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„Innere Sprachform“ und „Innere Sprache“

  • Arnold Pick
Part of the Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie book series (MONOGRAPHIEN, volume 7)

Zusammenfassung

Dem im Gebiete der Sprachpsychologie Erfahrenen dürfte es aufgefallen sein, daß in den bisherigen Erörterungen von der sogenannten „inneren Sprachform“, der schon ihrer mit W. v. Humboldt einsetzenden Tradition nach eine nicht zu übersehende Bedeutung im Bereiche der bisher behandelten Fragen zukommt, nur ganz flüchtig die Bede war; es muß das umso mehr auffallen, als B. Erdmann (Phil. Monatshefte. XXX, S. 136) in den Bahmen der „inneren Sprachform“ alle die psychologischen Vorgänge, die zu der äußeren Form führen1), faßt, woraus erhellt, daß wir uns mit den bisher abgehandelten Kapiteln eigentlich schon mitten in der Erörterung der „inneren Sprachform“ befanden.

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Literatur

  1. 1).
    Vgl. dazu die Deutung von E. de la Grasserie (Essai de Sémantique integr. 1908, I, p. 31): „On conçoit beaucoup moins clairement l’innere Sprachform. Il (se. Steinthal) signifie par là le langage intérieur ou l’idée prête à se couler dans le moule grammatical, à mesure qu’elle sort de la cérébration. Il s’agit donc de la pensée, dont l’image n’est pas encore tombée sur l’écran (sc. de la parole), où l’idée se reflète“.Google Scholar
  2. 1).
    Eine genaue Darstellung findet sich in einer großen Arbeit Scheinerts über Humboldts Sprachphilosophie (Arch. f. d. ges. Psychol. XIII).Google Scholar
  3. 1).
    Obwohl auch noch neueste Darstellungen des allgemeinen Teils der Sprachpathologie an Steinthal und H erb art anknüpfen, glaubt Verfasser die von Steinthal gegebene ausführliche Darstellung der hier zu erörternden Materie doch übergehen zu sollen, nicht bloß wegen der oben charakterisierten Dunkelheit derselben, sondern vor Allem deshalb, weil der Gegensatz zwischen der von Steinthal verwerteten Psychologie und derjenigen, die hier als Grundlage genommen, ein so tiefgehender, daß es ganz ausgeschlossen erscheint, die Steinthalsche Lehre von der inneren Sprachform den neueren Anschauungen eingliedern zu können. Das zeigt sich auch darin, daß, wie Verfasser schon in der Vorrede betont, die in die neueren Darstellungen der Aphasielehre aufgenommenen Auszüge aus Steinthal ohne inneren Zusammenhang mit dem eigentlichen Thema bleiben.Google Scholar
  4. 1).
    Die so erzielte Differenzierung tritt uns bezüglich der einen Seite derselben mit einer, die andere für den Nichtphilologen vielleicht zu sehr verdeckenden Prägnanz in der Deutung Meumanns (Wundts Philos. Studien XX, p. 127) entgegen, der unter innerer Sprachform die Wortbedeutung versteht, während andererseits Delbrück (Vergleichende Syntax der indogerm. Sprachen I, 1893, p. 12) die Differenzen der inneren Sprachform verschiedener Sprachen in dem begründet sieht, was man als Eigentümlichkeiten des Baues und der Struktur bezeichnet (also ob und inwieweit eine Sprache flektierend ist oder nicht u. Ähnl.). Vgl. auch die Ausführungen Fr. Mauthners (Zur Sprachwissenschaft 1901, p. 538) die ihrerseits wieder zum Teil auf Bréal (Essai de Sémantique 1897, p. 333) zurückgehen. Damit fällt auch die Deutung zusammen, die der englische Psychologe Stout (Analyt. Psychology 1896, II, p. 211) von der inneren Sprachform gibt: „The mental imagery that clusters round a word and supports it in its function, constitutes what has been called the „innere sprach — form“.Google Scholar
  5. 1).
