Zusammenfassung
Obwohl sich die Lesarten sowie die Bewertungen von Durkheims Werk enorm voneinander unterscheiden, kann in diesen Beurteilungen unschwer eine Gemeinsamkeit festgestellt werden: Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist das „Grundthema der Lehre Durkheims“ (Aron, 1967, 30).167 Dies ist selbstverständlich kein Grund dafür, sich über dieses „Theoriemotiv schlechthin“ (Luhmann, 1988, 31) einig zu sein: So wirft Adorno beispielsweise Durkheim vor, das Individuelle willentlich zu vernachlässigen, während Fauconnet seine Theorie sogar als „individualistisch“ bezeichnet.168 Dieses Verhältnis wird z.T. mit der zentralen Dimension „Moral“ erweitert.169 König (1978, 134) spricht in diesem Zusammenhang vom „Dreieck von PersonKultur-Gesellschaft“, worin er die Problematik Durkheims einzuordnen versucht.170
Preview
Unable to display preview. Download preview PDF.
Literatur
- 166.Durkheim ([1898] 1970, 275).Google Scholar
- Vgl. Filloux (1970, 18fí) sowie Parsons (1967). Zur Aktualität des Werkes vgl. Alexander (1988) und Mestrovic (1991). Vgl. auch die polemische Kontroverse zwischen Adorno (1985), der insgesamt eine sehr negative Beurteilung abgibt, und dem eher Durkheim positiv gesinnten König (1978).Google Scholar
- 168.Vgl. Adorno (1985, 18) und Fauconnet (1984, 12).Google Scholar
- 169.Zur zentralen Rolle der Moral vgl. auch Gephart (1990), König (1976), Luhmann (1988) und insbesondere Müller (1991).Google Scholar
- 171.Vgl. Fauconnet (1944, 12 und 33).Google Scholar
- 172.Zur Kontroverse über die Veränderungen bzw. den Bruch im Werk Durkheims vgl. Parsons (1967), König (1976 und 1978), Filloux (1970) und Alexander (1988).Google Scholar
- 173.Eine soziale Tatsache, d.h. das “was ist”, kann beobachtet werden. “Was sein soll” gehört nicht mehr zur Wissenschaft, folgt aber direkt aus ihr. Der spätere (metaphysischere) Durkheim hat sich allerdings auch mit dem “Sollen” auseinandergesetzt. Zum Gegenstand der Soziologie vgl. auch Durkheim ([1897] 1991, 360ff), zur Methode vgl. König (1991).Google Scholar
- 174.Vgl. Durkheim ([1902] 1975, 53).Google Scholar
- 175.Vgl. Durkheim ([1888] 1981, 55).Google Scholar
- 176.Vgl. Durkheim ([1887–88] 1981, 47; [1895] 1991, 169; [ 1900 ] 1975 ).Google Scholar
- 177.Das Organ verändert sich mit der Zeit, seine Funktion bleibt erhalten. Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 176ff). Die Struktur ist die konsolidierte Funktion, “die zur Gewohnheit gewordene Handlung, die sich kristallisiert hat” (Durkheim, [1887–88] 1981, 48). Die “Kristallisationsarten” können sich mit der Zeit verändern.Google Scholar
- 179.Ich verzichte im folgenden auf die deutsche Übersetzung “Kollektivbewusstsein”, da in diesem deutschen Begriff die Bedeutung von “Gewissen”, die mir entscheidend erscheint, nicht enthalten ist. Vgl. auch Müller, Schmid (1988, 491).Google Scholar
- 180.Vgl. auch Müller (1988, 142).Google Scholar
- 181.Durkheim distanziert sich in diesem Punkt bewusst von Hobbes und Rousseau, die die Gesellschaft als ein “künstliches Produkt”, als einen “Willensentschluss” einzelner Menschen betrachtet haben. Vgl. Durkheim ([1887–88] 1981, 28).Google Scholar
- 182.Vgl. auch Durkheim ([1900–1905a] 1975, 464).Google Scholar
- 183.Vgl. Durkheim ([1925] 1984, 42ff).Google Scholar
- 184.Vgl. Durkheim ([1898] 1985, 77).Google Scholar
