Zusammenfassung
Am 13. September 1793 wurde Jessen in Flensburg geboren als Sohn eines Verlags- und Sortimentsbuchhändlers, der zuletzt ein stattliches Haus besaß, welches jetzt als Rathaus benutzt wird. Durch seine beiden ersten Frauen, Schwestern, geb. Bojes, hatte der Vater Beziehungen zu den Mitgliedern des Göttinger Hainbundes, besonders zu Boje, Esmarch und Johann Heinrich Voss; sein jüngster Sohn, unser Jessen, hat auch persönlich diese Familienbeziehungen weiter zu erhalten gesucht, wobei seine Mutter, des Vaters dritte Frau, ihn unterstützte: die Wahl Göttingens für das Studium, eine Reise von Schleswig nach Eutin weisen darauf hin. Jessen verlor seinen Vater mit kaum sieben Jahren; die Mutter führte das Geschäft noch vier Jahre weiter, während ihr Sohn das Gymnasium besuchte. Als von seinen fünf Brüdern der nur vier Jahre ältere 1809 als Student der Medizin gestorben war, faßte er wohl dies Studium ins Auge. Während desselben in Göttingen, Berlin, Kiel wurde die Mutter, der ihr Jüngster gewiß besonders am Herzen lag (später ist sie in seinem Hause in Schleswig bei einem Besuch 1829 gestorben), von einem seiner älteren Stiefbrüder unterstützt, der als Advokat unverheiratet in Altona lebte. Am Schlusse seines Studiums verlobte Jessen sich in Berlin, wo besonders Horn und Heim eine nachhaltige Wirkung auf ihn ausübten: in der Charité nahm er an den täglichen Visiten der Hornschen psychiatrischen Klinik teil, zu einer Zeit, wo er schon als Arzt für die im Neubau befindliche Irrenanstalt bei Schleswig designiert worden war (November 1819). Die Berufung Jessens war im Wesentlichen auf Anlaß des tatkräftigen Arztes und Etatsrates Suadicani geschehen, welcher das Elend der Irren in den Herzogthümern Schleswig und Holstein schon lange erkannt und die Gründung der Irrenanstalt bewirkt und geleitet hatte. Damals war für den Kandidaten Jessen auch ein Reisegeld von 800 Rbtlr. bewilligt worden zum Besuch auswärtiger Irrenanstalten. Auf seinen Antrag erhielt er im Februar 1820 von der schleswig-holsteinischen Kanzlei in Kopenhagen eine Empfehlung an den dänischen Gesandten in London, zum Besuch englicher Anstalten; gleichzeitig wurde er in Kiel promoviert mit der Dissertation: „De Digitalis purpureae viribus usuque medico“. Dann besuchte er vier Monate lang die Heil- und Verpflegungsanstalt Sonnenstein bei Pirna in Sachsen; er machte die täglichen Visiten mit, erhielt aber nicht viel Anleitung, was er später in Schleswig empfand. Er sah auf dem Sonnenstein noch den Zwangsstuhl; bei Spritz- und Sturzbädern ließ man höchstens! 50 Eimer Wasser 10 bis 12 Fuß herab auf den Kranken fallen; um Befestigung durch Riemen zu vermeiden, befanden sich die Menschen in der Wanne unter Trichtern. Um so mehr tritt daher hervor, daß Jessen die bei Einrichtung der Schleswiger Anstalt beschafften „unbedingt erforderlichen Requisiten“, wie Drehstuhl, Zwangslager und Zwangsstühle fat gar nicht verwandte. In den ersten Jahren versuchte er zwar wiederholt Sturzbäder, ließ Haarseile legen, brauchte Brechweinsteinsalbe; aber den unberechenbaren Schaden, welchen die damals fast allgemein angewandten Zwangsmaßregeln den Kranken zufügten, hatte er erkannt und suchte sie möglichst zu vermeiden.
Preview
Unable to display preview. Download preview PDF.
Literatur
- Callisen, Med. Schriftstellerlexikon Bd. IX, S. 442 und Bd. XXIX, S. 152.Google Scholar
- Bandorf in der Allg. deutschen Biographie.Google Scholar
- Rüppells summarischer Bericht über die Irrenanstalt bei Schleswig 1820–1870; und Bericht über dieselbe Anstalt 1870–1920, wo ein vollständiges Verzeichnis der Schriften JESSENS gegeben ist.Google Scholar