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Zusammenfassung

Im folgenden sollen Deutungsmuster herausgearbeitet werden, die den bisher angeführten themenspezifischen Ansichten der Republikaner unterliegen und sie präformieren. Sie spielen dabei, ähnlich wie die biographischen Deutungsmuster von Schneider und Volkert, eine zentrale Rolle für die Wissenskonstitution der Republikaner und stellen gewissermaßen den Gegenentwurf zu dem (als erlitten erfahrenen) Deutungsmuster der Fremdbestimmung dar.

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Literatur

  1. 64.
    Diese Textstelle bezieht sich auf Ausländer, denen verschiedene Vergehen vorgeworfen werden (vgl. S. 31ff).Google Scholar
  2. 65.
    Eigentlich sind auch die Deutungsmuster ,Primat der direkten Erfahrung‘ und ,Der ganze Mensch‘ keine Deutungsmuster der Republikaner, sondern Deutungsmuster, die nur dem Interpreten bewußt als solche erscheinen. Die Relativität der direkten Erfahrung kann jemandem, der sie nicht kennt, auch nicht erklärt oder nahegebracht werden. Insofern sind diese Deutungsmuster weder Alltagswissen noch vorbewußtes Wissen der Republikaner selbst, sondern Kategorisierungen, die vom Interpreten an den Forschungsgegenstand herangetragen werden. Diese Kategorisierung ist im weiteren Sinne die Unterscheidung zwischen reflektierendem und nicht—reflektierendem Denken, die der Interpret selbst verwendet, und verweisen damit auf dessen Standortgebundenheit der Interpretation. Es handelt sich im Grunde um unterschiedliche Arten der Auffassung von Wirklichkeit, von Erkenntnisstilen im Milieu der Republikaner und im Milieu des Interpreten. Damit ist aber über die Funktionalität dieser Deutungsmuster für die Erfahrungskonstitution der Republikaner noch nichts ausgesagt (Vergl. dazu Bohnsack 1991, S. 186ff).Google Scholar
  3. 66.
    Volkert sagt dies über die Grünen, nachdem er erzählt hat, daß im Privatleben alle Leute gleich sind, und ich dann den Einwurf brachte, daß die Grünen „halt ganz andere Leute“ sind (Cm S3, 1.52–2.25). Dann ,philosophiert‘ er längere Zeit über die Vorteile und Nachteile der Politik der Grünen, bis ich ihn dann frage, ob er den die Grünen selbst kennt, weil er auf ihren Familienhintergrund verwiesen hat. Er sagt dann, daß er sie nicht persönlich kennt, aber „zwischen den Zeilen“ herausliest, daß sie etwas mehr Geld haben. Er erläutert sein Zwischen—den—Zeilen—lesen dadurch, indem er anführt, daß die Grünen es sich, wenn bei ihnen nicht soviel Geld dahinterstecken würde, nicht erlauben könnten im Bundestag zu Stricken oder ihre Kinder zu stillen (Cm S3, 4.17–4.25). Volkert geht also, entsprechend der ,einen Wahrheit‘, von einer allgemeingültigen Lebenswelt aus. Abweichungen davon identifiziert er durch den Vergleich mit seiner eigenen Lebenswelt. Diese Abweichungen sind für ihn aber nicht substantiell, sondern nur pathologisch. Die Grünen wissen nicht, was „hinter den Dingen steckt“, das heißt sie sind ‚blind‘ und können die eine Wahrheit nicht sehen.Google Scholar
  4. 67.
    Das Fenster des Nebenzimmers war gekippt und vor dem Schankstüberl fuhr in diesem Augenblick ein Auto mit quietschendem Keilriemen vorbei.Google Scholar
  5. 68.
    Diese eine Wahrheit, die unterdrückt wird, trägt sogar religiöse Züge. Erwin wurde nach einer Veranstaltung mit Schönhuber von einem „Chaoten“ angespuckt. Damit wurde er aber nicht nur persönlich angegriffen, sondern auch als Träger der einen Wahrheit. Diesen Angriff empfand er als so „entwürdigend“, daß er fast geheult hätte (Beobachtungsprotokoll vom 29.5.1989). Würde ist nun aber ein Begriff, der dem religiösen Bereich nähersteht, als dem politischen.Google Scholar
  6. 69.