- 185.Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 94; [ 1898 ] 1985, 71 ).Google Scholar
- 186.Dieser Gedanke ist fast in allen Schriften Durkheims enthalten. Vgl. z.B. Durkheim ([1897] 1991, 373; [1925] 1984, 111ff und 131).Google Scholar
- 187.Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 108; [ 1925 ] 1984, 113 ).Google Scholar
- 188.Neben den Menschen sind auch Dinge (Stil-und Kunstrichtungen, Verkehrswege usw.) Bestandteile des Sozialen. Vgl. Durkheim ([1897] 1991, 365 ).Google Scholar
- 189.Vgl. Durkheim ([1897] 1991, 372; [1914] 1970, 318; [1925] 1984, 118ff). Dieser Widerspruch setzt sich in der Rezeption fort: So betont beispielsweise Adorno (1985) den gegensätzlichen Charakter dieser Beziehung, während König (1978) von Komplementen spricht.Google Scholar
- 190.Denn: “la morale est une fonction sociale” (Durkheim, 1895, 522).Google Scholar
- 191.So wie im Handeln die Gesellschaft durch Moral das Individuum beeinflusst, so beeinflusst im Denken die Gesellschaft durch Logik das individuelle Denken: Die Aprioris, die Kategorien des Denkens stammen für Durkheim ebenfalls vom sozialen Milieu. Moral und Logik verlaufen also parallel und analog (beides wird allerdings erst in den entwickelten Gesellschaften explizit spürbar). Vgl. Durkheim ([1903] 1993; [1912] 1994).Google Scholar
- 192.Zur Kongruenz von Solidarität und Moral vgl. auch Luhmann (1988, 24ff).Google Scholar
- 193.Insgesamt herrscht allerdings Unklarheit über diese Begriffe, da Durkheim sie unterschied- lich gebraucht und nirgends explizit definiert. Vgl. auch Müller, Schmid (1988, 511ff).Google Scholar
- 194.Vgl. Durkheim ([1925] 1984, 121).Google Scholar
- 195.Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 100ff).Google Scholar
- 196.Vgl. auch Durkheim ([1900] 1975, 28f; [1912] 1994, 566f; [1913–14] 1993, 165f; [1914] 1970, 329f; [1924] 1985, 362). Zum Verhältnis von Individualisierung und Sozialisierung vgl. Fauconnet ( 1984, 12 ).Google Scholar
- 197.Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 202f; [ 1924 ] 1985, 87 ).Google Scholar
- 198.Vgl. auch König (1991, 60ff) und Durkheim ([1925] 1984, 137).Google Scholar
- 199.Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 186; [ 1897 ] 1991, 281 ).Google Scholar
- 201.Vgl. Durkheim ([1924] 1985, 84ff; [1925] 1984, 133ff).Google Scholar
- 202.Hier nehmen die Sanktionen die Gestalt von “Gewissen” an und sind daher nicht so sichtbar: “… wenn unser Gewissen spricht, spricht die Gesellschaft in uns” (Durkheim, [1925] 1984, 138).Google Scholar
- 203.Vgl. Durkheim ([1912] 1994, 358).Google Scholar
- 204.Vgl. auch Durkheim ([1914] 1970, 315 ). Der frühere Durkheim spricht von kollektiven und individuellen “representations”, welche die entsprechenden “consciences” bilden, der spätere Durkheim hingegen von “Seele und Körper”. Dies wird weiter unten eingehender expliziert.Google Scholar
- 205.Vgl. Durkheim ([1913] 1975, 30ff; [1914] 1970, 316ff und 330ff).Google Scholar
- 206.So sucht er beispielsweise im Totemismus das Wesen der Religion. Seine Bemühungen gehen so weit, dass er nicht nur die Wissensinhalte, sondern auch die Formen des Erkennens (Raum, Zeit etc.) sozial begründet. Vgl. auch Joas ( 1993, 267 ).Google Scholar
- 207.Vgl. Durkheim ([1887–88] 1981, 35f; [1895] 1991, 119 und 173).Google Scholar