    Dazu ist es historisch bemerkenswert, daß Bain (The senses and the intell. 4th ed. 1894, p. 607), der die verschiedenen hei der Formulierung der Rede in Frage kommenden Prozesse unter der Bezeichnung der „construktivness“ sozusagen personifiziert hat, darunter auch die grammatische Form subsumiert.Google Scholar
  6. 2).
    Auch der Philologe Jaberg (siehe dessen Besprechung von Martys Buch im Arch. f. neuere Sprachen. 1909, p. 426) anerkennt die scharfen Umrisse der inneren Sprachform bei Marty gegenüber der vielfach vagen Darstellung bei anderen Sprachforschern; sie wird deshalb auch oben eingehender dargestellt, wobei nicht verabsäumt sei, auf die zwischen Marty und Wundt in diesen und zahlreichen anderen einschlägigen Fragen obschwebende Polemik aufmerksam zu machen; wir behalten uns vor, treu dem in der Einleitung entwickelten Standpunkte beiden Autoren jeweils das für die Zwecke der Pathologie uns dienlich Erscheinende zu entnehmen. Eine andere Arbeitsmethode erscheint uns angesichts des vielen kontroversen Materials auch ganz ausgeschlossen; da es Verfasser nicht beifallen kann, eine Entscheidung bezüglich des ihnen zu Entnehmenden anderswoher als von der Klärung herzunehmen, die gerade das betreffende Thema davon ziehen kann, so ergibt sich daraus, soll nicht das Ganze einseitig in ein System gezwängt werden, die Berechtigung für eine rein eklektische Methode.Google Scholar
  7. 1).
    Mit Rücksicht darauf, daß gerade dieser Gesichtspunkt in der Psychologie des Agrammatismus eine ersichtlich hervorragende Bedeutung hat, auch die hier in dem Kapitel „Weg vom Denken zum Sprechen“ gegebene Darstellung sich in wesentlichen Punkten an Martys Lehre von der konstruktiven inneren Sprachform anlehnt, seien einige Bemerkungen hierhergesetzt, die er der gegensätzlichen Anschauung widmet (I. p. 149); anknüpfend an eine Äußerung von Condillac führt er aus, daß dieser offenbar die so weit verbreitete Supposition zugrunde liege, daß alles, was wir durch Worte kundgeben und einander vermitteln, Vorstellungen seien. „Wenn dies wäre, käme es darauf an, die Worte im Satze so zu wählen und zu fügen, daß diejenigen sich am nächsten ständen, welche den am engsten verbundenen Vorstellungen entsprechen.“ Dieser irrtümlichen Auffassung gegenüber wird das schon im Texte Dargelegte bezüglich der differenten Mitwirkung der einzelnen Wörter im Satze hervorgehoben.Google Scholar
  8. 2).
    Eine indirekte Bestätigung dieses Tatbestandes ergibt sich aus einer von Marbe geäußerten Ansicht über das Zustandekommen des Verständnisses des Gesprochenen. (Vierteljahrsschrift f. wiss. Philos. 1906, 30., S. 496): „Unter diesen Umständen wäre es sehr verfehlt, wenn ein Redner erwarten wollte, daß die Hörenden mit seinen Worten ganz bestimmte Vorstellungsinhalte verbänden. Was der Redende erwarten kann und in der Regel natürlich erwartet, ist lediglich, daß er vom Hörenden verstanden wird. Wir verstehen aber gesprochene Worte dann, wenn wir wissen, welche Gegenstände der Sprechende mit seinen Worten bezeichnet; die aktuellen Erlebnisse, die wir beim Hören haben, sind nicht eine conditio sine qua non des Verstehens und bestimmte Vorstellungsinhalte mit den gehörten Worten zu verbinden ist weder für das Verständnis immer notwendig noch überhaupt immer möglich“.Google Scholar
  9. 1).
    Sie erscheint uns für die Psychologie neben allem Anderen namentlich in der Richtung bedeutsam, daß daran, wie der Aphasische sein Denken seinem Sprachmaterial anpaßt, die Frage nach seiner Intelligenz anknüpft.Google Scholar
  10. 2).
    Die Kritik Marty s lautet übrigens nicht kategorisch, ist vielmehr durch das Wort „scheint“ gemildert; man könnte vielleicht im Sinne des ungenannten Autors sagen, daß der Inhalt doch eigentlich bei dieser Anpassung keine Änderung erfährt.Google Scholar
