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Zusammenfassung

Die Problematik der Kulturpolitik beginnt mit ihrer Bezeichnung, obwohl sie heute zum gängigen politischen Wortschatz gehört. Schon gegen das Wort “Kulturpolitik” entsteht ein Unbehagen wie gegen ähnliche Begriffsmontagen mit dem Bestandteil “Politik”, wie z. B. auch gegen die Familien-, Sport-, Gesundheits-, Jugendpolitik. Es entsteht dabei die Assoziation einer unzulässigen Intervention in Bereiche, die eigentlich dem selbständigen Wachstum überlassen bleiben müßten (1) . Von daher läßt sich wohl teilweise erklären, daß der Begriff der Kulturpolitik in Deutschland erst spät Verwendung gefunden hat. Zwar taucht der Begriff der Kulturpolitik bereits in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Magers “Pädagogischer Revue” auf, die anfangs den Untertitel “Zentralorgan für Pädagogik, Didaktik und Kulturpolitik” führt und in den ersten elf Büchern einen stehenden Abschnitt “Kulturpolitische Annalen” bringt (2) . Abgesehen davon hat jedoch der Begriff keine weitere Verbreitung erlangt und fand auch keine Aufnahme in den politischen Wortschatz (3). In der deutschen Politik ist er erst um die Jahrhundertwende aufgetreten.

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Anmerkungen zu den Seiten 193 – 209

  1. 1).
    In anderen Ländern wie etwa in Frankreich und in den angelsächsischen Ländern spricht man in diesem Zusammenhang nicht von Politik, sondern von “affaires culturelles oder cultural affairs”.Google Scholar
  2. 2).
    vgl. Eduard Spranger, Artikel Kulturpolitik, in: Wörterbuch der Politik, Leipzig 1923, I. Bd. A-K, S. 1087.Google Scholar
  3. 3).
    In den Debatten des Reichstages ist der Begriff “Kulturpolitik” bis 1900 kaum verwendet worden. Man sprach nur in bezug auf den Einzelfall von Forschung und Wissenschaft oder von der Kunst. Erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg taucht das Wort Kulturpolitik häufiger im politischen Sprachgebrauch auf, so etwa in dem bereits erwähnten Brief von Bethmann Hollweg an Prof. Lamprecht, s. o. S. 143.Google Scholar
  4. 4).
    vgl. Werner Richter, Was ist und zu welchem Ende treibt man Kulturpolitik? Bonn 1955, S. 6.Google Scholar
  5. 5).
    Herders Staatslexikon, Freiburg i. Br. , 1929, Bd. III (5. Aufl.), Spalte 693.Google Scholar
  6. 6).
    Damit verhält es sich mit dem Begriff der Kulturpolitik ähnlich wie mit dem Begriff der Kultur, der auch sehr lange brauchte, bis er in den deutschen Sprachschatz eindrang. Von Mendelssohn wird der Begriff Kultur im 18. Jahrhundert als neuer Ankömmling bezeichnet, der bloß zur Büchersprache gehöre und den der gemeine Mann kaum verstehe. (vgl. Richter, Was ist. . . Kulturpolitik? . . . S. 6)Google Scholar
  7. 7).
    Auch in der praktischen Politik findet die Kulturpolitik erst seit kurzer Zeit größeres Interesse. Die maßgebenden Politiker der einzelnen politischen Parteien in der Bundesrepublik beschäftigen sich meist mit anderen politischen Disziplinen.Google Scholar
  8. 8).
    Kurt Wolzendorff, Der Polizeigedanke des modernen Staates, Breslau 1918, S. 9.Google Scholar
  9. 9).
    so bei Edgar Loening, Lehrbuch des Verwaltungsrechts, S. 3 ff. ; Artikel Polizei, in: Wörterbuch der Staatswissenschaften; Gerhard Anschütz, Die Polizei (Vortrag der Gehe-Stiftung, Bd. II), 1910;Google Scholar
  10. 9a).
    F. Chr. B. Avé-Lallemant, Physiologie der deutschen Polizei, 1882, S. 66 ff.Google Scholar
  11. 10).
    vgl. Wolzendorff, Polizeigedanke. . . S. 10.Google Scholar
  12. 11).
    Ihre Anfänge nahm diese Entwicklung der Polizei in Frankreich, wo sich die Theorie am zentralistischen und absolutistischen Staat orientieren konnte. D as ancien régime verband mit der Polizei zunächst das Prinzip der “allgemeinen Wohlfahrt” oder, wie es in der Terminologie des ancien régime genannt wurde, der “allgemeinenGlückseligkeit” (“le bonheur de tous”). Vor allem die Pariser Polizei giltGoogle Scholar
  13. 14).
    Wilhelm von Sonnenfels, Grundsätze der Polizeiwissenschaft, 1777, I. § 76. — Im übrigen war man sonst wohl geneigt, die Gesetzgebungsgewalt des Landesherrn für unbeschränkt zu erklären und durch sie die der Polizeigewalt gezogenen Grenzen zu umgehen. (vgl. dazu Kurt Wolzendorff, Die Grenzen der Polizeigewalt, Marburg 1905, S. 47.)Google Scholar
  14. 15).
    Hobbes, De Cive cap. VI, III, S. 93: Securitas enim finis est propter quem homines se subjiciunt aliis. — Samuel von Pufendorf, De Officio Hom. et Civ. lib. II, cap. V, VII, S. 465: Genuina igitur et principalis causa, quare patres familias, deferta naturali libertate ad civitates constituendas descenderint, fuit ut praesidia sibi circumponerent contra mala quae homini ab homine immanent.Google Scholar
  15. 16).
    Christian von Wolff, Institutiones iuris naturae, S. 599; auch ders. , Ius naturae, pars octava § 86: Salus publica in civitate suprema lex est.Google Scholar
  16. 17).
    Lotz, Über den Begriff der Polizei, S. 28; vgl. auch S. 27.Google Scholar
  17. 18).
    vgl. Bluntschli, Wörterbuch der Politik, 1875, Bd. III, S. 66.Google Scholar
  18. 19).
    vgl. Johann Stephan Pütter, Beiträge zum deutschen Staats- und Fürstenrecht, 1777, I, XIX, § 50.Google Scholar
  19. 20).
    So bezeichnete Hohenthal (Liber de Politia, Lipsiae) 1776, S. 14, als Zweck der Polizei, “ut felicitatem omnium et singulorum civium conservat”. — Delamare, Traité de la Police, Paris 1729; Préface: “Son unique objet consiste à conduire l’homme à la plus parfaite félicité dont il puisse jouir en cette vie. ”Google Scholar
  20. 21).
