Advertisement

Die Fragestellung: Der Platz des Normalismus in modernen Kulturen. Die konstitutive Spannung zwischen fixistischem Protonormalismus und flexiblem Normalismus

  • Jürgen Link
Chapter
  • 508 Downloads
Part of the Historische Diskursanalyse der Literatur book series (HDL)

Zusammenfassung

Die bisherigen Annäherungsbewegungen an den Gegenstand der Untersuchung erlauben ein vorläufiges, umrißhaftes Zwischen-Resümee, das gleichzeitig als eine Art Arbeitshypothese die weitere Untersuchung orientieren soll: Sowohl diskursive Normalitäts-Komplexe wie operative Normalitäts-Dispositive treten teils in Spezialdiskursen, teils in interdiskursiven Zusammenhängen auf. Es kann sowohl ein ‘verhaltensauffälliges Kind’ mit bestimmten normalistischen Taktiken normalisiert wie das deutsche Volk dazu aufgerufen werden, sich nicht länger gegen die „Normalität“ zu sperren. Das Auftauchen solcher Diskurs-Komplexe und Dispositive in einem Spezial- oder Interdiskurs setzt offenbar jeweils zunächst die Etablierung eines „Normalfeldes“ voraus. Ein Normalfeld homogenisiert und kontinuiert eine bestimmte Menge von Erscheinungen innerhalb des Spezial- oder Interdiskurses, wodurch diese Erscheinungen als untereinander vergleichbare „Normaleinheiten“ konstituiert werden. Ein bei Rainald Goetz und anderen Literaten, vor allem aber in modernen okzidentalen Kulturen allgemein, außerordentlich paradigmatischer Fall wäre das Normalfeld der „geistigen Gesundheit“ (mental health) mit seiner Normalitätsgrenze und seinen anormalen Anschlußzonen (mental disease). Als besonders typisches Alltagsphänomen dieses Normalfeldes können die „Süchte“ gelten. Die Ordnung der Einheiten im Feld kann verschieden und vielfältig sein — entscheidend ist aber als nächster Schritt die Etablierung einer oder mehrerer „Dimensionen“ („Achsen“, „Linien“), auf denen Graduierungen, Skalierungen und Skalen errichtet werden können.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 44.
    Kurt Schneider, Die psychopathischen Persönlichkeiten (= PP),2. Aufl. Leipzig/Wien 1928 (1. Aufl. 1923), 2f.Google Scholar
  2. 45.
    Kurt Schneider, Klinische Psychopathologie (= KP),11. Aufl. Stuttgart 1976 (1. Aufl. 1946, Vorstufen seit 1935).Google Scholar
  3. 46.
    Bis hin zum rabiaten Vorschlag der „Kastration“ (PP,73).Google Scholar
  4. 48.
    Paul Bresser, Grundlagen und Grenzen der Begutachtung jugendlicher Rechtsbrecher ( Habilitations-Schrift ), Berlin 1965.Google Scholar
  5. 49.
    Paul Bresser, Das Gemüt. Eine Studie zu seiner Theorie, Psychologie und Anthropologie, Diss. (Masch.-Schr.) Düsseldorf (München) 1950. In dieser grotesken Kompilation aus Klages, Spranger, Lersch und Kurt Schneider werden die „Dichter“ explizit zur Hauptquelle erklärt (4, 21ff.). Das führt zu Kriterien wie diesen: „Innere Armut spricht immer für einen Mangel an Gemüt” (23) - „Der Gemütslose findet nirgends warmen Kontakt“ (33) - (Mutterliebe) „ist ein beispielhaft tiefes Erlebnis - tief in jedem Sinne. Rein formal ist sie insofern tief, als sie ganz und gar verwurzelt ist im elementarsten Lebens-und Erlebensgrund mütterlichen Wesens. Gemessen an der Tiefen-dimension des Gemütes ist sie gleichfalls ausgesprochen tief, wenn wir nämlich erkennen, dass die Mutterliebe ein edles und tiefes Gefühl ist, welches tief im Herzensgrunde ihres Gemütes schlummert und wirkt” (68). „Gemütlosigkeit“ (Vorsicht, Knast!) liegt überall dort vor, wo solcher „seelischer Tiefgang” fehlt (109). Insbesondere „Gemütsfeigheit“, definiert nach dem Nazibarden Kolbenheyer, hat ausgesprochen schlechte Karten (135).Google Scholar
  6. 50.
    Vgl. zum Verfahren der Matrizierung von „Charakter“-Dramen J.L., „Schillers Don Carlos und Hölderlins Empedokles: Dialektik der Aufklärung und heroisch-politische Tragödie”, in: ders., Elementare Literatur und generative Diskursanalyse,München 1983, 87–125.Google Scholar
  7. 52.
    Paul Bresser, Medizinische Psychologie (= MP), Berlin/New York 1979.Google Scholar
  8. 53.
    Tilman Moser, Repressive Kriminalpsychiatrie. Vom Elend einer Wissenschaft. Eine Streitschrift, Frankfurt/Main 1971.Google Scholar
  9. 54.
    In der Regel ist für den Minderbegabten eher die obere als die untere Grenze der angemessenen Strafe zweckmäßig und erfolgversprechend.“ (JR,88)Google Scholar
  10. 55.
    Es paßt zu dem Ausgeführten, daß Bresser in vorderster Front der Experten kämpfte, die sich den Haupttendenzen der Großen Strafrechtsreform von 1969/70 (1. Reformgesetz) und 1975 (2. Reformgesetz) zu widersetzen suchten (die man ihrerseits als normatives Aggiornamento an die inzwischen dominant gewordenen flexibel-normalistischen Tendenzen begreifen kann).Google Scholar
  11. 56.
    Im folgenden zitiert als SVM (Alfred C. Kinsey/Wardell B. Pomeroy/Clyde E. Martin, Das sexuelle Verhalten des Mannes,dt. Frankfurt/Main 1970) und SVF (Alfred C. Kinsey/Wardell B. Pomeroy/Clyde E. Martin/Paul H. Gebhard, Das sexuelle Verhalten der Frau,dt. Berlin und Frankfurt/Main 1954).Google Scholar
  12. 57.
    Kinsey spricht explizit von „biologisch normal“: z.B. SVM,462, 495.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Jürgen Link

There are no affiliations available

Personalised recommendations