    Die Identifikation Volkerts mit Schönhubers ist so eng, daß es sogar zu einer Vermischung der beiden Biographien kommt. Volkert zitiert Schönhuber und sagt: „und da hat der Schönhuber gesagt ... ich seh nicht ein, warum meine Kinder, die sind zwölf dreizehn Jahre, die haben mit dem Krieg nichts zu tun gehabt, ich genauso wenig da war ich noch gar nicht auf der Welt“ (Vergangenheitsbewältigung, 1.34–1.37). Volkert hat selbst einen Sohn im Alter von dreizehn Jahren, und Schönhuber war sehr wohl im Zweiten Weltkrieg schon geboren. Außerdem ist an dieser Stelle grammatikalisch nicht entscheidbar, ob sich Volkert hier mit den ,,ichs“ auf Schönhuber oder sich selbst bezieht.Google Scholar
  7. 70.
    Offensichtlich hat aber Hammer hier Probleme mit der ,Rollenvermischung‘, wenn er sagt, daß er „auf dieser Ebene“ nicht reden will. D. h., er teilt nicht den grundlegenden Erkenntnisstil der übrigen Anwesenden, was diese wiederum vermuten läßt, er sei keiner von ihnen.Google Scholar
  8. 71.
    Diese Frau hat in diesem Fall die Gemeinschaftlichkeit gefunden, die sie gesucht hat. Sie ,flirtet‘ später längere Zeit mit einem gepflegten älteren Mann, wobei dieser durch sein Sich—Einlassen auf diese Situation die Rollenvermischung seinerseits aufgreift (Beobachtungsprotokoll vom 16.11.1989).Google Scholar
  9. 72.
    Es dokumentiert sich hier im übrigen, daß auch die dezidierten Gegener der Republikaner, die Gegendemonstranten, offenbar das gleiche Politikverständnis und Rollenverständnis haben wie die Republikaner selbst. Das Anspucken zeigt, daß sie die politischen Auseinandersetzung auf der persönlichen Ebene ansiedeln.Google Scholar
  10. 73.
    Für Erwin läßt sich diese Rollenvermischung noch an mehreren Beispielen aufzeigen. Er versteht die Vorwürfe seiner Parteifreunde nicht, die ihn mit Bundeskanzler Kohl vergleichen, nur weil er genauso wie der Bundeskanzler Urlaub am Wolfgangssee macht. Er weist also den Vorwurf, er könne vorgeben, im Urlaub ein anderer sein, zurück, er ist ihm vollkommen unverständlich. Er sagt über die Republikaner, daß sie ganz normale Menschen und keine politischen Menschen sind, die hauptsächlich Ausflüge machen, bei denen überhaupt nicht über Politik geredet wird. Er selbst redet nur über Politik, wenn er gefragt wird, und dies auch nur, damit der andere nicht denkt, er traue sich nicht. Er trennt also zwischen normalen (sic!) Menschen und politischen Menschen, wobei die nicht—politischen Menschen die normalen Menschen sind und er pathologisiert damit einen politischen Menschen zu einem ,nicht—ganzen Menschen’. Gleichzeitig bringt er aber auch das Politische mit dem Ideal ,Sich—die—Wahrheit—sagen—trauen‘ zusammen. Er redet nur politisch, um dem anderen zu beweisen, daß er nicht feige ist. Damit wird aber das Politische diesem Zweck untergeordnet, oder andersherum ausgedrückt, politisch ist man dann, wenn man sich traut zu sagen, was man sich denkt und hat nichts mit Inhalten zu tun. Deshalb versteht er auch meine Frage, wann die Republikaner denn dann Politik machen, überhaupt nicht (Beobachtungsprotokoll vom 25.9.1989. Vgl. S. 9). 74 Zu dem Schluß, daß die ,nicht—ganzen Menschen‘, die für die Lüge in den Medien verantwortlich sind, nicht die Redakteure sind, sondern quasi ,eine Etage höher sitzen‘, kommt Schneider gerade weil er die Redakteure persönlich kennt. Die Ansichten, die er über Verantwortlichen in den Medien hat, werden also bei der Konfrontation mit der Realität nicht revidiert, sondern auf eine Ebene verlagert, auf der direkte Anschauung nicht möglich ist. Somit ist der Widerspruch aufgelöst, ohne daß das Konzept des ,ganzen Menschen‘ aufgegeben werden mußte bzw. dieses Konzept hilft auch derartige Widersprüche aufzulösen (siehe auch S. 30f).Google Scholar

Copyright information

© Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Peter Loos

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