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Multiple Identitäten von Schülerinnen und Schülern im Lern- und Lebensraum Schule

  • Benjamin EwertEmail author
Chapter
Part of the Educational Governance book series (EDUGOV, volume 43)

Zusammenfassung

Ungeachtet der Vielzahl und zum Teil widersprüchlichen Reformen in Schulen werden Schülerinnen und Schüler weiterhin als monolithisch verfasste Personen verstanden. Eine individuelle und/oder plurale Vorstellung des Selbst, Eigensinn und persönliche Charaktermerkmale werden hingegen nicht mit der Figur des Schülers und der Schülerin assoziiert. Eindimensionale Zuschreibungen in Bezug auf Schülerinnen und Schüler sind angesichts der Komplexität des modernen Schulalltags jedoch unzureichend. Aktuelle schulische Herausforderungen, wie die Gestaltung des schulischen Ganztags, den Schulen auferlegte gesellschaftliche „Reparatur- und Kompensationsaufgaben“ – beispielsweise die Integration von Migranten und Geflüchteten – oder die Vermittlung von Lebenskompetenzen, wie etwa im Bereich Ernährung und Bewegung, erfordern es, Schülerinnen und Schüler als mehrdimensionale Akteure zu begreifen. Erst die Sichtund Nutzbarmachung von multiplen Identitäten im „Lern- und Lebensraum“ Schule ermöglicht es, mit Ganztagsschulen verbundene Potentiale auszuschöpfen. Schülerinnen und Schüler vereinen in ihrer Person und ihren Handlungen, so die in diesem Beitrag vertretene Vorstellung, jeweils Anteile des Lernenden, des Bürgers, des Koproduzenten und Konsumenten sowie des Gemeinschaftsmitglieds. Diese Identitätsfacetten von Schülerinnen und Schülern werden in verschiedenen Kontexten des Schulalltags adressiert und mobilisiert. Im Beitrag werden zunächst theoretische Grundlagen des Konzepts multipler Identitäten dargelegt (2). In einem zweiten Schritt werden Identitätsfacetten von Schülerinnen und Schülern im „Lern- und Lebensraum“ Schule identifiziert (3). Anschließend wird gefragt, welche Identitätsfacetten im modernen Schulalltag „zählen“ bzw. nach welchen Gesichtspunkten die Gewichtung einzelner Identitätsfacetten erfolgt (4). Potentiale der Mobilisierung multipler Identitäten von Schülerinnen und Schülern werden am Beispiel von Ganztagsschulen veranschaulicht (5). Abschließend werden Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer sowie das Schulmanagement, die sich aus dem Konzept multipler Identitäten ergeben, reflektiert (6).

Schlüsselbegriffe

Educational Governance Ganztagsschulen Identitätsbildung Lebenswelt Sozialraum Schülerinnen und Schüler Schulentwicklung 

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  1. 1.HeidelbergDeutschland

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