Advertisement

Conrad Alberti: Wer ist der Stärkere? Die „siegreiche Flucht“ aus der kapitalistischen Metropole

  • Christof Forderer

Zusammenfassung

In Bölsches „Mittagsgöttin“ entwickelte sich die Handlung in Wechselwirkung zu den großstädtischen Räumen (zu den Straßen und Plätzen); die großstädtische Gesellschaft spielte kaum eine Rolle. Conrad Albertis Roman „Wer ist der Stärkere?“ repräsentiert einen anderen Typus Großstadtroman. Er entfaltet seine Handlung unmittelbar im Bereich des Sozialen. Der Roman folgt der vom Naturalismus1 geforderten Öffnung der Literatur für die gesellschaftliche Realität. Wie in den Paris-Romanen des großen Vorbilds Zola spielen markante soziale Prozesse einer von Klassenauseinandersetzungen und Klickenwirtschaft bestimmten Stadtgesellschaft eine zentrale Rolle. Ein monatelanger Streik der Berliner Bauarbeiter — er wird ausführlich in seinem Zustandekommen, seinem Verlauf und seinem Ende verfolgt —, die bauliche Erschließung neuen Stadtterrains, der Wandel im sozialen Charakter eines Wohnviertels, die Funktionsweise eines Wissenschaftsbetriebs, der sich fest in den Händen etablierter Professoren befindet, die Funktionalisierung der Presse für Privatinteressen: solche und andere Realien aus dem sozialen, ökonomischen, politischen Großkomplex Großstadt sind handlungstragende Elemente oder werden zumindest gestreift.2

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Zur Stellung Albertis zum Naturalismus vgl. K. L. Roper: Conrad Alberti’s Kampf ums Dasein: The writer in Imperial Berlin. S. 69ff. (Alberti war zeitweise Mitarbeiter der naturalistischen Zeitschrift „Die Gesellschaft“ und veröffentlichte zahlreiche Artikel, in denen er das naturalistische Ziel einer Verbindung von wissenschaftlichen Prinzipien und künstlerischer Kreation propagierte.)Google Scholar
  2. 2.
    Daß Albertis Romane trotz ihrer sozialen Thematik wie die meisten naturalistischen Romane von nur sehr „begrenzter Einsicht in die Bewegungsgesetze gesellschaftlicher Prozesse“ zeugen, betont Gerhard Schulz in: Ders.: Naturalismus und Zensur. S. 98. Der im nächsten Kapitel vorgestellte Roman „Die Alten und die Jungen”, in dem Alberti auf den jungen Kaiser Wilhelm II. Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Erneuerung setzt, belegt das sehr deutlich.g, der die Geschichte derGoogle Scholar
  3. 3.
    T. Fontane: Aufsätze zur Literatur. S. 370.Google Scholar
  4. 4.
    In einer breitangelegten Schilderung der bei Semisch versammelten Berliner ‘Gesellschaft’ beispielsweise werden in einer Weise, die sehr deutlich die panoramische Absicht des Romans hervortreten läßt, in fast bilderbogenartiger Reihung Repräsentanten der typischen Gruppen der Berliner Gesellschaft herbeizitiert: in kleinen Einzelszenen haben ein Wissenschaftler, ein Literat, ein Vertreter des Klerus, Spekulanten, Schauspieler, die Frauen als Sondergruppe ihre Auftritte bzw. finden. eine Charakterisierung (I 91ff).Google Scholar
  5. 6.
    Vgl. U. Eisele: Realismus-Theorie. S. 40. Die Textstelle folgt auf grotesk wörtliche Weise der Forderung realistischer Poetik, Literatur solle eine „Poesie der Wirklichkeit, die nackten Stellen des Lebens überblumend“, schaffen (Otto Ludwig, zit. nach H. J. Blanke: Ich und Welt im Roman des 19. Jahrhunderts. S. 237).Google Scholar
  6. 7.
    Gerhard Hermann charakterisierte das Stadtbild des Romans des 19. Jahrhunderts als das einer „festgefügten (…) Tatsache“ (ders.: Der Großstadtroman. S. 23).Google Scholar
  7. 8.
    Gutzkows im Vorwort seines Romans„Die Ritter vom Geiste” geprägte Formel, in der schon um 1850 das Problem der Erzählbarkeit komplexer Wirklichkeit reflektiert ist, skizziert nach Karl Riha ein episches Strukturmodell, das — auch wenn bei Guzkow ein „ausdrücklicher Bezug auf die Großstadtthematik“ fehlt — eine frühe Antwort auf deren spezifischer Problematik ist (K. Riha: Die Beschreibung der „Großen Stadt”. S. 74f).Google Scholar
  8. 9.
    Wer ist der Stärkere?” ist der erste Band eines mehrbändigen Zyklus inhaltlich voneinander unabhängiger Romane. Zum Gesamtzyklus vgl. K. L. Roper: Conrad Alberti’s Kampf ums Dasein: The Writer in Imperial Berlin.Google Scholar
  9. 10.
    Der Roman folgt damit einem typischen Muster des sozialkritischen und naturalistischen Romans des 19. Jahrhunderts, in dem „die Stadt-Land-Opposition (…) durch den Gegensatz der Klassen“ ersetzt wird (K. R. Scherpe: Von der erzählten Stadt zur Stadterzählung. S. 422).Google Scholar
  10. 12.
    Die alles korrumpierende Herrschaft der „Bourgeois“ ist zentrales Thema des gesamten Zyklus; vgl. dazu K. L. Roper: Conrad Alberti’s Kampf ums Dasein: The writer in Imperial Berlin. Roper betont, daß Alberti trotz seines Antikapitalismus keinerlei Neigung für die Sozialdemokratie zeigte; Gegenmodell zum „Bourgeois” sei für ihn der Bürger: „To Alberti, the former (der Bürger, C. F) embodied all the strengths of German tradition and the latter (der Bourgeois, C. F.) all the corruptions of modernity. A critical part of the Kampf ums Dasein was the struggle between this two groups“ (ebd. S. 74).Google Scholar
  11. 13.
    H. Balzac: Le père Goriot. S. 336.Google Scholar
  12. 14.
    Vgl. dazu Klaus R. Scherpes Überblick über die Transformationen der Stadtliteratur seit dem 19. Jahrhundert, in dem die naturalistische und expressionistischeGoogle Scholar
  13. 15.
    K. R. Scherpe: Ausdruck, Funktion, Medium. S. 146f).Google Scholar
  14. 17.
    Vgl. Götz Großklaus, Eberhard Lämmert: „Die durchgängige bürgerliche Romantisierung der Natur ereignet sich nicht als ästhetisch-literarischer Rand-Diskurs abseits des Technisierungs- und Modernisierungs-Prozesses, sondern als dialektisches Moment dieses Prozesses selbst“ (G. Großklaus/E. Lämmert: Literatur in einer industriellen Kultur. S. 13 (Vorbemerkungen)Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Christof Forderer

There are no affiliations available

Personalised recommendations