Einleitung

  • Andreas Ruppert
  • Hansjörg Riechert
Part of the Veröffentlichungen der Staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen book series (VSALNW, volume 41)

Zusammenfassung

Nach Gesprächen, die die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn im April 1945 im schon befreiten Rheinland geführt hatte, fragte sie sich voller Sarkasmus, „wie die verabscheute Naziregierung, der niemand Gefolgschaft leistete, es fertigbrachte, diesen Krieg fünfeinhalb Jahre lang durchzuhalten.“1 Die Fragestellung hat ihre Bedeutung noch nicht verloren, auch wenn diese kollektive Exkulpierung — ein wesentliches Merkmal der „Stunde Null“ — in den historischen Analysen aufgelöst und differenziert wurde. Die vorherrschenden Richtungen der historischen Forschung halten jedoch an einer starren Gegenüberstellung von NS-Regime und Bevölkerung fest, nach der einem terroristisch handelnden Subjekt auf der einen das eher duldende, höchstens widerwillig und erzwungen loyale Objekt auf der anderen Seite entsprochen haben soll. Von daher lag es nahe, das Nach-kriegs-Selbstverständnis der deutschen Bevölkerung rückwirkend auf die gesamte Herr-schaftszeit des NS-Regimes zu übertragen. Nicht zufällig dominierten lange Zeit in Darstellungen wie in Präsentationen, z.B. Ausstellungen zur NS-Zeit, die Themen „Widerstand und Verfolgung“, während die Frage nach einer massiven Unterstützung des Regimes gar nicht erst gestellt wurde. Die Beschreibungen der Haltung der Bevölkerung reichen dabei von der Anerkennung eines allerdings als „loyale Widerwilligkeit“ gewerteten Zustimmungspotentials bis zur Postulierung einer weitgefächerten Verweigerungshaltung, für die Martin Broszat den in den Geisteswissenschaften bis dahin nicht verwendeten Begriff der „Resistenz“ einführte.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Referenzen

  1. 1.
    Hans Magnus Enzensberger (Hg.): Europa in Ruinen. Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944–1948, München 1995, S. 87–88.Google Scholar
  2. 2.
    Daniel J. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996Google Scholar
  3. 2a.
    zur Wehrmachtausstellung s. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Ausstellungskatalog. 2. Aufl. Hamburg 1996Google Scholar
  4. 2b.
    sowie den Begleitband von Hannes Heer u. Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, 2. Aufl. Hamburg 1995.Google Scholar
  5. 3.
    Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 5. Aufl., 1. Halbband, Tübingen 1976, S. 122.Google Scholar
  6. 4.
    Zahl nach der Volkszählung vom 17. Mai 1939: Staatsanzeiger für das Land Lippe, Jg. 1941, Nr. 33 vom 5. August 1941, S. 107–115, hier S. 115.Google Scholar
  7. 5.
    Peter Steinbach: Der Eintritt Lippes in das Industriezeitalter. Sozialstruktur und Industrialisierung des Fürstentums Lippe im 19. Jahrhundert, Lemgo 1976.Google Scholar
  8. 6.
    Zahlen nach der Volkszählung vom 17. Mai 1939: Staatsanzeiger für das Land Lippe, Jg. 1941, Nr. 33 vom 5. August 1941, S. 113. Zur ökonomischen und sozialen Struktur des Landes s. Hans Hüls: Wähler und Wahlverhalten im Lande Lippe während der Weimarer Republik. Detmold 1974, S. 12–48.Google Scholar
  9. 7.
    Zu diesem Aktenbestand s. Andreas Ruppert: Der Bestand „L 113 — NSDAP und NS-Organisationen in Lippe“ im Nordrhein-Westfälischen Staatsarchiv Detmold, in: Westfälische Forschungen 45 (1995), S. 287–291.Google Scholar
  10. 8.
    S. Martin Broszat, Elke Fröhlich u. Falk Wiesemann (Hg.): Soziale Lage und politisches Verhalten der Bevölkerung im Spiegel vertraulicher Berichte, München 1977 (Bayern in der NS-Zeit; Bd. 1), S. 571 ff., v.a. S. 596.Google Scholar
  11. 9.
    Vgl. die breite Palette von Untersuchungsgebieten zum Nationalsozialismus in der Region im entsprechenden stadtgeschichtlichen Projekt der Stadt Detmold, s. Stadt Detmold (Hg.): Nationalsozialismus in Detmold [erscheint 1997].Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Andreas Ruppert
  • Hansjörg Riechert

There are no affiliations available

Personalised recommendations