    Im Polizeistaat hat das Wort vom beschränkten Untertanenverstand seinen Ursprung. Dieses Wort geht auf eine Äußerung des preußischen Ministers von Rochow 1837 zurück. Er sagte: “Dem Untertanen geziemt es nicht, an die Handlungen des Staatsoberhauptes den Maßstab seiner beschränkten Einsicht zu legen. ” Da der Bürger nicht wis sen kann, was für ihn gut ist, muß ihn die Staatspolizeigewalt leiten: “Ce que le Tuteur est au Pupille, le Médecin au Malade, le Pilote au Vaisseau, le Magistrat l’est au citoyen. ” (Delamare, Traité de la Police, S. 238)Google Scholar
  21. 22).
    Fr. Funck-Brentano, Le drame des poisons, 6. Aufl. 1903, S. 302, ferner Chassaigne, La lieutenance générale. . . S. 65.Google Scholar
  22. 23).
    Sonnenfels, Polizeiwissenschaft. . . I. S. 139.Google Scholar
  23. 24).
    Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. I, Stuttgart 1957, S. 281. vgl. ferner Spranger, Art. Kulturpolitik. . . S. 1088. als Beispiel für das Entstehen und die Entwicklung des Polizeigedankens. (vgl. dazu Paisant, La police au XVIIIme siècle, Discours prononcé â l’ordre des avocats le 17 avril 1894, 7 ff. , und die Einleitung von M. Chassaigne, La lieutenance générale de police de Paris, (1906)Google Scholar
  24. 12).
    Fleury, Droit public de France, Ouvrage posthume de Mr. l’abbé Fleury, composé pour l’éducation des princes et publié avec des notes par J. B. Daragon 1769. Danach umfaßt die Polizei: I. subsistance pour le corps 1) Notwendigkeiten des Lebens (Nahrung, Kleider, Wohnung, Heizung), 2) Gesundheit und Bequemlichkeiten, 3) Mittel, um dieses zu erreichen. — II. les bonnes moeurs 1) Religion in bezug auf das Äußere, 2) innerer Frieden im Reich, Mäßigkeit und geregeltes Leben des einzelnen.Google Scholar
  25. 13).
    “Ea supremae potestatis pars, qua exercetur cura avertendi mala futura in statu reipublicae interno in commune metuenda, dicitur ius politiae. Cuis proince ambitus I) fere tot in obiectis verratur, wuot cogitari possunt securitatis et salutis internae impedimenta, sive ea in factis hominum nocinis; sive in alio quacumque casu fatali consistant; quorum alia tam II) universam rem publicam, alia singulas in ea universitates concernere possunt; iterumque III) alia solius politiae obiecta sunt, veluti incendia, contagia etc. alia vel alias simul supremae potestatis partes spectant veluti ut ne in re iudiciaria criminali etc. abusus irrepant. Ipsius autem causa IV) mox singularia dantur instituta, veluti exubiarum, visitationum cet. ; mox libertas civium naturalis in iis, e quibus malum futurum metui posset, ad hoc avertendum restringitur, sine prohibendo alias licita, sine praecipienio facere patine. quae ex libertate naturali facere patine non erat opus ; mox denique e medio tolli curatur, quidquid publicum in detrimentum vergere potuerit. V) Promovendae salutis cura propie non est politiae, nisi quatenus ea mente agitur, ut tanto lautior sit status isti malo, quod metuebatur, directe oppositus. ” (Johann Stephan Pütter, Institutiones iuris publici Germanici lib. VII. cap III. De iure politiae § 33, I) 21 0Google Scholar
  26. 25).
    Leipzig 1808, 2 Bände.Google Scholar
  27. 26).
    Altona 1835, S. 568.Google Scholar
  28. 27).
    Georg Waitz, Grundzüge der Politik, nebst einzelnen Ausführungen, Kiel 1862, S. 16. Waitz kritisiert in diesen Ausführungen den Begriff der Volksbildungspolizei, worunter man die Sorge des Staates für Unterricht und Bildung verstehe, weil er der Intervention des Staates in die kulturellen Bereiche eine Grenze setzen und demgegenüber einen eigenen Bereich für die Familie und die Kirche bewahren möchte (S. 80 u. S. 12). Der Staat dürfe nur das Recht haben zu fördern, daß die Erziehung nicht ganz vernachlässigt werde, daß sie keine ihm geradezu feindliche Richtung nehme, daß sie gewisse, für seine Aufgaben notwendige Resultate erziele. Er müsse auch dafür sorgen, daß besondere Bedürfnisse, die der Staat habe, befriedigt, auch allgemein die nationale Wissenschaft und Kunst gefördert würden. Desgleichen bedürfe der Staat der Wissenschaft und des geistigen Lebens und werde ihnen deswegen Schutz und Pflege angedeihen lassen (S. 15/16).Google Scholar
  29. 28).
    zum ganzen Folgenden: J. C. Bluntschli in: Deutsches Staatswörterbuch hsg. von Bluntschli-Brater 1857–1870, Bd. VI, S. 149–157; da auch Stichworte Polizei und Kulturpolizei.Google Scholar
  30. 29).
    In diesem Zusammenhang nennt Bluntschli: die finanzielle Beihilfe des Staates zu den kirchlichen Ausgaben; die Dotation der Geistlichkeit; die Achtung des Staates vor der Geistlichkeit; der ihnen eingeräumte Einfluß in den Schulen; die religiöse Feier wichtiger staatlicher Vorkommnisse; die Bestrafung von Handlungen und Äußerungen, durch welche die Ehrfurcht vor dem Christentum verhöhnt und die Grundwahrheiten desselben öffentlich verspottet werden. Abgesehen von der kirchlichen Tätigkeit müsse die Förderung der sittlich-religiösen Bildung idurch den Staat insbesondere in allen Schulen geschehen. Die staatliche Wirksamkeit erstrecke sich soweit wie die Interessen der Gemeinschaft, und soweit es das Nebeneinanderbestehen und Zusammenleben der Menschen erfordere (VI, S. 157). Als weitereAufgabender Kulturpolizei werden genannt: Das Verbot unzüchtiger Darstellungen, insbesondere in Theatern — das Verbot der Heirat zwischen nahen Verwandten — das Verbot der Anreizung zur Trunkenheit in Schenkstuben und Wirtshäusern — die Beschränkung der Branntweinbrennerei auf Landgütern — das Hausieren mit geistigen Getränken — die Beachtung der Polizeistunde — die Einschränkung des Spiels um Geld — das Verbot der Tierquälerei (VI, S. 158–160).Google Scholar
  31. 30).
