Minnesang im späteren 13. Jahrhundert

  • Winfried Frey
  • Walter Raitz
  • Dieter Seitz
  • Wolfgang Dittmann
  • Hartmut Kokott
  • Hartmut Kugler
  • Maria E. Müller
  • Hans-Herbert Räkel
  • Paul-Gerhard Völker

Zusammenfassung

Das Zitat der Kapitelüberschrift ist einem Gedicht entnommen, das unter dem Namen Geltar/Gedruts überliefert ist. Etwas lax übersetzt hieße es: Haut die Minnesänger, wo ihr sie trefft.1 Das ganze Lied lautet:

(KLD 13, II) Man singet minnewise da ze hove und inme schalle: so ist mir sô nôt nâch alder wât deich niht von frouwen singe. mir waern viere happen lieber danne ein krenzelîn. mir gaebe ein herre Iîbter sînen meidem ûz dem stalle dann obe ich alse ein waeher Flaeminc fûr die frouwen dringe. ich wil bî dem wtrte und bî dem ingesinde sîn. ich fliuse des wirtes hulde niht, bit ich in stner kleider: sô waere im umbe ein überigez hübschen michel leider. gît mir ein herre sîn gewant, diu êre ist unser beider. slahen ûf die minnesenger die man rûnen siht.

(Jetzt singt man am Hofe lärmend Minnelieder; mir dagegen fehlen so dringend alte, getragene Kleider, daß ich keine Lust habe, von vornehmen Damen zu singen. Vier Mäntel wären mir lieber als ein Kränzchen. Ein Herr gäbe mir eher seinen Hengst aus dem Stall, als daß ich mich wie ein flämischer Galan an die Damen heranmache. Ich will mich lieber bei dem Herrn und bei den Hofleuten aufhalten. Ich verliere das Wohlwollen des Hausherrn nicht, wenn ich ihn um seine (abgetragenen) Kleider bitte; übertriebenes Scharwenzeln dagegen wäre ihm sehr verhaßt. Gibt mir ein Herr seine getragene Kleidung, so ist dies für uns beide ehrenhaft. Haut die Minnesänger, die man jetzt schmeicheln hört).

Daß die dem Minnesang offensichtlich gesellschaftlich abverlangte Funktion, in die Normen höfischer Kultur einzuiiben, individuelle Fähigkeiten, Bedürfnisse und Affekte der Ritter zu modellieren und zu konditionieren, und daß das dieser Funktion vorauszusetzende soziale Selbstverständnis der Minnesänger nicht problemloser, nicht widerspruchsfreier Natur war, davon geben Walthers Lieder der sog. nideren minne, Hartmanns Unmutslied, verschiedene Lieder Morungens deutliches Zeugnis. Doch dies bleiben Einzelphänomene, die sich nicht systematisch durchhalten, weder im Werk des betreffenden Autors, noch als Kennzeichen der Gattung (vgl. dazu Grundkurs Bd. 1, S. 88ff. und S. 262ff.).

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literaturhinweise

  1. Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts, hg. von Carl von Kraus. Bd. 1 Texte; Bd. 2 Kommentar. Tübingen 1952–1958Google Scholar
  2. Die Schweizer Minnesänger, hg. von Karl Bartsch, Heidelberg 1886, Nachdruck 1964Google Scholar
  3. Ostdeutscher Minnesang, hg. von M. Lang und W. Salmen. Lindau 1958Google Scholar
  4. Die Lieder Neiharts, hg. von Siegfried Beyschlag. Darmstadt 1975 (mit Übertragungen)Google Scholar
  5. Epochen der deutschen Lyrik. Bd. 1. Von den Anfängen bis 1300, hg. Von Werner Höver und Eva Kiepe. München 1973 (mit Übertragungen)Google Scholar
  6. Der Tannhäuser. Die lyrischen Gedichte der Handschriften C und J, hg. Von Helmut Lomnitzer und Ulrich Müller. Göppingen 1973Google Scholar
  7. Ulrich von Lichtenstein. Mit Anmerkungen von Th. von Karajan, hg. von Karl Lachmann. Berlin 1841. Nachdruck Hildesheim/New York 1974Google Scholar
  8. Helmut de Boor: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Zerfall und Neubeginn. Erster Teil 1250–1350. (= Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. III, 1. 4. Auflage. München 1973)Google Scholar
  9. Alfred Karnein: Die deutsche Lyrik. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Bd. 8. Europäisches Spätmittelalter, hg. von Willi Erzgräber, Wiesbaden 1978, S. 303–329Google Scholar
  10. Hugo Kuhn: Des Minnesangs Wende. 2., vermehrte Auflage.Tübingen 1967CrossRefGoogle Scholar
  11. Karl Bertau: Neidharts ‚Bayerische Lieder‘ und Wolframs ‚Willehalm‘. In: ZfdA. 100, 1971, S. 296 ff.Google Scholar
  12. Thomas Cramer: Minnesang in der Stadt. In: Literatur — Publikum — Historischer Kontext, hg. von Gert Kaiser. Bern, Frankfurt, Las Vegas 1977, S. 91–108Google Scholar
  13. Winfried Frey: mir was hin ûf von herzen gâch. Zum Funktionswandel der Minnelyrik in Ulrichs von Lichtenstein,Frauendienst’ In: Euph. 75, 1981, S. 50–70Google Scholar
  14. Helke Jaehrling: Die Gedichte Burkharts von Hohenfels. Hamburg 1970Google Scholar
  15. Ewald K. Jammers: Das Königliche Liederbuch des deutschen Minnesangs. Eine Einführung in die sogenannte Manessische Handschrift. Heidelberg 1965Google Scholar
  16. Dieter Krywalski: Untersuchungen zu Leben und literaturgeschichtlicher Stellung des Minnesängers Steinmar. Diss. München 1966Google Scholar
  17. Hedwig Lang: Johannes Hadlaub. Berlin 1959Google Scholar
  18. Rena Leppin: Der Minnesinger Johannes Hadlaub. Diss. 1959Google Scholar
  19. Christa Ortmann, Hedda Ragotzky, Christelrose Rischer: Literarisches Handeln als Medium kultureller Selbstdeutung. Am Beispiel von Neidharts Liedern. In: Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1, 1976, S. 1–29CrossRefGoogle Scholar
  20. Herta-Elisabeth Renk: Der Manessekreis, seine Dichter und die Manessische Handschrift. Stuttgart 1974Google Scholar
  21. Christelrose Rischer: Zum Verhältnis von literarischer und sozialer Rolle in den Liedern Neidharts. In: Deutsche Literatur im Mittelalter. Hugo Kuhn zum Gedenken, hg. von Christoph Cormeau. Stuttgart 1979, S. 184–210Google Scholar
  22. Jürgen Schneider: Studien zur Thematik und Struktur der Lieder Neidharts. Göppingen 1976Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1982

Authors and Affiliations

  • Winfried Frey
  • Walter Raitz
  • Dieter Seitz
  • Wolfgang Dittmann
  • Hartmut Kokott
  • Hartmut Kugler
  • Maria E. Müller
  • Hans-Herbert Räkel
  • Paul-Gerhard Völker

There are no affiliations available

Personalised recommendations