Soziale Differenzierung pp 42-67 | Cite as
Die Neutralität gesellschaftlicher Gewalt und die Wahrheit der Unterscheidung
Zusammenfassung
Stellen wir uns — in rein analytischer Absicht — die mittelalterliche Gesellschaft Europas unter dem Begriff des corpus christianum als einheitlich, als „undifferenzierte“ Einheit vor1, so können wir die auf die Reformation folgende Sondereng von Staat und Kirche als erste große soziale Differenzierung im werdenden modernen Europa auffassen2. Meist findet als Resultat der Sonderung nur eines der beiden nunmehr „ausdifferenzierten“ Gebilde Beachtung, indem von „der Entstehung des modernen Staates als einer — von den sich bekämpfenden Konfessionen distanzierten — säkularen Friedens- und Herrschaftsordnung aus eigenem, unabgeleitetem Recht“ gesprochen wird3. Was aber enthält das „eigene, unabgeleitete Recht“ des Staates, wenn es durch die Distanzierung von der in Konfessionen zerfallenden Kirche bedingt und von einem in der Distanzierung liegenden Verzicht abgeleitet ist? Inder Beantwortung dieser Frage kann geklärt werden, in welchem Sinn und mit welchem Recht die Trennung von Staat und Kirche als „Differenzierung“ begriffen wird. Differenzierung enthält drei Momente. Die Differenz der neuen Gebilde zu sich im alten Zustand, in dem sie Teile einer ungeschiedenen Einheit waren, die Bestimmtheit ihrer relativen Selbständigkeit gegeneinander und ihre (relative) Identität mit dem alten Zustand.
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