    Bei der Bereitstellung von Anstalten wie Kunstschulen, Konservatorien, rät Bluntschli zur Zurückhaltung, wenn Kunstsinn und Wohlhabenheit fehlten, weil dann nur eine darbende und unzufriedene Staatsbürgerklasse ins Leben gerufen werde. In diesem Zusammenhang nennt er jedoch die Möglichkeit der Bereitstellung staatlicher Stipendien für begabte, jedoch mittellose Künstler. Als weitere Mittel der Förderung des öffentlichen Kunstsinns werden genannt: Ausstellung und Produktion von Kunstwerken — Veranstaltungen von Konzerten und Kunstausstellungen — Bau von Gemäldegalerien und Theatern (Staatswörterbuch. . . VI, S. 161)Google Scholar
  32. 31).
    vgl. Wolzendorff, Polizeigedanke. . . S. 119, und ders. , Polizeigewalt. . . S. 51.Google Scholar
  33. 32).
    Spranger, Art. Kulturpolitik. . . S. 1088.Google Scholar
  34. 33).
    vgl. Fritz Hartung, Deutsche Verfassungsgeschichte, 7. Auflage, Stuttgart 1950, S. 63.Google Scholar
  35. 34).
    Hinweise der fürstlichen Räte auf die “Schuldigkeit” der Fürsten finden sich z. B. in Brandenburg 1484 (Z. preuß. G. , Bd. 8, 1871, S. 144), in Bayern-Landshut im Jahre 1501 (bei Krenner, Landtagshandlungen, Bd. 13, S. 193 f.), in AnsbachKulmbach im Jahre 1531 (bei K. H. Lang, Neuere G. des Fürstentums Baireuth, Bd. 2, 1801, S. 61 (2. Ausg. v. A. Bayer, 1911, Bd. 1, S. 183), in Bayern im Jahre 1557 (in den AbhBAk. München, Bd. 21, 1898, S. 114 ff.), bei Hartung, Verfassungsgeschichte. . . S. 64.Google Scholar
  36. 35).
    Abraham Calov, Systema Locorum Theologic. Tomus VIII, Wittenberg 1677, S. 348: “Ut Mag. est, ita et Ministri, ut quisque suo loco tum honorem Dei cum salutemhominum omnibus modis promovent. ”; Johannes Coccejius, Summa Theologiae ex Scripturis repetita, Genf 1665, S. 822: “Gloriam suam, hoc est populum suum, adducere ad civitatem Dei. ”; Gisbert Voetius, Politica Ecclesiastica, Amsterdam 1663–1676, Bd. I, S. 242: “Civili Politiae convenit cura medicorum ad vitam, pacem et felicitatem requisitorum. ”Google Scholar
  37. 36).
    Calov, Systema. . . S. 600.Google Scholar
  38. 37).
    Otto Hintze, Historische und politische Aufsätze, Bd. 3, S. 120.Google Scholar
  39. 38).
    Joh. Andr. Quenstedt, Theologia diacticopolem, Wittenberg 1696 (ed. III), S. 438a: “Mag. in officii sui executione eo spectare debet, ut subditi in omni pietate et honestate tranquillam vitam agant. ”Google Scholar
  40. 39).
    SamuelMaresius, Systema Theologiae, Gießen 1691, Kap. 15, § 23: Res vero tota, natura sua malas et vitiosas, cuiusmodi sunt Lupanaria, quicquid contendunt Pontificii, non potest Mag. iure permittere.Google Scholar
  41. 40).
    Voetius, Politica Ecclesiastica. . . Bd. I, S. 896.Google Scholar
  42. 41).
    Marcus Wendelin, Christianae Theologiae Systema Maj. , Kassel 1656, S. 1409: “AdjunctaMagistratus sunt, veritatis et justitiae amor, prudentia togata et militaris, fuga avaritiae, studium boni publici, fortitudo animi, temperantia, vigilantia, subditorum dilectio. ”Google Scholar
  43. 42).
    Veit Ludwig von Seckendorff,T eutscherFürsten-Stat,1656, ander.Teil,Kap.I,S.1S/19.Google Scholar
  44. 43).
    ebd. Kap. VIII, S. 89/90.Google Scholar
  45. 44).
    ebd. Kap. XIV, S. 148–155.Google Scholar
  46. 45).
    Seckendorff, Christen-Staat, 1686, Kap. VIII, §§ 1–4; Kap. IX, § 1, S. 105, 108, 111, 119; Kap. X. § 7; Kap. XI, § 1; Kap. XII, § 1.Google Scholar
  47. 46).
    vgl. dazu Spranger, Art. Kulturpolitik. . . S. 1088.Google Scholar
  48. 47).
    § 13, II, 11 ALR.Google Scholar
  49. 48).
    ebd. §§ 2–4, II, 13 ALR; vgl. dazu Huber, Verfassungsgeschichte. . . Bd. I, S. 263. — Im Zuge der weiteren Entwicklung des absoluten Staates erhielt die enge Verbindung zwischenStaat und Religion noch eine andere Sinndeutung; Die Religion wurde für den Staat ein Mittel — nach Moser das souveränste Mittel-, um im Volke den Geist bereitwilliger Unterordnung zu erzeugen und zu erhalten. Sie “ergänzet das Mangelhafte der Gesetze”, der Regent muß also “diesen Leitriemen in seinen Händen” nicht vernachlässigen und seine Sorgfalt muß darauf gerichtet sein, daß jeder Bürger Religion habe (Sonnenfels, Polizeiwissenschaft. . . I, S. 118 ff. ; ähnlich J. H. G. von Justi, Bd. II, S. 57 ff. ; bei Wolzendorf, Polizeigedanke. . . , S. 38; vgl. ferner J. J. Moser, Von der Landeshoheit in Policey/ Sachen, 1773, S. 39: “Die Religion. . . ist das allersouveränste Mittel zur Aufheiterung des Verstandes und zur Besserung des Willens, mithin zur Glückseligkeit des gemeinen Wesens”; J. C. Dithmar, Einleitung in die Oeconomische Policeyund Cameral-Wissenschaften, 1731, S. 138 ff. : “Der Gottesdienst ist die Grundfeste guter Polizei — die christliche Religion ist nicht nur die wahre, sondern auch zur Erhaltung eines rechtmäßig eingerichteten Staates bequemste Religion. ” vgl. Wolzendorff, Polizeigedanke. . . S. 38.Google Scholar
  50. 49).
