl wählte sie bewußt, um einen Unterschied seines Namens zu dem seines Vaters herstellen zu können, der ebenfalls schriftstellerisch tätig gewesen war (vgl. Geissler 1979, 225).Google Scholar
  12. 12.
    Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen: 3. Aufl. 1968, S. 207Google Scholar
  13. 13.
    Max Weber, a. o. O.Google Scholar
  14. 14.
    Max Weber, a. a. O. S. 605Google Scholar
  15. 15.
    Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tübingen 1972, S.204Google Scholar
  16. 16.
    Allerdings verweist Schluchter in seiner Diskussion dieser Strukturhomologie ausdrücklich auf die entsprechende Differenzierung bei Durkheim (1979, S. 63).Google Scholar
  17. 17.
    Am dichtesten in: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft und die Grundlagen der Ethik. Zum Problem einer rationalen Begründung der Ethik im Zeitalter der Wissenschaft. In: Apel 1976, Bd. II, S. 358–435.Google Scholar
  18. 18.
    Kopperschmidt faßt diese von verschiedenen Autoren — Habermas, Apel, Perelman — vorgetragene Argumention zusammen (1980, 116).Google Scholar
  19. 19.
    Von einer dezidierten Position einer katholisch gebundenen Moralbegründung aus diskutiert Ludwig Kerstiens (1983) Wege der Moralbegründung, die solche argumentativen Stützungen ausdrücklich als möglich zulassen: so unterscheidet er sieben Wege der Begründung von Wertüberzeugungen: 1. Autorität, 2. Tradition, 3. Lebensmöglichkeit, 4. Konsens, 5. Wissenschaftliche Begründung als kritische Aufklärung und logische Deduktion, 6. anthropologische Begründung, 7. Glaube.Google Scholar

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  • Wolfgang Nieke

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