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Sich zu falschen Gefühlen ins richtige Verhältnis setzen: Gefühlsproblematisierungen von Psychotherapeut_innen im Interview

  • Lotta FiedelEmail author
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Zusammenfassung

Wenn Psychotherapeut_innen im Interview unaufgefordert über unangemessene Gefühle gegenüber ihren Patient_innen sprechen – werfen sie dann mit dieser freiwilligen Selbstkritik ein schlechtes Licht auf sich als professionelle Subjekte? Die These dieses Artikels ist, dass es sich genau umgekehrt verhält, nämlich dass die Gefühlsproblematisierungen eine Gelegenheit darstellen, die eigene Professionalität im Interview unter Beweis zu stellen. Durch die Skizzierung der historischen Entwicklung des Konzepts der Gegenübertragung wird aufgezeigt, dass sich das Verständnis von therapeutischer Professionalität verändert hat, weg von der Gefühlsneutralität, hin zur Fähigkeit zur Gefühlsreflexion. Anhand von zwei Szenen aus Interviews mit Therapeut_innen wird analysiert, wie die Interviewten der Anforderung, ihre eigenen Gefühle problematisieren zu können, in situ nachkommen. Das Interview ist dabei vor dem Hintergrund der poststrukturalistisch-praxeologischen Subjektivierungstheorie der Ort, an dem das Konzept von therapeutischer Professionalität (re-)produziert wird und sich dabei zugleich die Interviewten als professionelle therapeutische Subjekte positionieren. Es stellt sich dabei auch die Frage, welches Selbst in den Selbstthematisierungen entworfen wird – und in welches Verhältnis sich die Sprechenden zu diesem setzen. Die zwei ausgewählten Szenen illustrieren einerseits, dass der Anforderung, die eigenen Gefühle zu problematisieren, auf unterschiedliche Art und Weise nachgekommen werden kann. Andererseits wird deutlich, dass therapeutische Professionalität über beide Szenen hinweg als affektive Reflexivität hervorgebracht wird: Dies meint die Fähigkeit, sich die eigenen Gefühle zu vergegenwärtigen, sich in ein (kritisches) Verhältnis zu diesen zu setzen und sie entsprechend auch zu regulieren. Diese Anforderung kann über die Praxis der Psychotherapie hinaus als Norm (spät-)moderner Subjektivität verstanden werden: Gefühlsproblematisierungen können dabei helfen, im Wechsel zwischen verschiedenen Lebensbereichen je anders angemessen zu fühlen und zu handeln.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Universität OldenburgOldenburgDeutschland

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