Privatheit im öffentlichen Raum pp 27-87 | Cite as
Vom gewandelten Sinn für das Private
Zusammenfassung
An Wortmeldungen war kein Mangel. Die unbekümmerte Schamlosigkeit, mit der das Fernsehen laienhafte Selbstdarsteller durch ein Arrangement totaler Beobachtung dem Blick eines Millionenpublikums verfügbar gemacht hat, löste eine intensive gesellschaftliche Diskussion aus. An dieser Diskussion haben sich kommunikations- und medienwissenschaftlicher Experten rege beteiligt. Die Unterhaltung der Massen mit den Mühen der Selbstdarstellung ausgewählter Protagonisten, beschwichtigend “Real-Life-Soap” benannt, bildet den vorübergehenden Höhepunkt einer Entwicklung, mit der das Fernsehen das Intime und das Bizarre, die Sehnsucht und die Niedertracht, das auftrumpfende Selbstbewusstsein und die Perversion aus dem schlecht einsehbaren Gewirr des gesellschaftlichen Alltags heraushebt und auf die mediale Bühne allgemeiner Wahrnehmbarkeit stellt. Die einen sehen in dem „Menschen-Zoo“, den Sendungen wie Big Brother, Girls Camp u.a. zur öffentlichen Belustigung eingerichtet haben, das Dokument für einen „Intimitätskult“, der den Verlust der „Zivilisiertheit“ anzeigt (vgl. Schneider 2001). Die an Sennetts Gesellschaftsverständnis geschulte bittere Diagnose stellt den Betrachter allerdings vor die Frage, was die moderne Mediengesellschaft denn kennzeichnet, nachdem ihr der Ehrenname der Zivilisiertheit entzogen worden ist. Die anderen begrüßen die ungehemmte öffentliche Selbstdarstellung durch Charaktere, die die vorherrschenden Maßstäbe des Guten, Schönen und Wahren fröhlich ignorieren, als Triumph der Populärkultur über die Hybris der kulturellen Elite. Sie rufen die Eroberung des öffentlichen Raumes durch die „unwashed masses“ (Munson) zum würdigen Zeichen der „modernen Zeiten” aus, in denen die „Individualisierung“ das Regiment führt (vgl. Mikos 2000a). Doch solche Hochstimmung besorgt nicht auch schon die nötige Klarheit, was es denn für die Selbstverwirklichung der Individuen und für das Funktionieren der Öffentlichkeit als Sphäre bedeutet, wenn Letztere zur Bühne für Manöver der Selbstbehauptung durch Selbstentblößung auf dem „Identitätsmarkt“ wird.
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Literatur
- 2.Rösslers sozialphilosophische Betrachtung verortet das Konzept der Privatheit expressis verbis auf der „politisch-philosophischen“ Grundlage des Liberalismus (Rössler 2001, 27). Die von Rössler vorgeschlagene Systematik zur Unterscheidung von Dimensionen der Privatheit ergibt sich aus dem Versuch, die Notwendigkeit bzw. den „Wert” der Privatheit aus dem liberalen Konzept der Autonomie abzuleiten. Sie folgt daher einer anderen Anlage als Weintraubs ideengeschichtliche Systematisierung. Gleichwohl stimmen beide in den zentralen Bestimmungen der Privatheit weitgehend überein.Google Scholar
- 5.Habermas entfaltet in seinem normativen Begriff der Öffentlichkeit diese Konstellation. Er begreift die Öffentlichkeit als entscheidende Agentur der Vermittlung zwischen dem systemischen Eigensinn der Politik einerseits und sozialer Solidarität und kultureller Sinngebung als unaufgebbaren Strukturelementen der Lebenswelt andererseits, welche den wie auch immer sozial begrenzten, aber kommunikativ „rationalisierten“ autonomen Selbstverständigungsprozessen entwachsen. (vgl. Habermas 1989 sowie 1988b. 390ff.)Google Scholar
- 6.Weintraub nennt diese Unterscheidungslinie den „republican virtue approach’ (1997. 7).Google Scholar
- 8.Siehe etwas Vincents Hinweis auf die Verschmelzung der Sexualität mit Motiven der Kontrolle (vgl. Vincent 1993. 314).Google Scholar
- 12.Man kann sich verpflichten, ein Leben tang ein Gewerbe auszuüben. doch für die Dauerhaftigkeit des eigenen Begehrens kann man nicht garantieren.“ So. ganz übereinstimmend. Vincent (1993. 249).Google Scholar
- 16.Diese Beobachtung findet sich bereits bei Elias. Elias diagnostiziert die Entbindung des Handelns aus traditionellen sozialen Kontexten und eine „Vergrößerung der Spielarten“ legitimen Handelns. Er nimmt damit einen zentralen Gedanken der „Individualisierungsthese” vorweg (vgl. Elias 1969, 344, 348 ).Google Scholar
