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Das sich ereignende Selbst

oder Die Kontingenz des Kontingenten im photographischen Werk Urs Lüthis
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Part of the Edition Voldemeer book series (VOLDEMEER)

Zusammenfassung

Die Auffassung des Kontingenten als das Mögliche und gleichzeitig nicht Notwendige01 scheint mit dem Selbstporträt, das gemeinhin als authentischer, wesensmäßiger Ausdruck künstlerischer Autorschaft verstanden wird, nicht vereinbar zu sein. Schließt dieses doch in erster Lesart jenes Dritte zwischen Beliebigkeit und Notwendigkeit aus, als welches die Herausgeber dieses Buches „Kontingenz“ zur Diskussion stellen.02 Andererseits bietet sich gerade das Selbstporträt als künstlerische Gattung, mit der das „Sich-Ereignen“ —„contingere“ — des Selbst bildkünstlerisch umgesetzt wird, für die Thematisierung und Visualisierung des weder zwingend Notwendigen noch des per se Unmöglichen eines auktorialen Ich geradezu an. Schon in Werken des Quattro-und des Cinquecento — zu einer Zeit, als sich das Selbstbildnis als autonome Kunstgattung im südlichen wie nördlichen Europa etablierte03 — wurde diese Problematik aufgegriffen und selbstreflexiv in Bezug auf Autorschaft, soziale Rolle, Kunstmedium oder Kunsttheorie zur Diskussion gestellt. So präsentiert sich beispielsweise die Cremoneser Künstlerin Sofonisba Anguissola (1532–1625) auf ihrem Selbstbildnis der Pinakothek von Siena von 1559 (Abb. 0I) als Porträtbild ihres früheren Lehrmeisters Bernardino Campi. Dieser steht vor der Staffelei mit dem leicht erhöht platzierten Konterfei seiner Meisterschülerin, an das er auf deren Brust- und Herzhöhe letzte Hand anlegt. Dabei lässt Anguissola in der Schwebe, wer von beiden — Lehrmeister oder Schülerin — tatsächlich den untet der rechten Hand Campis durchgeführten Malstock führt.04
Abb. 0I

Sofonisba Anguissola, Bernardino Campi malt Sofonisba Anguissola, um 1559, Öl auf Leinwand, 111 × 109,6 cm, Siena, Pinacoteca Nazionale.

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Literatur

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