Advertisement

Wohlfahrtskapitalistische Regime von unten: Akteursbezogene Erkundungen am Beispiel junger Erwerbsloser in Spanien und Deutschland

  • Christoph GilleEmail author
Chapter

Zusammenfassung

Am Beispiel der Analyse der wohlfahrtskapitalistischen Regime Spanien und Deutschland, in denen junge Erwerbslose leben und die sie co-konstruieren, wird der Ertrag einer Wohlfahrtsstaatenforschung von unten erörtert. Sechs beispielhafte Merkmale zeigen, wie eine akteursbezogene Perspektive dominierende politische Rationalisierungen zum Teil bestätigt, aber zum Teil deutlich verwirft, wie an einer Zurückweisung sogenannter Aktivierungspolitik in beiden Ländern deutlich wird. Gleichzeitig belegt die Analyse, wie auch eigensinnige Deutungen die Regime stabilisieren und zum Ausschluss von Erwerbslosen beitragen. Das geschieht z. B., wenn die Akteure die gesellschaftlichen Voraussetzungen von Arbeitslosigkeit negieren, um Handlungsfähigkeit herzustellen, sie damit aber gleichzeitig drastisch verengen. Schließlich ermöglicht die Perspektive, den methodischen Nationalismus der Regimeanalyse zumindest partiell zu überwinden. Wenn auch unterschiedlich in der Form, sind junge Erwerbslose sowohl in Spanien als auch in Deutschland gleichermaßen vom Abbau sozialer Rechte betroffen – eine Dynamik, die wesentlich durch transnationale Veränderungen ausgelöst wird. Durch die akteursbezogene Perspektive kann der andauernde Wandel der Wohlfahrtskapitalismen so auch in seinem transnationalen Charakter sichtbar gemacht werden.

Schlüsselwörter

Wohlfahrtskapitalistische Regime Jugendarbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit Spanien Deutschland Transformation Wohlfahrtsstaat akteursbezogene Forschung 