  11. 1).
    Es ist keine Veranlassung hier auf diese schon da und dort gestreifte, für die Aphasielehre gewiß äußerst belangreiche Frage einzugehen; doch sei hier als Gegenstück zur obigen Auffassung die eines modernen Linguisten angeführt: „Thus we have found that language does not furnish the much-looked-for means of discovering differences in the mental status of different races“ (Fr. Boas, The Mind of primitive man 1911, p. 154).Google Scholar
  12. 2).
    Daß uns auch hier wieder die ungenügende Scheidung zwischen gedanklicher und sprachlicher Formulierung, auf die wir so großes Gewicht legen, entgegentritt, sei nur nebenbei vermerkt.Google Scholar
  13. 1).
    Die Differenz dieses Gesichtspunktes gegenüber dem bisher geltenden von der einfachen Stellvertretung durch nicht lädierte Partien des Sprachfeldes oder durch das andersseitige gleiche Gebiet sei besonderer Erwägung empfohlen.Google Scholar
  14. 1).
    „In each language only a part of the complete concept that we have in mind is expressed and.. each language has a peculiar tendency to select this or that aspect of the mental image which is conveyed by the expression of the thought“.Google Scholar
  15. 1).
    Wenn Ballet in seiner etwas schematisch gehaltenen Darstellung (Le Lang. int. 1886, p. 15) freilich die Sprachtypen als das einzige Objekt für das Studium der inneren Sprache hinstellte, so war das auch schon für die damalige Zeit eine nicht zutreffende Einseitigkeit; aber ebenso, um das gleich hier zu sagen, erscheint dem Verfasser die jetzt behebte prinzipielle Ablehnung der Sprachtypen nicht gerechtfertigt.Google Scholar
  16. 2).
    „Cette même définition suppose, bien entendu, que les opérations logiques de l’esprit ne se manifestent et n’existent pour autrui qu’à l’aide de la pensée figurée par des signes et particulièrement par ceux, qui constituent le langage. Ce qu’on peut appeler la logique tacite, ou le langage intérieur c’est à dire les impulsions rationelles, subjectives et indépendantes de toute expression, ou restent obscures, même pour les individus qui les éprouvent ou n’acquièrent de la clarté et ne prennent conscience d’elles-mêmes qu’ à l’aide du langage extérieur répercuté et utilisé mentalement par la mémoire“.Google Scholar
  17. 3).
    Die ersten Worte seines Buches lauten: „A tout instant, l’âme parle intérieurement sa pensée... la série des mots intérieurs forme une succession presque continue, parallèle à la succession des autres faits psychiques“; pag. 5, formuliert er noch schärfer: „La parole intérieure est constante; nous ne pensons pas, et par suite nous ne vivons pas sans elle“ und p. 217 stellt er als Regel hin, daß das Wort der Vorstellung vorangeht, wovon er allerdings für die „invention intellectuelle“ eine Ausnahme zuläßt.Google Scholar
  18. 1).
    „Nous pensons, avant de les émettre, les paroles... comment, sous quelle forme et dans quelles conditions les pensons-nous?.....L’élaboration se fait plus ou moins longtemps avant l’émission; elle peut même en être complètement séparée.... ainsi se trouve constitué un groupe de phénomènes relativement homogène, une „sous-fonction“ spéciale que les psychologues étudient généralement sous le nom de langage intérieur“.Google Scholar
  19. 2).
