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Von der Buße zur Beratung. Über Risiken professionalisierter Seelsorge

  • Rainer Schützeichel

Zusammenfassung

Mit den Begriffen „Säkularisierung“, „Pluralisierung“, „Privatisierung“oder „Individualisierung“werden oftmals die Prozesse bezeichnet, die kennzeichnend für die Entwicklung von Religion in der modernen Gesellschaft sind. Nicht nur für die Religionssoziologie steht fest, dass die Religion einen Funktionsverlust erlitten hat und auf bestimmte Kernfunktionen reduziert worden ist. Die christlichen Kirchen sehen sich zudem zunehmend der Konkurrenz anderer Religionen und einem religiösen Markt ausgesetzt, auf dem die Nachfrage das religiöse Produkt bestimmt. Immer mehr greift auch in den Kirchen der Dienstleistungsgedanke um sich. Gläubige verstehen sich als Kunden und Konsumenten, die bestimmte Leistungen mit bestimmten Gegenleistungen honoriert wissen wollen. Die Kirchen befinden sich im Wandel von einer Heils- und Lebensgemeinschaft hin zu einem Dienstleistungsunternehmen (Dubach 1993), das weder nach außen noch nach innen Glauben dekretieren kann (Tyrell 1996). Religiöse Überzeugungen werden immer mehr der Tradition entzogen. Dies führt zu einer Privatisierung von Religion dann, wenn sich religiöse Menschen von den etablierten Kirchen abwenden. Die Religion wird unsichtbar (Luckmann 1991). Und dies führt zu einer Individualisierung von Religion, wenn religiöser Glaube immer mehr zu einer Sache der individuellen Entscheidung und des individuellen Räsonnements wird.

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  • Rainer Schützeichel

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