    Der Begriff “Kulturkampf” geht auf eine Äußerung von Rudolf Virchow zurück, der im Laufe der ersten Beratung des Gesetzentwurfes über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen am 17. Januar 1873 erklärte: “Die Kirche hat ihren Wert dadurch erlangt, daß sie wirklich die Trägerin der ganzen humanen Entwicklung war, nicht als Trägerin der dogmatischen Entwicklung. Nach und nach ist es durch diese Tätigkeit der humanenKirche, durch die Klöster, durch die Klosterschulen, durch die Geistlichen, die Weltgeistlichen und die Kirchengeistlichen, dahin gekommen, daß eine größere Menge von Personen an dem Wissen teilnahm, daß die Laien als gleichberechtigte Träger der Kultur sich erheben konnten, und. . . von dem Augenblicke an beginnt nicht bloß die Ketzerei, sondern eben auch die einseitige dogmatische Entwicklung der Kirche und des Papsttums. . . Das liegt auf der Hand, daß die moderne Ketzerei, gegen welche Sie kämpfen, und in deren konsequenter Ausbildung die Weltgeschichte den Gang genommen hat, den sie jetzt einhält, und aus dem schließlich die neuesten politischen Gestaltungen hervorgegangen sind, der italienische und der französische Krieg, diese Ketzerei. . . datiert von dem Augenblicke, wo das wissenschaftliche Laientum mit der Kirche in Konflikt geriet. . . Das ist die historische Entwicklung. So fassen wir die Sache auf. . . , und ich sage Ihnen das nicht bloß, um hier mit einem kleinen Stück Gelehrsamkeit zu glänzen, sondern weil ich die Überzeugung habe, es handelt sich hier um einen großen Kulturkampf”. In: Georg Franz, Kulturkampf, München 1954, S. 9/10.Google Scholar
  51. 50).
    Rüdiger Altmann vertritt die Ansicht, daß der Begriff “Kulturpolitik” aus dem Wortfeld “Kulturkampf” stammt: Bergedorfer Gesprächskreis Protokolle Bd. I v. 19. 2. 62, S. 5.Google Scholar
  52. 51).
    Veröffentlicht in Acten, Urkunden und Nachrichten zur neuesten Kirchengeschichte, Weimar 1788, Bd. I, S. 461 bis 479; Handbuch über die Religions-, Kirchen-, geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten im Königreich Preußen, Quedlinburg und Leipzig 1823, Bd. III, S. 207–316; vgl. ferner Fritz Valjavec, Das Wöllner’sche Religionsedikt und seine geschichtliche Bedeutung, in: Historische Jahrbücher, Bd. 72 (1952), S. 386 ff.Google Scholar
  53. 52).
    Paul Schwartz bezeichnete die Auseinandersetzung um das Wöllner’sche Religions — edikt als den ersten Kulturkampf in Preußen, vgl. sein gleichnamiges Buch von 1925. Auch Max Braubach spricht in diesem Zusammenhang von einem Kulturkampf, in: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. II, S. 311.Google Scholar
  54. 53).
    vgl. dazu besonders Huber, Verfassungsgeschichte. . . Bd. II, S. 185 ff.Google Scholar
  55. 54).
    vgl. dazu die beiden Denkschriften des Erzbischofs von Geissel, die dieser der Kölner Bischofskonferenz am 1. Mai 1848 vorlegte (1. “Bemerkungen über die Stellung der Kirche zum Staate”; 2. “Zusammenstellung der Punkte, welche bei der neuen politischen Gestaltung der Dinge von den Katholiken ins Auge gefaßt werdenmüsse”). Der Bericht über die Kölner Verhandlungen erschien im “Archiv für kath. Kirchenrecht”, Bd. 21, 1869, S. 117 ff. — Huber, Verfassungsgeschichte. . . Bd. II, S. 356/357.Google Scholar
  56. 55).
    vgl. dazu Franz Schnabel, Zusammenschluß, S. 16, 18, 24.Google Scholar
  57. 56).
    J. N. Sepp, Die Schulfrage (1848), S. 22: “Eine solche allgemeine Staatsschule ist die höchste Spitze der. . . staatspolitischen Bevormundung”.Google Scholar
  58. 57).
    Bischof Wilhelm E. von Ketteler, Stenographische Berichte der deutschen Nationalversammlung 1848/49, Bd. III, S. 2182.Google Scholar
  59. 58).
    Die Interpretation des Kulturkampfes reicht von der Motivierung durch außenpolitische Gesichtspunkte bei Bismarck, nämlich der Abwehrstellung des Kanzlers gegen das klerikale Frankreich und Österreich (vgl. dazu Heribert Raab, Artikel Kulturkampf in: Staatslexikon, Bd. V, S. 182, und Adalbert Wahl, Deutsche Geschichte, Von der Reichsgründung bis zum Ausbruch des Weltkrieges (1871–1914), Stuttgart 1926, Bd.I, S.342 ff., bis zur Befürchtung Bismarcks um das neugegründete Reich gegenüber der katholischen Kirche und dem politischen Katholizismus, der die kleindeutsche Lösung ablehnte (so Paul Sattler, Bismarcks Entschluß zum Kulturkampf, in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, Berlin-Dahlem 1940, Bd. 52, S. 66 ff. ; Bornkamm, Die Staatsidee im Kulturkampf, München 1950, S. 41 ff) -Google Scholar
  60. 58a) Eine Zusammenstellung von 80 der “hauptsächlichsten Irrtümer unserer Zeit” und das Unfehlbarkeitsdogma des Vatikanischen Konzils, die als massiver Angriff der Kirche auf die herrschende moderne, auf die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften sich stützende Weltanschauung und als ein für den Staat unannehmbarer Herrschaftsanspruch der römischen Kurie über dden katholischen Volksteil angesehen wurde (Raab, Kulturkampf. . . S. 182)Google Scholar
  61. 59).
    vgl. dazu besonders Bornkamm, Staatsidee im Kulturkampf. . . S. 10.Google Scholar
  62. 60).
    vgl. dazu besonders Altmann, Bergedorfer Gesprächskreis. . . S. 5.Google Scholar
  63. 61).
    vgl. Manfred Schröter, Metaphysik des Untergangs, München 1949, S. 151.Google Scholar
  64. 62).
    Der Streit entstand erst unter den Jung-Hegelianern. Hegel selbst hatte noch durchaus aristotelische Bildungsvorstellungen. Für ihn hatte das Problem einer Wahl zwischen humanistischer und politischer Bildung überhaupt nicht bestanden, weil es sich für ihn von selbst verstand, daß gerade die humanistische Bildung zur polis heranbilde. (Löwith, Von Hegel. . . S. 312)Google Scholar
  65. 63).
