Zwischen Befreiung und Typisierung. Zur Problematik von Geschlechtsidentität und Gruppenrechten

  • Beate Roessler
Part of the Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 2)

Zusammenfassung

In der gegenwärtigen feministischen Philosophie kann man einen grundlegenden Konflikt erkennen, einen Konflikt, der auf der Gegensätzlichkeit zweier theoretischer Konzeptionen beruht: die erste Konzeption, die ich im Titel abkürzend mit „Befreiung“ und „Geschlechtsidentität“ bezeichnet habe, behauptet, daß nicht nur das soziale, das gender, sondern auch das biologische Geschlecht — sex —, also die Zweigeschlechtlichkeit von Frau und Mann, und damit die Binarität der Geschlechtsidentitäten grundsätzlich und ausschließlich kulturell konstruiert sei; folglich sei die richtige Emanzipationsstrategie von Frauen zur Befreiung von diesen Geschlechtsidentitäten die „Dekonstruktion“ der Kategorien selbst, ihre permanente Infragestellung und Kritik, ihre permanente „Subversion“, wie Judith Butler dies nennt. Die zweite Konzeption, auf die ich im Titel mit den Begriffen „Typisierung“ und „Gruppenrechte“ verwiesen habe, behauptet demgegenüber, daß für die Emanzipation von Frauen die Sicherung gleicher Rechte und Freiheiten konstitutiv sei; um Frauen als Frauen Rechte zu sichern, ist es folglich notwendig, Frauen als Gruppe zu klassifizieren und zu typisieren, also gerade an der Binarität der Geschlechtsidentitäten festzuhalten. Damit stehen wir jedoch, jedenfalls auf den ersten Blick, vor zwei kontradiktorischen Thesen: die erste behauptet, für die Emanzipation von Frauen seien Rechte notwendig, die ihnen spezifisch als Frauen im Gegensatz zu Männern zukommen und für deren Einklagen die Typisierung von Frauen als Frauen notwendig bleibt. Und die zweite These behauptet, daß es für die Emanzipation von Frauen notwendig sei, die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit als genau das: nämlich Konstruktionen im Dienste von Macht- und Dominanzstrukturen zu durchschauen und sie zu überwinden, also sich gerade von jeglicher Typisierung zu befreien, da diese Typisierung unauflöslich mit der Hierarchisierung zwischen Männern und Frauen verbunden sei und jede Typisierung deshalb, ob sie wolle oder nicht, diese Hierarchisierung weiter fortschreibe.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1996

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  • Beate Roessler

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