Auszug
Zunehmende Industrialisierung gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts führte zu einem ersten artikulierten, gestiegenen Bedarf an professionellem Management. Tayloristische1 Organisationen, die meist anonyme Massenmärkte bedienten, verlangten nach einer effizienten Steuerung durch ‚gelernte‘ Manager. Als Antwort auf diese Situation entstand zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die Betriebswirtschaftslehre, die als praktischnormative ‚Kunstlehre‘ das damals relevante Steuerungswissen zur Unternehmensführung abbildete. Deren von einem mechanistischen und rationalen Grundverständnis geprägten Methoden und Konzepte wie Wissenschaftliche Betriebsführung, Klassische Organisationslehre, Bilanztheorien usw. brachten den in relativ stabilen Umwelten2 agierenden Unternehmen erhebliche Effizienzgewinne. Heute wiederum entsteht ein zweiter signifikanter Bedarf an Professionalisierung von Führung: Steigende Zunahme von Dynamik und Komplexität in den Unternehmensumwelten — beispielsweise bedingt durch die Globalisierung, die zwangsweise in einem Verdrängungswettbewerb endet, demografische Entwicklungen mit erheblichen Implikationen für Absatz und Personalmärkte, veränderte persönliche Wertemuster, sich verschiebende Branchengrenzen und andere Tendenzen — haben zu einer Situation geführt, wo ‚klassische‘ Management- und Steuerungskonzepte nicht mehr in ausreichendem Umfang greifen. Es wird offensichtlich, dass Unternehmen als soziale Systeme (im soziologischen Sinne) ein deutliches Eigenleben entwickeln. Als nicht-triviale Maschinen3 reagieren sie auf Lenkungseingriffe in der Regel nicht länger prognostizierbar (beispielsweise erkennbar bei Projekten der Unternehmenskulturveränderung), sondern sie können für überraschungen sorgen. Die Führung von solchen ‚komplex’4 zu nennenden Systemen kann nicht erfolgreich durch die kontinuierliche Weiterentwicklung tayloristisch orientierter Führungsinstrumente erfolgen, sondern nur auf Basis eines neuen Grundverständnisses professioneller Führung.
Preview
Unable to display preview. Download preview PDF.
Literatur
- 1.Siehe hierzu z.B. Alfred Kieser (Hrsg.), Organisationstheorien, 5. Auflage, Stuttgart, Kohlhammer 2002, S. 65–99. Eine Organisation wird in dieser Perspektive wie eine klassische Maschine betrachtet, deren Effizienz vor allem auf widerspruchsfreier, logischer, ingenieuersmäßiger Gestaltung beruht.Google Scholar
- 4.Zur Abgrenzung komplex/kompliziert siehe insbesondere Matthias Wiemeyer/ Gerhard Wohland, Denkwerkzeuge für dynamische Märkte — ein Wörterbuch, Münster, Monsenstein und Vannerdat, Edition Oktopus 2006, S.171–173.Google Scholar
- 5.Vgl. osb business navigator, osb International Consulting AG, Wien, www.osb-i.comGoogle Scholar
- 6.Siehe z.B. Fredmund Malik, Führen Leisten Leben — Wirksames Management für eine neue Zeit, Stuttgart und München, Deutsche Verlagsanstalt 2000.Google Scholar
- 7.Siehe hierzu insbesondere die Diskussion bei Wiemeyer/ Wohland a.a.O., S. 25–31.Google Scholar
- 9.Siehe hierzu beispielsweise Joachim Bauer, Warumich fühle, was du fühlst — Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone, Hamburg, Hoffmann und Campe 2005; Joachim Bauer, Prinzip Menschlichkeit — Warum wir von Natur aus kooperieren, Hamburg, Hoffmann und Campe 2006; Manfred Spitzer, Lernen — Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg und Berlin, Spektrum 2002; Manfred Spitzer, Selbstbestimmen — Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun?, Heidelberg und Berlin, Spektrum 2004; Gerald Hüther, Die Macht der inneren Bilder — Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2006.Google Scholar
- 11.Siehe z.B. Klaus Götz/ Heiko Hilse, Führen über Fünfzig, in: Klaus Götz, Führungskultur — Die individuelle Perspektive, München und Mehring, Hampp 1999, S. 75–91.Google Scholar
- 13.Siehe insbesondere auch das Konzept der „Interpersonalen Kompetenz“ bei Heinz K. Stahl, Stützen des Unternehmens, in Havard Business Manager, April 2004, S. 32–33.Google Scholar
- 14.Siehe hierzu Oswald Neuberger, Führen und führen lassen: Ansätze, Ergebnisse und Kritik der Führungsforschung, Stuttgart, Lucius und Lucius 2002, S. 680–729.Google Scholar
- 16.Siehe hierzu Stahl, a.a.O., S. 33–34.Google Scholar
- 17.Siehe z.B. Rudolf Wimmer, Führen: eine kollektive Leistung, in Unternehmensentwicklung, Mai/Juni 2001, S. 10–11.Google Scholar
- 18.Siehe z.B. Rolf Th. Stiefel, Förderungsprogramme — Handbuch der personellen Zukunftssicherung im Management, Leonberg, Rosenberger 2003.Google Scholar
- 19.Siehe hierzu Michael E. Porter/ Jay W. Lorsch/ Nitin Nohria, Was erwartet Sie hinter Tür Nummereins?, in Harvard Business Manager, April 2005, S. 109–120.Google Scholar