Festschrift der Kaiser Wilhelm Gesellschaft ƶur Förderung der Wissenschaften ƶu ihrem Ƶehnjährigen Jubiläum Dargebracht von ihren Instituten pp 96-101 | Cite as
Über Wissenschaft und Wirtschaft
Zusammenfassung
Das Verhältnis der Wissenschaft zur Wirtschaft erinnert an das Verhältnis der Menschen zur Religion. Der eine hat den festen Glauben, der andere lebt und stirbt als Heide. Zwischen beiden steht ein Kreis von Menschen, die lassen in freundlichen Tagen den Herrgott einen guten Mann sein, wenn aber schwere Stunden kommen, dann fangen sie sachte an zu beten in der Hoffnung, daß ihnen geholfen wird. So gibt es Wirtschaftskreise — ich brauche nur an die Farbenindustrie zu erinnern —, die ganz und gar durchtränkt sind von der Wissenschaft und die ihren Erfolg in der Welt auf den engsten Zusammenhang mit der Wissenschaft begründet haben. Es gibt andere, die an ein gutes Rezept und einen tüchtigen Werkmeister bei der Fabrikation glauben, der Wissenschaft aber fremd gegenüberstehen. Und dazwischen ist eine große Gruppe, deren Einstellung schwankend ist. In guten Zeiten sehen sie in der Wissenschaft einen Schmuck, aber kein Bedürfnis, in schlechten sind sie geneigt, ein Opfer für die Wissenschaft zu bringen, aber unter der Bedingung, daß sie ein Wunder tut und durch eine Erfindung schleunig über die Schwierigkeit weghilft, unter der sie gerade leiden. Ich möchte nicht versuchen, durch eine Aufzählung glanzvoller wissenschaftlicher Taten und ihrer wirtschaftlichen Wirkungen die Verteilung dieser drei Gruppen zu ändern. Die Betrachtung verliert sich leicht ins einzelne und sie versagt in einem Hauptpunkte. Das schlagendste Zeugnis für den Nutzen, den die Wirtschaft auf einem einzelnen Gebiete von der Wissenschaft gezogen hat, beweist nicht, daß die Pflege der Wissenschaft in ihrer Breite eine Lebensbedingung unserer wirtschaftlichen Zukunft ist. Auf diese Gewißheit aber kommt alles an. So wahr Unternehmungsgeist und Arbeitstüchtigkeit der Bevölkerung die Kräfte sind, auf die sich der Wiederaufbau unserer Wirtschaft in erster Linie gründen muß, ebenso wahr ist, daß nur die Wissenschaft das tragende Fundament unserer wirtschaftlichen Zukunft abgeben kann.
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