    Echtermeyer und Ruge, Der Protestantismus und die Romantik. Zur Verständigung über die Zeit und ihre Gegensätze. Hallesche Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst, Jahrgang 1840, Bd. 2, S. 1953 ff. vgl. zur Kritik an Goethe S. 65 ff. , 153 ff. , 2313 ff.Google Scholar
  66. 64).
    “Die Philosophie, die ihren radikalen Zweck aus dem Sinne verliert, läuft ebenso wie die allgemeine Weltbildung der reinen Privatmenschen immer Gefahr, an Selbstbespiegelung und eitler Bewegung in ihrer eigenen Subjektivität sich zu Grunde zu richten. Der Witz und der schale Humor großer Städte, der immer auf der Lauer liegt, wo er passend hervorbrechen und glänzen kann, die Vergötterung jedes Genies und jeder Berühmtheit, der hohle Enthusiasmus für Tänzerinnen, Gladiatoren, Musiker, Athleten, was beweist dies alles? Nichts als die blasierte Bildung, der es an reeller Arbeit für große Zwecke fehlt. . . , nichts als die Frivolität des bloßen Formverstandes und Formtalents; und man muß es dahin gebracht haben, all diese Gaben und alle diese Gescheitheit zu verachten, um nicht in denselben hohlen, saft- und kraftlosen Strudel hineingerissen zu werden. Spielt mit eurer Superklugheit und ennuyiert, wenn ihr es dahin gebracht habt, daß ihr mitglänzen und mitspielen könnt, reflektiert dann auf dies es Dandylöwen- Bewußtsein, in dem ihr alles und auch die Einsicht erreicht habt, daß ihr es nun höher als zu dieser Übersättigung und Blasiertheit nicht bringen könnt; aber denkt nicht, daß ihr ganze Menschen seid und wenn ihr euch aus Blasiertheit erschießen ließt. Dieselben Phänomene, die das hauptstädtische Leben der Überbildung hervorbringt, entspringen auch aus der selbstgenügsamen Philosophie. Ihre Illusion ist dieselbe wie die der Weltbildung, daß einformelles Theoretisieren schon Geist und Selbstzweck sei. ” (Phänomenologie, ed. Lasson, S. 316 ff. , vgl. Löwith, Von Hegel. . . S. 318/19)Google Scholar
  67. 65).
    “Die Probleme der Zeit müssen im Besitz des Volkes und für das Volk sein, um einwirkliches Leben in dieser Welt zu führen. Der Begriff des Volkes ist die Aufhebung der Kaste und der Standesschranken, nicht nur der illusorischen zwischen Adel und Bauern, vornehm und bürgerlich. . . , sondern auch der wirklichen Schranken zwischen Wissenden und Unwissenden, worin sich viel mehr leisten läßt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. ”Google Scholar
  68. 66).
    Für Ruge ergeben sich daraus folgende Forderungen: “1. Die Kirche in die Schule zuverwandelnund eine wirkliche, allen Pöbel absorbierende Volkserziehung daraus zu organisieren. 2. Das Militärwesen damit völlig zu verschmelzen. 3. Das gebildete und organisierte Volk sich selbst regieren und selbst Justiz handhaben zu lassen im öffentlichen Leben und im öffentlichen Gericht. ” Ruge verstand sein Programm als die deutsche Erfüllung der Französischen Revolution. Noch während der Reaktion setzte er seine Hoffnung auf Preußen, als dessen europäische Mission er die Bildung einer germanischen Großmacht ansah. Ruge glaubte, daß die von ihm propagierte politische Bildung zur “Gesinnung” und weiterhin zum “Charakter” und schließlich zur politischen “Tat” führen werde. (Hallesche Jahrbücher, Jahrgang I, S. 193 ff. und Jahrgang V, S. 61 ff. ; vgl. Löwith, Von Hegel. . . S. 320)Google Scholar
  69. 67).
    Max Stirner, Das unwahre Prinzip unserer Erziehung oder der Humanismus und Realismus (1842), in: Kleinere Schriften, S. 237 ff. (vgl. Löwith, Von Hegel. . . S. 319)Google Scholar
  70. 68).
    “Das Wissen so gelehrt und tief, oder so breit und faßlich es auch sei, bleibt solange doch nur ein Besitz und Eigentum, als es nicht in dem unsichtbaren Punkt des Ichs zusammengeschwunden ist, um von da als Wille. . . hervorzubrechen. Das Wissen erfährt diese Umwandlung dann, wenn es aufhört, nur an Objekten zu haften, wenn es ein Wissen von sich selbst oder, falls dies deutlicher scheint, ein. . . Selbstbewußtsein des Geistes geworden ist. Dann verkehrt es sich, sozusagen in den Trieb, den Instinkt des Geistes, in ein bewußtloses Wissen, von dem sich jeder wenigstens eine Vorstellung zu machen vermag, wenn er es damit vergleicht, wie so viele und umfassende Erfahrungen bei ihm selbst in das einfache Gefühl sublimiert wurden, das man Takt nennt: alles aus jenen Erfahrungen gezogene weitläufige Wissen ist in ein augenblickliches Wissen konzentriert, wodurch es im Nu seine Handlungen bestimmt. ”Google Scholar
  71. 69).
    B. Bauer, Vollständige Geschichte der Parteikämpfe in Deutschland während der Jahre 1842 – 1846, Bd. III, 1847, S. 83. Bauer setzte sich jedoch von Ruge und Stirner dadurch ab, daß er sich gegen die geforderte Politisierung der Bildung wandte.Google Scholar
  72. 70).
    Briefe Jacob Burckhardts an Gottfried (und Johanna) Klinkel, Basel 1921, S. 81 f. , S. 137 f. ; ders. , Briefe an die Brüder Schauenburg, Basel o. J. ; Brief an Hermann Sch. v. 28. Febr. 1846. — Löwith über Jacob Burckhardt, Von Hegel. . . S. 233 ff. und S. 324 f.Google Scholar
  73. 71).