    Bei dieser Gelegenheit möchte Verfasser vorläufig ganz kurz ein Moment bloßlegen, das geeignet ist, die hinsichtlich der endophasischen Sprachformel abgeführten Enqueten, bzw. die Selbstbeobachtungen darüber in ihrem Werte wesentlich herabzumindern. Es ist eine geläufige, auf allen Gebieten des Nervenlebens zu beobachtende und deshalb auch schon prinzipiell als für die psychophysischen Erscheinungen giltig anzusehende Erscheinung, daß automatisch gewordene Funktionen ganz unter der Bewußtseinsschwelle bleiben und erst irgend eine Erschwerung sie teilweise oder ganz über diese Schwelle hebt. Da nun die Angaben über die an sich selbst beobachteten endophasischen Erscheinungen, die so gedeutet werden, daß eben diese die endophasische Formel des Betreffenden darstellen, aus einer Zeit stammen, wo die Sprachfunktionen schon automatisch geworden sind, so ist es sehr wohl denkbar, daß die dem sich selbst Beobachtenden zum Bewußtsein kommenden endophasischen Erscheinungen nicht die ihm geläufigen sind, also nicht eigentlich seiner endophasischen Formel entsprechen. Gewiß gilt dieser Einwand nicht für alle Fälle, aber es scheint doch für manche Fälle die zum Bewußtsein kommende Erschwernis der Funktion das Resultat der Selbstbeobachtungen zu einem irrtümlichen zu gestalten. Daß das in letzter Linie auch für die Verwertung der endophasischen Formel zur Klärung von Aphasiefragen von Belang sein muß, leuchtet ohne weiters ein ; es steht auch in durchsichtigem Einklang mit dem in der Einleitung nach Titchener Mitgeteilten von der jeweilig wechselnden Verwertung der ihm zukommenden Vorstellungstypen.Google Scholar
  20. 1).
    Man wird festhalten dürfen, daß, wenn die im Agrammatisms, ganz allgemein genommen, gestörte Funktion, die im Wesentlichen mit Martys konstruktiver innerer Sprachform zusammenfällt, eine von der Evokation der Wortformel differente Erscheinung ist, auch die psychologische Lokalisation der beiden nicht zusammenfallt, demnach die endophasische Formel Saint-Pauls jedenfalls bei der Gestaltung der agrammatischen Störungen von keinem oder wenigstens keinem erheblichen Einflusse ist.Google Scholar
  21. 2).
    Es wird auf den diesen Ausführungen zugrunde liegenden Fall im pathologischen Teile vor Allem deshalb ausführlicher zurückzukommen sein, weil er bis in die letzte Zeit als Standardfall für die vom Verfasser bekämpfte, der seinen gegenteilige Ansicht von der Lokalisation des Agrammatismus im Stirnlappen ins Treffen geführt wird. Hier sei dem gegenüber nur kurz ausgeführt, daß der Kranke mehr als ein Jahr nach dem Beginn der Erscheinungen zur Beobachtung kam, daß über die dieser vorangehenden Sprachstörung nichts Genaueres bekannt ist, so daß die aus den Erscheinungen erschlossene Annahme, es liege ein Fall motorischer Aphasie und davon herrührenden Agrammatismus vor, durchaus nicht bewiesen ist; es steht bei dem Fehlen des Sektionsbefundes der Annahme nichts entgegen, daß es sich um eine anfänglich vorhanden gewesene Totalaphasie handelt, deren sensorische Komponente sich wie so häufig zurückgebildet hat und demnach der Agrammatismus als Resterscheinung einer Schläfelappenläsion im Sinne des Verfassers zu deuten wäre.Google Scholar
  22. 1).
    Wie Sprachpsychologen über eine derartige auf der Analogie zwischen Wort- und Satzgefüge aufgebauten Ansicht denken, mag noch die nachstehende Anführung aus Wundt (Die Sprache. I, p. 599) illustrieren: „Die alte Vorstellung, der Satz werde aus ursprünglich selbständig existierenden Wörtern zusammengesetzt, kann heute wohl... als beseitigt gelten. Sie ist hier der verwandten Ansicht der alten Stoiker, das Wort selbst sei eine Verbindung von Silben und Buchstaben, allmählich nachgefolgt.“Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1913

Authors and Affiliations

  • Arnold Pick
    • 1
  1. 1.Deutschen Universität in PragTschechische Republik

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