Affekt und Erfahrung

  • Gerhard Schmidtchen

Zusammenfassung

Wenn wir von Erfahrung sprechen, dann ist mitgegeben, dass sie Zeit braucht. Serien von Ereignissen müssen erlebt und bestanden werden, ehe man von Erfahrung sprechen kann. Aber Erfahrung ist auch mehr als nur ein quasi-statistisches Registrieren, was in unserem Leben häufig ist und was selten vorkommt. Erfahren ist erst derjenige, der sich einen Vers auf die Folge der Ereignisse machen kann, der sie interpretiert und bei seinen künftigen Aktionen berücksichtigt. In der Erfahrung treffen sich zunächst also Zufall und Geist, aber die Menschen lieben nicht das Zufällige, so werden sie versuchen, aus ihren Erfahrungen zu lernen, um neue Erfahrungen zu konstruieren. Damit aber rücken Erfahrungen in den Bereich von Phantasie und Inszenierung. Wer etwas erfahren will, muss Vorkehrungen treffen, das heißt, er muss Zeit, Mittel und Organisation investieren; und ehe wir uns versehen, spielen sich die Erfahrungen in konstruierten Welten ab. Wenn wir neue Erfahrungen machen wollen, so erfordern sie Kraft und Zielstrebigkeit. Das merkt man insbesondere, wenn wir etwas lernen und einüben wollen, wenn es um neue berufliche Erfahrungen geht. Wissenschaftliche Erkenntnisse tragen dazu bei, dass die Voraussetzungen für Erfahrbares genannt werden können. Damit werden Serienerfahrungen in großem Maße organisatorisch beherrschbar. Aber ist es das eigentlich, was wir wollten? Geht darin gerade zugrunde, was wir an Erfahrung mit uns selber und mit anderen suchten? Wo ist noch Platz für Weltleidenschaft? Also noch einmal zurück zur unmittelbaren Objektbeziehung.

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  • Gerhard Schmidtchen

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