    Also sprach Zarathustra, Vom Lande der Bildung, (in Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, hsg. von Karl Schlechta, München, Hanser Verlag, Bd. II, S. 375 ff. “Da floh ich rückwärts, heimwärts und immer eilender: so kam ich zu euch, ihr Gegenwärtigen, und ins Land der Bildung. Zum ersten Male bracht ich ein Auge mit für euch, und gute Begierde: wahrlich, mit Sehnsucht im Herzen kam ich. Aber wie geschah mir? So angst mir auch war — ich mußte lachen! Nie sah mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes! Ich lachte und lachte, während der Fuß mir noch zitterte und das Herz dazu: ”Hier ist ja die Heimat aller Farbentöpfe! “ — sagte ich. Mit fünfzig Klecksen bemalt an Gesicht und Gliedern: so saßet ihr da zu meinem Staunen, ihr Gegenwärtigen! Und mit fünfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten und nachredeten! Wahrlich, ihr könntet gar keine bessere Maske tragen, ihr Gegenwärtigen, als euer Gesicht ist! Wer könnte euch erkennen! Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese Zeichen überpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut versteckt vor allen Zeichendeutern! Und wenn man auch Nierenprüfer ist: wer glaubt wohl noch, daß ihr Nieren habt! Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten Zetteln. Alle Zeiten und Völker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten und Glauben reden bunt aus euren Gebärden. . . Alle Zeiten schwätzen widereinander in euren Geistern: und aller Zeiten Träume und Geschwätz wären wirklicher noch, als euer Wachsein ist! Unfruchtbare seid ihr: darum fehlt es euch an Glauben. Aber wer schaffen mußte, der hatte auch immer seine Wahr-Träume und Stern-Zeichen — und glaubte an Glauben! — Halboffene Tore seid ihr, an denen Totengräber warten. Und das ist eure Wirklichkeit: Alles ist wert, daß es zugrunde geht! ”Google Scholar
  74. 72).
    “Als die Deutschen den andern Völkern Europas anfingen interessant zu werden. . . geschah es vermöge einer Bildung, die sie jetzt nicht mehr besitzen, ja die sie mit einem blinden Eifer abgeschüttelt haben, wie als ob sie eine Krankheit gewesen sei: und doch wußten sie nichts Besseres dagegen einzutauschen als den politischen und nationalen Wahnsinn. Freilich haben sie mit ihm erreicht, daß sie den anderen Völkern noch weit interessanter geworden sind als sie es damals durch ihre Bildung waren: und so mögen sie ihre Zufriedenheit haben! ” Morgenröte, Aph. 190. (Werke, Bd. I, S. 1137 f.)Google Scholar
  75. 73).
    Unzeitgemäße Betrachtungen, 1. Stück, David Strauß der Bekenner und der Schriftsteller, Werke, Bd. I, S. 137.Google Scholar
  76. 74).
    “Die Deutschen — man hieß sie einst das Volk der Denker: denken sie heute überhaupt noch? Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste, die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge — ,Deutschland, Deutschland über alles’, ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie . . . , Gibt es deutsche Philosophen? gibt es deutsche Dichter? gibt es gute deutsche Bücher? fragt man mich im Ausland. Ich erröte, aber mit der Tapferkeit, die mir auch in verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich , Ja, Bismarck! ”Google Scholar
  77. 75).
    “Alles dient der kommenden Barbarei, die Kunst sowohl wie die Wissenschaft — wohin sollen wir blicken? . . . Da wir eigentlich nichts zur Verteidigung haben und alle mit darin stehen — was ist zu machen? — Versuch, die wirklich vorhandenen Kräfte noch zu warnen, sich mit ihnen zu verbinden und die Schichten, aus denen die Gefahr der Barbarei droht, noch beizeiten zu bändigen. Nur ist jeder Bund mit den ”Gebildeten“ abzuweisen. Das ist der größte Feind, weil er den Ärzten hinderlich ist und die Krankheit weglügen will. ”Google Scholar
  78. 76).
    In den Grundzügen geht Nietzsches Bildungskritik bis auf Herder und Fichte zurück. Siehe dazu Herders Briefe zur Beförderung der Humanität, B. Sammlung, 7. Fragment (1796) über “Schrift und Buchdruckerei”; Fichte, Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (1804/05), 6. und 7. Vorlesung. — vgl. Goethe, Gespräche III, 57 (1824), Brief an Zelter vom 6. 6. 1825 und das Gespräch mit Eckermann vom 12. 3. 1828.Google Scholar
  79. 77).
    Eine ebenso konkrete wie radikale Kritik der Bildungsanstalten, von denen bei Nietzsche nur im Titel die Rede ist, enthalten die beiden Abhandlungen (1878 und 1881) von Paul de Lagarde zum Unterrichtsgesetz: Deutsche Schriften, Göttingen 1892, S. 168 ff. und 264 ff.Google Scholar
  80. 78).
    “Zwei scheinbar entgegengesetzte, in ihrem Wirken gleich verderbliche und in ihren Resultaten endlich zusammenfließende Strömungen beherrschen die Gegenwart unserer Bildungsanstalten: einmal der Trieb nach möglichster Erweiterung und Verbreitung der Bildung, andererseits der Trieb nach Verringerung und ABschwächung der Bildung selbst. Die Bildung soll aus verschiedenen Gründen in die allerweitesten Kreise getragen werden. Das verlangt die eine Tendenz. Die andere mutet dagegen der Bildung selbst zu, ihre höchsten, edelsten und erhabendstenAnsprüche aufzugeben und sich im Dienste irgendeiner anderen Lebensform, etwa des Staates, zu bescheiden. ”Google Scholar
  81. 79).
    “Ohne GlaubenundAberglauben sind sie bunte Gemälde von allem, was je geglaubt wurde; gleich Mühlwerken arbeiten sie, um das Korn kleinzumahlen, das andere gesät haben. ”Google Scholar
  82. 80).
    vgl. zum ursprünglichen Begriff der “Bildung” Lagarde, Schriften. . . S. 171.Google Scholar
  83. 81).
    Löwith, Von Hegel. . . S. 329.Google Scholar
  84. 82).
    Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, München 1959, S. 180/181. 83) Rousseau hat als erster den Übergang der Kultur in die Zivilisationserstarrung dargestellt. In Rousseau erreicht der Affekt gegen das Künstliche, der Kampf gegen die entartete und falsche Kultur ihren ersten Höhepunkt. Er stellt in seinemNaturbegriff, der ein besonderer Kulturbegriff ist, der entarteten Kultur die Selbstausgestaltung der gefühlten und erlebten individuellen Naturanlagen zu einer harmonischen Selbstvollendung — die der eigentliche Sinn seines neuen Kulturbegriffes ist — gegenüber. In diesem Begriff liegt auch die Schwärmerei für die Natur. vgl. Rousseau, Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes. in: Band 243 der Philosophischen Bibliothek, Leipzig.Google Scholar
  85. 84).
    Alfred Weber, Ideen zur Staats- und Kultursoziologie, Karlsruhe 1927 und ders. , Der soziologische Kulturbegriff, Rede auf dem 2. Deutschen Soziologentag in Berlin, in Reden und Vorträge, Tübingen 1913, S. B.Google Scholar
  86. 85).
