Zusammenfassung
Patienten, die nach einem Schlaganfall einen „Neglect“ aufweisen, verhalten sich so, als ob für sie eine Seite des Außenraumes aufgehört hätte zu existieren. Die Störung tritt nach Schädigung zumeist der rechten, nicht sprachdominanten Hemisphäre auf und betrifft dann die linke Seite. Gegenstände, die sich auf dieser Seite befinden, werden nicht beachtet. Selbst das Lieblingsgetränk bleibt unberührt, wenn es sich links vor dem Patienten auf dem Tisch befindet. Das Geheimnisvolle dieser Erkrankung ist, dass die kontralaterale Vernachlässigung nicht durch Lähmungen, Gefühls- oder Gesichtsfeldstörungen erklärt werden kann. Der Patient lässt das Getränk also nicht deshalb unberührt, weil er es aufgrund eines z. B. halbseitigen Gesichtsfeldausfalles (Hemianopsie) nicht mehr sehen kann, sondern weil er es (mit oder ohne gleichzeitig bestehende Hemianopsie) einfach nicht mehr beachtet. Den Patienten ist nicht bewusst, dass sie diese Schwierigkeiten haben; sie verhalten sich so, als ob alles in Ordnung sei.
Besucht man einen Patienten mit Neglect in den ersten Tagen nach dem Schlaganfall, so schaut ertypischerweise bereits bei der Begrüßung an einem vorbei und reagiert auf die entgegengestreckte Hand entweder gar nicht oder nur unwillig. Die Augen und der Kopf des Patienten sind deutlich zur Seite der Hirnläsion, d.h. zumeist zu seiner rechten Seite, orientiert. Auch bei einem längerem Gespräch kommt es kaum vor, dass ein solcher Patient die abgewandte Kopf-/Körperhaltung auch nur kurz auf den Besucher ausrichtet. Spricht man ihn direkt von vorne oder von seiner linken (vernachlässigten) Seite an, so ignoriert er den Sprecher entweder ganz oder wendet sich zur rechten Seite, um ihn dort zu suchen. Erst wenn man die eigene Position wechselt und sich auf die von dem Patienten beachtete Seite des Raumes begibt, ist ein normales Gespräch mit dem Kranken möglich.
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