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Auf dem Wege zu einer Theorie der Normalität: „nach“ Achtundsechzig

  • Jürgen Link
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Part of the Historische Diskursanalyse der Literatur book series (HDL)

Zusammenfassung

Georges Canguilhems Studien über Das Normale und das Pathologische 66 bilden die Grundlage jeder theoretischen und historischen Beschäftigung mit dem Normalismus. Nahezu alle einschlägigen Kategorien (von „Gleichgewicht“/„Homöostase“ über „Durchschnitt“ und „Gaußverteilung“ bis zu „Dispositiv“) finden sich zuerst bei ihm im Zusammenhang des Normalitäts-Konzepts detailliert entwikkelt67. Um so notwendiger ist es deutlich zu machen, worin seine Studien sich fundamental von einer diskursanalytischen Untersuchung unterscheiden. Für die Diskursanalyse Foucaults sind die Diskurse historisch spezifische Objekte, Materialitäten, die entsprechende reale Gegenständlichkeiten gemäß ihrem jeweiligen „historischen Apriori“ mit-konstituieren. Für Foucault kann es demnach keine überzeitliche Wahrheit über den Menschen und seine Kultur geben, an der besondere historische Diskurse als mehr oder weniger große Annäherungen oder Abweichungen gemessen werden könnten: Es gibt vielmehr lediglich historisch verschiedene Weisen des Wahrheit-Sagens (véridiction) mit ihrer jeweiligen Effektivität, soziale Gegenstände mitzukonstituieren. Demgegenüber fragt Canguilhem nach dem Normalen als einer überzeitlichen Realität — und er fragt durchaus auch, inwieweit z.B. Broussais oder Auguste Comte oder Claude Bernard sich einem entsprechenden ‘richtigen’ Begriff von Normalität angenähert haben. Konkret geht es Canguilhem um die Widerlegung des normalistischen Konzepts von Krankheit und Gesundheit. Diese Orientierung der Fragestellung ist prinzipiell auch in den zwanzig Jahre nach der Habilitation (Thèse) von 1943 zusätzlich publizierten Studien beibehalten, die dem ersten Text seitdem hinzugefügt wurden.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

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  • Jürgen Link

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