- 17.Aber widerspricht die Rede vom „proteischen Selbst“. das sich im Berufsleben zu verwirklichen trachtet. nicht der eingangs formulierten Behauptung, das moderne Privatleben zeichne sich dadurch aus. dass es als bevorzugte Sphäre der Selbstverwirklichung behandelt wird — gerade im scharfen Gegensatz zur Sphäre der Heteronomie im Berufsleben? Es scheint. als existierten diese divergierenden lebensweltlichen Orientierungen nebeneinander. Ein Identitätsentwurf nach dem Muster des „proteischen Selbst” dürfte vor allem in solchen Milieus zuhause sein, die Berufe bevölkern, in denen die Beschaffenheit der Tätigkeit selbst die subjektive Identifikation mit ihr zweckmäßig und nützlich macht. Das gilt etwa für Berufe mit einem hohen Anteil an repräsentativen Funktionen oder auch für solche, in denen Inhalt und Bedingungen der Arbeit durch große Offenheit und Unterbestimmtheit geprägt sind: es gilt aber längst nicht für alle Erwerbsfelder. Milieuanalysen decken diesen Zusammenhang von beruflichem Feld, Prinzipien des Lebensentwurfs und Selbstbild auf (vgl. Vester u.a. 1993). Es lässt sich also eine Gleichzeitigkeit im Nebeneinander divergierender sozialer Milieus festhalten. Ferner kann ein und dieselbe Person diese divergierenden Orientierungen nach-oder gar nebeneinander realisieren. Auch unter den Helden der neuen Informations-und Kommunikationsberufe ist das handlungsleitende Ideal der „reinen Beziehung“ nicht ausgestorben.Google Scholar
- 19.Wie sehr diese Rekonventionalisierung wirksam ist, wird sich danach unterscheiden, in welchem Maße soziale Milieus die Expressivität des Erscheinungsbildes zum Element der Distinktion. d.h. ihres Ein-und Ausschlusses machen. Prost deutet das in seinem Beispiel an. „Sich mit dem eigenen Körper zu befassen heißt, ihn auf die Beobachtung durch andere vorzubereiten. Es genügt nicht mehr, seinen Schmuck, seine Juwelen, seine Auszeichnungen zur Schau zu stellen. (…) Heutzutage schmückt man sich mit seiner Sonnenbräune, mit seiner glatten festen Haut, mit seiner Geschmeidigkeit, und die junge dynamische Führungskraft bewährt sich durch ihre Sportlichkeit“ (Prost 1993. 102 ).Google Scholar
- 23.Johannes Weiß formuliert seine Einsicht in die Dialektik kultureller Vergemeinschaftung am Ende als Hoffnung. „Vielleicht führt der weitere Gang der gesellschaftlichen Dinge. verbunden mit der Dialektik kultureller Identifikation. dazu, daß immer mehr Deutsche ihr Eigenes, und zwar im eigenen Land, als ein Fremdes wahrzunehmen und, auf dem Wege der Unterscheidung, also der Kritik. auch zu schätzen lernen. Ein derart vermitteltes und entspanntes Selbstverhältnis der Deutschen würde es Minderheiten und Zuwanderern aus anderen Kulturen wohl erleichtern, sich ohne Selbstaufgabe, aber auch ohne Selbstabkapselung oder Selbstüberhöhung. auf die politisch-rechtlichen und sozio-kulturellen Gegebenheiten dieses Landes einzulassen.“ (J. Weiß 1999. 464 )Google Scholar
- 24.Medien spielen nicht nur für die Reproduktion des „kulturellen Wissens“ eine Rolle. Sie sind auch direkt in die Ausgestaltung sozialer Beziehungen eingebaut. So wird der Umgang mit Medien beispielsweise dazu genutzt, innerhalb des häuslichen Lebens der Familie Rückzugsräume zu markieren oder differente Erlebnisprojekte zu artikulieren. Der Mediengebrauch dient auf diese Weise dazu, die „interne Geografie” der häuslichen Privatsphäre als Neben-und Miteinander von Lebensentwürfen zu bestimmen. Das ist für den Umgang mit dem Fernsehen sowie mit dem Telefon. dem Computer und der computervermittelten Kommunikation gezeigt worden (vgl. Morley 2000. 86–104). Gegenüber einer solchen Analyse der „social uses“ der Medien (vgl. Moores 2000, 12–41) ist die Aufgabenstellung des vorliegenden Projektes abstrakter und zugleich enger gefasst: Es geht nicht um die komplexe Mikrostruktur des Alltagslebens, sondern um einen elementaren Grundzug seiner Konstruktion. die Dichotomie „privat” versus,,öffentlich“. Von den verschiedenen Formen und Modalitäten der Mediatisierung von Privatheit fasst die Untersuchung den denkbaren Einfluss ins Auge, den die Darstellungen des Fernsehens auf die gesellschaftlich verbreitete Wahrnehmung und darüber vermittelt auf die Praxis der Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit haben können. Das ist auch die leitende Fragestellung an die Selbstbeobachtung, die der Fernsehdiskurs vornimmt (Kap. 6). Daher bleibt hier die entscheidende Frage, welche Rolle das Fernsehen als Medium von Anschauungsweisen spielt.Google Scholar
- 27.Die „Stigmatisierung des Gefühls“ als Organ politischer Stellungnahme ist — wie Imhof zeigt — die unaufgebbare Voraussetzung für die Rationalität des politischen Diskurses (vgl. Imhof 1998).Google Scholar