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Normalistische Subjektivierung und Selbst-Normalisierung/Selbst-Adjustierung

  • Jürgen Link
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Part of the Historische Diskursanalyse der Literatur book series (HDL)

Zusammenfassung

Der von Hacking seit dem Beginn des 19. Jahrhundert konstatierten „Lawine von Zahlen“ entspricht eine nicht minder beeindruckende Datenflut über subjektive, ‘innere’ Ereignisse. Schon Pietismus und sogenannte „Empfmdsamkeitskultur“ hatten seit dem 17. Jahrhundert die Genres Brief, Tagebuch und Autobiographie zu Massenerscheinungen werden lassen. Aus juristischen, religiösen und literarischen „Geständnissen“ wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts das für die normalistischen Spezialdiskurse konstitutive Genre der „Fälle“ (exemplarisch für den Übergang ist wohl das Archiv für Erfahrungsseelenkunde von Karl Philipp Moritz). Das 19. Jahrhundert bringt nicht nur eine weitere quantitative Steigerung solcher „Geständnis“-Literatur (Foucault), sondern vor allem eine Systematisierung mit homogenisierender Wirkung. Psychiater und Sexualreformer beginnen, Viten systematisch zu erfragen, zu sammeln und en masse zu publizieren, wodurch Vergleichsfelder als Vorstufen zu Normalfeldern entworfen werden. Exemplarisch dafür sind die Fälle- und Vitenkorpora zu den „sexuellen Perversitäten“, denen Klaus Müller eine materialreiche und theoretisch mit der vorliegenden Untersuchung weitgehend kompatible Studie gewidmet hat230. Diese Korpora (exemplarisch Krafft-Ebing; s. Müller, 125ff., 203ff.) beruhen zwar meistens noch auf strikt ausgrenzenden, essentialistischen Rahmenideologemen, bereiten aber faktisch (schon allein durch ihre Menge) die Ablösung einer autonomen „Sexualität“ von der Fortpflanzungsfunktion sowie die Kontinuierung der Übergänge und die Gradualität eines Fächers von Abweichungen vor (so deutlich bei Krafft-Ebing; s. Müller, 125). Einen weiteren Schritt zur Homogenisierung als Voraussetzung für das Greifen normalisierender Taktiken bildet die aktive Massenverdatung der Subjektivität durch die Experten. Biographische Anamnesen und Tagebücher werden nicht länger der Spontaneität der Subjekte überlassen (die selbst bereits genügend stereotyp war) — sie werden mittels standardisierter Fragen ‘auf Linie gebracht’ und gehen dann bereits im 19. Jahrhundert in systematische Tests (s. Müller, 103ff., 261f.), Fragebögen (303) und Statistik (114) über. Selbstverständlich sind ausführliche autobiographische „Geständnisse“ und Verdatung per Fragebogen/Test nicht einfach identisch, wie es die Welle der „Betroffenheitsliteratur“ um und nach 1968, die sich ja meistens polemisch zum statistischen Normalismus verhielt, noch einmal emphatisch betont hat. Dennoch kann und muß man, wenn man den Normalismus insgesamt ins Auge faßt, von einer Art Kofunktion zwischen beiden Spielarten sprechen: Die „subjektiven Geständnisse“ wirken automatisch immer auch als Signale auf Bildschirmen (Coming-out-Effekt); es werden ihnen automatisch Positionen auf den statistischen Karten zugewiesen, die sie ihrerseits außerdem stets mit neuen Daten beliefern sowie vor allem ‘vermenschlichen und individualisieren’. So entstand aus dem Spiel beider Linien der innere Bildschirm mit seiner Kurvenlandschaft als eindimensionales Instrument subjektiver Orientierung und Adjustierung. Massenhafte ‘kalte’ (‘quantitative’, ‘objektive’) Verdatung und individuelle ‘warme’ (‘qualitative’, ‘subjektive’) Verdatung der Coming-out-Geständnisse sind zwei Seiten der einen normalistischen Medaille; das eine spiegelt das andere, und beides gemeinsam liefert die Basis sowohl für expertokratische Normalisierungen en gros wie für persönliche Selbstnormalisisierungen en detail.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

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  • Jürgen Link

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