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CENTRUM pp 64-69 | Cite as

Urbanisierung der Arbeit (II)

Löst die Wirtschaft die Stadt auf, um sich eine neue zu wählen?
  • Reinhart Wustlich

Zusammenfassung

Das virtuelle Modell, eine industrielle Entwicklungs- und Produktionseinheit, zu deren Betrieb unter gegenwärtigen Bedingungen 16.000 Mitarbeiter benötigt werden, eines Tages von nur sechs bis acht strategischen Köpfen und einer menschenleeren, automatisierten Fabrik betreiben zu lassen, beschreibt eine in der Konsequenz totalitäre Vorstellung gesellschaftlicher Verhältnisse. Es beschreibt eine Vorstellung der Reduktion von Komplexität, der Eingrenzung von Vielfalt und der Kanalisierung des Denkens, denn es unterstellt, daß sechs oder acht strategische Köpfe komplexer, vielfältiger, abwechslungsreicher und phantasievoller denken können als die 16.000 Menschen, die den Betrieb vertreten. Das Modell verdeutlicht, wie aus sinnlicher Arbeit ein abstraktes Konstrukt wird — das freilich einen ebenso entsinnlichten, reduzierten, eindimensionalen und abstrakten Markt für den Absatz seiner Produkte braucht. Und eine ebenso entsinnlichte, reduzierte, eindimensionale und abstrakte Stadt. Wer könnte diese Vorstellung als Sta-tus-quo-Prognose widerstandslos hinnehmen?

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Anmerkungen

  1. 1.
    Jürgen Habermas, Dialektik der Rationalisierung, a.a.O., S. 195Google Scholar
  2. 2.
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  4. 4.
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    Karl Marx, Deutsche Ideologie (mit Engels, 1845) zit. bei Jürgen Habermas, Die Krise des Wohlfahrtstaates und die Erschöpfung utopischer Energien, in: ders., a.a.O., S. 145 — Marx ging davon aus, „daß die Individuen sich die vorhandene Totalität von Produktivkräften aneignen müssen, um zu ihrer Selbstbetätigung zu kommen“— die Sennettsche Fragestellung, durch Arbeit zu Identität zu kommen -, die Marx nicht anders definiert denn als „die Aneignung dieser Kräfte“, die „weiter nichts“sei „als die Entwicklung der den materiellen Produktionsinstrumenten entsprechenden individuellen Fähigkeiten. Erst auf dieser Stufe fällt die Selbstbetätigung mit dem materiellen Leben zusammen, was der Entwicklung der Individuen zu totalen Individuen und der Abstreifung aller Naturwüchsigkeit entspricht.“Dem „weiter nichts“in Marx’ Definition liegt die systematische Wahrnehmung der noch handwerklich bestimmten Dynamik von Arbeitsteilung, räumlicher Differenzierung und deren Folgen zugrunde, die zeitbedingt und nur begründet ist, wenn dem Verständnis von Arbeit ein weitgehend (im Bezug auf die eintretende Mechanisierung, die erst achtzig Jahre später voll ausgeprägt ist) vormoderner, traditioneller Begriff zugrundeliegt, der 1845 gang und gäbe war.Google Scholar
  10. 10.
    Jürgen Habermas, Dialektik der Rationalisierung, in: ders., a.a.O., S. 200Google Scholar
  11. 11.
    vergl. dazu Karl Ganser, Neue Arbeit in alten Gehäusen, in diesem Jahrbuch, 50Google Scholar
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Copyright information

© Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Reinhart Wustlich

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