    A. Weber, Kulturbegriff. 1927 . S. 9.Google Scholar
  87. 86).
    Die Kultur beginnt für Alfred Weber erst da, wo die Gestaltung unseres Daseins durch Zielsetzungen anfängt, die in biologischem Sinne über- oder unzweckmäßig sindund die sichnicht aus den Gesichtspunkten der Fortexistenz und des besseren Versorgtseins unseres naturalen Lebens ableiten lassen. Flugzeuge, Dampfmaschinen und Röntgenstrahlen schenkten uns “nur ein neues naturalistisches Dasein”. Kultur gebe es jedoch erst dann, wenn das Leben unter seinen Notwendigkeiten und Nützlichkeiten zu einem über diesem stehenden Gebilde geworden sei. Auf Alfred Weber geht die Unterscheidung zurück, die Kultur und Zivilisation auseinanderhält, je nachdem, ob wir eine Sache um ihrer selbst willen, ohne Zweck anstreben also etwas “zwecklos” tun, oder ob wir auf der anderen Seite eine Sache nur als Mittel zu einem bestimmten Zweck ansehen. Der amerikanische Soziologe Maclver, der von dieser Unterscheidung ausgeht, rechnet danach zur Kultur etwa einen Glaubenssatz, den Film, Spiele, Religion, Erholung und Vergnügen, wie auf der anderen Seite zur Zivilisation eine Schreibmaschine, die Schule, das Gesetzesrecht (R. Maclver, Society, A Textbook of Sociology, 5. Auflage, New York 1941, S. 272 ff.) Dieses Beispiel zeigt, daß es schwierig ist, auf Grund des Kriteriums “zweckbedingt” — “zwecklos” zu einer praktikablen Abgrenzung der Begriffe Kultur und Zivilisation zu kommen.Google Scholar
  88. 87).
    Der Begriff der Kultur wird in den verschiedensten Sinndeutungen gebraucht, ohne daß er endgültig geklärt ist. Unter den verschiedenen Umschreibungen lassen sich in einer ersten Aufteilung der subjektive und der objektive Kulturbegriff unter- scheiden. Der subjektive Kulturbegriff meint die Kultur der einzelnen Persönlichkeit und nähert sich damit dem Bildungsbegriff, der objektive Kulturbegriff meint das Gegenständliche, das Kulturgut und das Kulturwerk. Die älteste Bestimmung geht von dem subjektiven Kulturbegriff aus. Bei Cicero ist cultura animi philosophia. Augustinus geht vom gleichen Kulturbegriff aus (vgl. Isolde Baur, Die Geschichte des Wortes Kultur und seiner Zusammensetzungen, in: Muttersprache, 1961, S. 222). Dieser Kulturbegriff zeigt eine rein intellektualistische Auffassung. Eine Abschwächung dieses intellektualistischen Kulturbegriffes ist der der Gesellschaftskultur, z. B. die Kultur der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. In Goethes Sprachführung ist Kultur etwas, das der Mensch als Persönlichkeitsbeschaffenheit besitzt. An Stelle von “Kultur” könnte man dort immer setzen: “Bildung der Persönlichkeit” (cultura animi) . Jedoch schon bei Hegel zeigt sich die Wendung des Kulturbegriffes zu einem überindividualistischen Gebilde, das im Laufe der Geschichte von Menschengruppen, meistens Völkern, zwar erzeugt worden ist, nun aber ihnen auch als eine unabhängig gewordene Macht entgegentritt. Der Geist geht bei Hegel als Volksgeist und als Weltgeist zwar immer durch die Individuen hindurch, weil sie allein Funktionsträger sind, aber auch über sie hinweg wie eine anonyme und fremde Macht. (Den gleichen Sachverhalt hat Georg Simmel in seinem berühmten Aufsatz von 1912 “Der Begriff und die Tragödie der Kultur” dargestellt. vgl. Eduard Spranger, Kulturfragen der Gegenwart, 3. Aufl. Heidelberg 1961, S. 44. In Frankreich kam der Begriff der “civilisation” im Anschluß an Turgot durch Mirabeau auf. In dieser “civilisation” lag bereits der zivilisatorische Fortschrittsbegriff, das Geschichtemachen durch Politik, Wirtschaft und Technik im Geist einer schließlich positivistischen Wissenschaft. Diese Kulturanschauung prägte die Entwicklungvon Turgot bis zu Comte (Alois Dempf, Kulturphilosophie, S. 18). Der französische Begriff der Civilisation war zwar umfassend wie der deutsche Kulturbegriff. Er enthielt jedoch bereits die Akzente, die dann in der deutschen Kulturkritik zu der Bildung eines besonderen Zivilisationsbegriffes führten, der als Kritik an der zeitgenössischen kulturellen Entwicklung verstanden wurde. In neuerer Zeit gibt es Bemühungen, das Begriffspaar Kultur und Zivilisation wieder zusammenzuführen und beide wieder zu indentifizieren. So unternimmt T. S. Eliot, allerdings auf der Basis einer von der deutschen verschiedenen Begriffsentwicklung, den Versuch einer weiten Kulturinterpretation, indem er über die Kultur ausführte: “Sie ist das, was das Leben lebenswert macht, ja sie ist das, was anderen Völkern und späteren Generationen das Recht gibt, angesichts der bleibenden Zeugnisse und Nachwirkungen einer untergegangenen Zivilisation zu sagen: ‘Das Dasein dieser Zivilisation hat sich gelohnt’”. (Thomas S. Eliot, Zum Begriff derKultur, bei Rowohlt, 1961, S. 29.) Auch Arnold Bergstraesser fordert, wir müßten uns der Vorurteile entledigen, welche vor allem die Unterscheidung von Kultur und Zivilisation in unserer Kulturauffassung hervorgerufen hat (Arnold Bergstraesser, PolitikinWissenschaftund Bildung, Freiburg 1961, S. 230). Hendrik de Man weist ebenfalls darauf hin, daß zwar “beim Wort Kultur vorzugsweise noch an Gegenstände der höheren Bildung” gedacht wird. Er meint jedoch, feststellen zu können, daß die Entwicklung einer Ausweitung des Kulturbegriffs in der Richtung einer Gesamtschau unter Einbeziehung der Technik, der Wirtschaft und des Staates noch nicht zum Abschluß gekommen ist (Hendrik de Man, Vermassung und Kulturverfall, München 1951, S. 9). Vor allem Theodor Litt wendet sich gegen die Unterscheidung von Kultur und Zivilisation und die daraus resultierenden Konsequenzen in unserer Bildungsanschauung. Sein besonderes Anliegen bildet die Einbeziehung der bisher dem Bereich der Zivilisation zugeordneten modernen Berufs- und Arbeitswelt in den großen Bereich der allgemeinen Kultur und Bildung. Ihm geht es damit um die Beseitigung der Kluft zwischenKultur und Zivilisation (Theodor Litt, Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitswelt, Bonn 1955, S. 11; ders. , Berufsbildung, Fachbildung, Menschenbildung, Bonn 1958, S. 51/52).Google Scholar
  89. 88).
