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Selbstbestimmungspraktiken in der Datenökonomie: Gesellschaftlicher Widerspruch oder ‚privates‘ Paradox?

  • Jörn LamlaEmail author
  • Carsten Ochs
Chapter

Zusammenfassung

Seit mehr als zehn Jahren stellen Studien immer wieder grundlegende Diskrepanzen zwischen Verbraucherpräferenzen und -verhalten im Internet fest: Privatheitssorgen übersetzten sich kaum in datenschutzaffines Verhalten. Unser Beitrag lokalisiert die Gründe für dieses sog. Privacy Paradox’ auf Ebene gesellschaftsstruktureller Widersprüche: Er argumentiert mithilfe Giddensscher Praxistheorie, dass Verbraucherinnen in den datenökonomischen Strukturen digitaler Gesellschaften mit der doppelten und widersprüchlichen Anforderung konfrontiert sind, einerseits Daten großzügig mit anderen Instanzen zu teilen, um sich als digital-vernetzte Subjekte zu konstituieren; während sie andererseits doch datensparsam agieren sollen. Der Widerspruch zwischen diesen beiden Formen informationeller Selbstbestimmung kann nicht alltagspraktisch vermittelt werden. Um Selbstbestimmung zu gewährleisten, muss deshalb nach neuen Formen der Verbraucherbeteiligung auf Ebene der Infrastruktur-Gestaltung gesucht werden.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Universität KasselKasselDeutschland

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