Literatur

  1. Allmendinger, J., Jahn, K., Promberger, M., Schels, B., & Stuth, S. (2018). Prekäre Beschäftigung und unsichere Haushalslagen im Lebensverlauf. Gibt es in Deutschland ein verfestigtes Prekariat? WSI Mitteilungen, 4, (S. 259–269).Google Scholar
  2. Banyuls, J., & Recio, A. (2012). Spain: The nightmare of Mediterranean neoliberalism. In S. Lehndorff (Hrsg.), A Triumph of Failed Ideas. European Models of Capitalism in the Crisis (S. 199–218). Brussels: Etui.Google Scholar
  3. Bareis, E., & Cremer-Schäfer, H. (2013). Empirische Alltagsforschung als Kritik. Grundlagen der Forschungsperspektive der „Wohlfahrtsproduktion von unten“. In G. Graßhoff (Hrsg.), Adressaten, Nutzer, Agency. Akteursbezogene Forschungsperspektiven in der Sozialen Arbeit (S. 139–159). Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  4. Bareis, E., Cremer-Schäfer, H., Klee, S. (2015). Arbeitsweisen am Sozialen. Die Perspektive der Nutzungsforschung und der Wohlfahrtsproduktion „von unten“. In E. Bareis & T. Wagner (Hrsg.), Politik mit der Armut. Europäische Sozialpolitik und Wohlfahrtsproduktion „von unten“ (S. 310–340). Münster: Westfälisches Dampfboot.Google Scholar
  5. Beck, U. (2002). Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  6. Bitzan, M., & Bolay, E. (2017). Soziale Arbeit – die Adressatinnen und Adressaten. Theoretische Klärung und Handlungsorientierung. Opladen, Toronto: Barbara Budrich.Google Scholar
  7. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2018). Berufsbildungsbericht 2018. Bonn: BMBF.Google Scholar
  8. Böhnisch, L. (2016). Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa.Google Scholar
  9. Böhnisch, L., Lenz, K., & Schröer, W. (2009). Sozialisation und Bewältigung. Eine Einführung in die Sozialisationstheorie der zweiten Moderne. Weinheim, München: Juventa.Google Scholar
  10. Bourdieu, P. (2000). Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft. Konstanz: UVK.Google Scholar
  11. Cabasés Pique, A. M., & Pardell Veà, A. (2014). Una visión crítica del Plan de Implementación de la Garantía Juvenile n España. Albacete: Bomarzo.Google Scholar
  12. Deutschmann, C. (2014). Zusammenhang und Entstehungshintergründe von Euro- und Finanzkrise. Sozialer Fortschritt 63 (1–2), (S. 2–7).CrossRefGoogle Scholar
  13. Esping-Andersen, G. (1990). The Three Worlds of Welfare Capitalism. Cambridge: Polity Press.Google Scholar
  14. Ferrera, M. (1996). The “Southern Model” of Welfare. Social Europe. Journal of European Social Policy, 6/1 (S. 17/37).CrossRefGoogle Scholar
  15. Giddens, A. (1997). Die Konstitution der Gesellschaft. 3. Auflage. Frankfurt/Main, New York: Campus.Google Scholar
  16. Gille, C. (2019). Junge Erwerbslose in Spanien und Deutschland. Alltag und Handlungsfähigkeit in wohlfahrtskapitalistischen Regimen. Wiesbaden: Springer VS.CrossRefGoogle Scholar
  17. Graßhoff, G. (Hrsg.) (2013). Adressaten, Nutzer, Agency. Akteursbezogene Forschungsperspektiven in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  18. Holzkamp, K. (1985). Grundlegung der Psychologie. Studienausgabe. Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  19. Instituto Nacional de Estadística (INE) (2019). Mercado laboral. http://www.ine.es/dyngs/INEbase/es/categoria.htm?c=Estadistica_P&cid=1254735976595. Zugegriffen: 03. Mai 2019.
  20. Kaufmann, F.-X. (2003). Varianten des Wohlfahrtstaats. Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  21. Kaufmann, F.-X. (2009): Sozialpolitik und Sozialstaat. Soziologische Analysen. 3., erw. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  22. Kessl, F. (2013). Soziale Arbeit in der Transformation des Sozialen. Eine Ortsbestimmung. Wiesbaden: Springer VS.CrossRefGoogle Scholar
  23. Köngeter, S. (2009). Der methodologische Nationalismus in der Sozialen Arbeit in Deutschland. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 4 (S. 340–359).Google Scholar
  24. Lindner, F. (2013). Banken treiben Eurokrise. IMK Report 82. https://www.boeckler.de/imk_5269.htm?produkt=HBS-005522&chunk=1&jahr=. Zugegriffen: 10. August 2019.
  25. Oelerich, G., & Schaarschuch, A. (2013). Sozialpädagogische Nutzerforschung. In G. Graßhoff (Hrsg.), Adressaten, Nutzer, Agency. Akteursbezogene Forschungsperspektiven in der Sozialen Arbeit (S. 85–98). Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  26. Ostner, I. (1995). Arm ohne Ehemann? Sozialpolitische Regulierung von Lebenschancen für Frauen im internationalen Vergleich. Aus Politik und Zeitgeschichte, 36–37 (S. 16–25).Google Scholar
  27. Raitelhuber, E. (2008). Von Akteuren und Agency – eine sozialtheoretische Einordnung der structure/agency Debatte. In G. Homfeldt (Hrsg.), Vom Adressaten zum Akteur. Soziale Arbeit und Agency (S. 17–46). Opladen, Toronto: Barbara Budrich.Google Scholar
  28. Raitelhuber, E. (2012). Ein relationales Verständnis von Agency. Sozialtheoretische Überlegungen und Konsequenzen für empirische Analysen. In S. Bethmann, C. Helfferich, H. Hoffmann & D. Niermann (Hrsg.), Agency. Qualitative Rekonstruktionen und gesellschaftstheoretische Bezüge von Handlungsmächtigkeit. Weinheim: Juventa.Google Scholar
  29. Schmid, J. (2010). Wohlfahrtsstaaten im Vergleich. Soziale Sicherung in Europa: Organisation, Finanzierung, Leistungen und Probleme. 3., aktual. und erw. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.CrossRefGoogle Scholar
  30. Schütz, A., & Luckmann, T. (2003). Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK.Google Scholar
  31. Steinert, H., & Pilgram, A. (Hrsg.) (2003). Welfare Policy from Below. Struggles Against Social Exclusiion in Europe. Hampshire: Ahsgate.Google Scholar
  32. Strauss, A. (1998): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. München: Wilhelm Fink.Google Scholar
  33. Streeck, W. (2015). Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Frankfurter Adorno Vorlesungen. Erweiterte Ausgabe. Berlin: Suhrkamp.Google Scholar
  34. Thiersch, H. (1986). Die Erfahrung der Wirklichkeit. Perspektiven alltagsorientierter Sozialpädagogik. Weinheim, München: Juventa.Google Scholar
  35. Thiersch, H., & Böhnisch, L. (2014). Spiegelungen. Lebensweltorientierung und Lebensbewältigung: Gespräche zur Sozialpädagogik. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.Google Scholar
  36. Walther, A. (2011). Regimes der Unterstützung im Lebenslauf. Ein Beitrag zum internationalen Vergleich in der Sozialpädagogik. Opladen, Farmington Hills: Barbara Budrich.CrossRefGoogle Scholar
  37. Walther, A. (2013). International vergleichende Übergangsforschung. In W. Schröer et al. (Hrsg.), Handbuch Übergänge (S. 1091–1114). Weinheim: Juventa.Google Scholar
  38. Willis, P. (2013). Spaß am Widerstand. Learning to Labour. Hamburg: Argument.Google Scholar
  39. Winker, G, & Degele, N. (2009). Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020

Authors and Affiliations

  1. 1.Hochschule KoblenzKoblenzDeutschland

Personalised recommendations