    Altmann, Bergedorfer Gesprächskreis. . . S. 5. und Eugen Löffler, Wesen und Wege der Schulreform, Berlin 1930, S. 41.Google Scholar
  90. 89).
    Friedrich Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts, Berlin u. Leipzig 1921, 3. Aufl. , 2. Bd. , S. 578.Google Scholar
  91. 90).
    Friedrich Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts, Berlin u. Leipzig 1921. S. 597.Google Scholar
  92. 91).
    Friedrich Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts, Berlin u. Leipzig 1921 s. o. S. 122.Google Scholar
  93. 92).
    Hans Blüher, Wandervogel, Geschichte einer Jugendbewegung, Berlin 1912.Google Scholar
  94. 93).
    Karl Seidelmann, Bund und Gruppe als Lebensformen deutscher Jugend, München 1954, S. 323.Google Scholar
  95. 94).
    Eduard Spranger, Psychologie des Jugendalters, 26. Aufl., Heidelberg 1960, S. 163. — Etwa zur gleichen Zeit, als Karl Fischer seine Steglitzer Gymnasiasten als erste Wandervögel auf Fahrt führte, begründete der spätere englische General Baden-Powell die ersten Scouts Troups. Beide Bewegungen, die deutsche Jugendbewegung und die Pfadfinderbewegung, sind von ihren geistesgeschichtlichen Ansätzen her Kulturreformbewegungen. Um die Jahrhundertwende haben sich mehrere Gruppen der Jugendbewegung unter dem gemeinsamen Namen “Freideutsche Jugend” zusammengeschlossen und im Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner eine Tagung veranstaltet, die an das Wartburgfest der Deutschen Burschenschaft 1817 anklang und die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf die Bewegung lenkte.Google Scholar
  96. 95).
    hierzu: Eduard Spranger, Das deutsche Bildungsideal in geschichtsphilosophischer Betrachtung, Leipzig 1928, S. 13, 14.Google Scholar
  97. 96).
    Bezeichnend dafür sind die Ausführungen Wilhelm von Humboldts an Karoline von Beulwitz im Jahre 1789: “Ich mache keine Ansprüche auf die meisten anderen Vorzüge, nicht auf Talente, Wissen, Gelehrsamkeit, aber gern möchte ich Anspruch machen auf den Vorzug, Mensch und gebildeter Mensch zu sein. ” In: Deutsche Rundschau, Bd. 66, S. 243, vgl. dazu Eduard Spranger, Wilhelm von Humboldt, und die Reform des Bildungswesens, Tübingen 1960, S. 53.Google Scholar
  98. 97).
    Unter dem Titel “Theorie der Bildung des Menschen” legte Humboldt seine Bildungsideen vor. Dort führte er u. a. aus: Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit steht der Mensch. ... “Rein und in seiner Endabsicht betrachtet ist sein Denken immer nur ein Versuch, vor sich selbst verständlich, sein Handeln ein Versuch seines Willens, in sich frei und unabhängig zu werden, seine ganze äußere Geschäftigkeit überhaupt nur Streben, nicht in sich müßig zu bleiben. ” (Theorie der Bildung des Menschen, eine Auswahl aus seinen Schriften, besorgt von Clemens Menze, Paderborn 1959, S. 25).Google Scholar
  99. 98).
    Eduard Spranger charakterisierte diese Haltung als “das Dogma von der Absolutheit des Griechentums”. Spranger, Humboldt. . . S. 59/60. 99) von Humboldt, Theorie der Bildung. . . S. 26/27. Entsprechend diesen Überlegun-gen trennte Humboldt in seinem litauischen Schulplan scharf Allgemeinbildung und Fachbildung, wobei er nur der ersteren bildenden Wert zugestand (verfaßt am 27. 9. 1809 in Litauen). in: Theorie der Bildung. . . S. 111. vgl. dazu ferner Spranger, Humboldt. . . S. 62.Google Scholar
  100. 100).
    Löwith, Von Hegel. . . S. 312.Google Scholar
  101. 101).
    (zitiert bei Wilhelm Treue, Die Geschichte des technischen Unterrichts; Altmann, Bergedorfer Gesprächskreis. . . S. 8). — Etwa gleichzeitig mit der Humboldtschen Reform entstand in Paris die berühmte Ecole Politechnique, aus der lange Zeit fast alle berühmten Naturwissenschaftler Frankreichs hervorgingen. Von dieser Schule ging auch eine mächtige theoretische Strömung aus, die ein naturwissenschaftlich-technisch-positivistisches Denken vertrat. Diese Strömung beschränkte sich nicht auf Frankreich. Sie erreichte mit den revolutionären Bewegungen auch Deutschland und bildete eine der Wurzeln des Marxismus.Google Scholar
  102. 102).
    Lohmann, Schulprogramm der Sozialdemokratie. . . S. 71.Google Scholar
  103. 103).
    darüber Werner Schütz, Das Erziehungs- und Bildungsideal unserer Zeit. Kulturpolitischer Informationsdienst, Bonn 1961, H. 1. , S. 2.Google Scholar
  104. 104).
    ebd. S. 3/4.Google Scholar
  105. 105).
    vgl. § 1 des Reichsschulgesetzes v. 6. 7. 1938, Reichsgesetzblatt I, S. 799.Google Scholar
  106. 106).
    Joachim Haupt, Neuordnung im Schulwesen und Hochschulwesen 1933, S. 3.Google Scholar
  107. 107).
    Theodor Litt, Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitswelt, Bonn 1955, S. 17, 21.Google Scholar
  108. 108).
    Bezeichnend für diese Haltung gegenüber dem neu heraufziehenden Zeitalter war, daß das Berufsschulwesen in Preußen nicht im Kultusministerium, sondern im Ministerium für Handel und Gewerbe ressortierte.Google Scholar
  109. 109).
    Jüngst wieder in den bildungspolitischen Leitsätzen der SPD vom Juli 1964.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1968

Authors and Affiliations

  • Manfred Abelein

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