- 210.Später revidiert und differenziert Durkheim seinen Begriff der Dichte leicht. Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 196 ).Google Scholar
- 211.Vgl. Durkheim ([1950] 1991, 90).Google Scholar
- 212.Innerhalb des Individuums ist der “individuelle” Teil nicht mehr deckungsgleich mit dem “sozialen” Teil. Vgl. Durkheim ([1903] 1993, 174).Google Scholar
- 214.Vgl. Durkheim ([1898] 1970, 271; [1914] 1970, 318; [ 1925 ] 1984, 44 ).Google Scholar
- 215.Vgl. Durkheim ([1902 (118931] 1988, 478).Google Scholar
- 216.Es ist, so Durkheim, der “Individualismus” von Kant und Rousseau, der in die Praxis eingedrungen ist. Vgl. Durkheim ([1898] 1970, 264ff).Google Scholar
- Vgl. Durkheim ([1950] 1991, 88). Selbst der “Individualismus” ist vom jeweiligen Milieu gefärbt. Vgl. auch Durkheim ([1924] 1985, 123).Google Scholar
- 218.Vgl. Durkheim ([1898] 1970, 274; [ 1950 ] 1991, 102 ).Google Scholar
- 219.Das ist für Durkheim auch ein Grund, weshalb die (vermehrt gegen Individuen gerichteten) kriminellen Taten milder bestraft werden: Als Mensch erweckt die kriminelle Person Gefühle des Mitleids bei ihren Mitmenschen. Vgl. Durkheim (1899–1900, 90f).Google Scholar
- Vgl. Durkheim ([1925] 1984, 53). Durkheim beschäftigt sich v.a. im Buch “Physik der Sitten und des Rechts” ([1950] 1991) mit der Rolle von Sekundärgruppen und von politischen Gruppen für die Integration des Individuums in der Gesellschaft. Das Individuum ist von verschiedenen sekundären Gruppen (Familie, Berufsgruppe, Vaterland etc.) umkreist, die sich zwischen ihn und die Gesellschaft stellen. Da sich dabei nichts Wesentliches am Verhältnis ändert, berücksichtige ich diese Zwischengruppen nicht. Gesagt sei nur dazu, dass der Staat, als Gehirn der Gesellschaft im Inneren des Landes, für Moral zu sorgen hat. Indem er “partikularistische Ausschreitungen” seitens der sekundären Gruppen verhindert, fördert er die “Emanzipation des Individuums”. Seine Entwicklung fördert die individuellen Rechte. “Plus l’Etat devient fort, actif, plus l`individu devient libre. C’est l’Etat qui le libère” (Durkheim, [1900–1905b] 1975, 178).Google Scholar
- 222.So hatte er in jungen Jahren zum Thema Freiheit noch folgendes geschrieben: “Die Frage, ob der Mensch frei sei oder nicht, ist ohne Zweifel von Interesse, aber sie hat ihren Platz in der Metaphysik, und die Naturwissenschaften können und müssen daran desinteressiert sein” (Durkheim, [1887–88] 1981, 30). Das ganze Universum ist determiniert, nur sind die Schranken beim Menschen moralischer Art. Es geht darum, sie zu kennen und fruchtbar zu machen. Vgl. Durkheim ([1895] 1991, 101 und 107; [1897] 1991, 287).Google Scholar
- 223.Die parallele Entwicklung zwischen Moral (im Handeln) und Logik (im Denken) wurde schon weiter oben angedeutet (vgl. Fussnote 191). Die Kultfolge Totem-Götter-Individuum ist von einer Abstraktionszunahme und Universalisierung gekennzeichnet: Dadurch werden die Kulte immer moralischer, weil sie immer umfassender bzw. sozialer werden. Ähnliches gilt auch für die Wahrheit, die immer differenzierter, toleranter und kollektiver wird. Vgl. Durkheim ([1903] 1993 ).Google Scholar
- 224.Vgl. Durkheim ([1912] 1994, 574 und 594; [1925] 1984, 66f und 119f; [ 1950 ] 1991 ).Google Scholar
- 225.Vgl. Durkheim ([1925] 1984, 106).Google Scholar