Die Produktion der regierbaren Person

  • Ekkehard Kappler

Zusammenfassung

Das Rechnungswesen im weitesten Sinne, mit all seinen Konzepten, Verfahren, Normen und Standards, Informationssystemen, Softwareprogrammen sowie Audits und Evaluierungen, aber auch seinen technischen Kommunikations- und Informationsinstrumenten ist immer schon „virtuelle Welt“ und war es zu allen Zeiten. Dennoch wird es vor allem als Mittel zur Machterhaltung eingesetzt. Rechnungswesen wird hier unter Bezugnahme auf einen Aufsatz von Miller/O’Leary mit Michel Foucaults Begriff der disziplinären Macht in Verbindung gebracht. Dabei erweist sich die Behauptung eines wertfreien, rationalen, neutralen, objektiven, a priori transparenten, ahistorischen und apolitischen Rechnungswesens wie Informations- und Wissensmanagements als nicht haltbar bzw. idealistisch bis ideologisch. Es kann gezeigt werden, dass das Rechnungswesen systematisch zur Etablierung disziplinärer Macht beiträgt, wenn seine Normen und Standards nicht als Konventionen erkannt, sondern als vermeintliche rationale Muster und Sachzusammenhänge individuell verinnerlicht werden, weil es interessenbezogen auffüllbare Worthülsen, wie z.B. Kosten, Leistung, Effizienz, Rationalität, Wirtschaftlichkeit, Ziele, Mittel, Entscheidung, Information, Prognose, Abweichung, Anreiz, Sanktion, institutionell verankert und als gesellschaftliches Steuerungsmuster unkritisch zu übernehmen gestattet, und weil es mit jeder Darstellung unvermeidbar das Dargestellte verändert sowie damit weitere Möglichkeiten von Veränderung schafft, die, falls sie nicht erwünscht sind, erneut eingegrenzt werden müssen. In Analogie zu Schrödingers Katze: Wann ist ein Unternehmen erfolgreich, erfolglos oder pleite? Wenn die Bilanz erstellt wird oder vorher oder nachher oder ganz unabhängig davon? Man denke nur an die Spekulationsgeschäfte mit ihren Möglichkeiten zur Realisierung oder nicht Realisierung von Gewinnen oder Verlusten oder an die globale Spielbank, die Kapitalmarkt heißt. Die Praxis als ziel- oder ergebnisdominierte Praxis versucht die Vielfalt der Möglichkeiten „zielbewusst“ auszuschließen, die Lehre vom Rechnungswesen häufig, diesen Ausschluss zu rechtfertigen.1 Erstaunlich deutlich wird bei der Betrachtung des Rechnungswesens, dass bei aller partiellen Veränderungen seiner Verfahren die Grundstruktur sich nicht geändert hat. Nach wie vor produziert und reproduziert es eine Ordnung von Kapital und Arbeit, in der die regierte wie die regierende Person nicht produzierende Veränderungen benennt und aufgreift, sondern die Benennungen reproduzierender Strukturen angreift oder verändert. Insofern ist die wissenschaftliche Betrachtung des Rechnungswesens noch weit von der Repräsentation an der Grenze des Repräsentierbaren und der Aufnahme seiner Potentiale entfernt.

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  • Ekkehard Kappler

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